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FAZ.NET-Frühkritik: Maybrit Illner Vegetarier an der Fleischtheke

 ·  Anders als sonst sollten bei Maybrit Illner diesmal Journalisten und nicht Politiker über die Bundestagswahl sprechen. Es wurde eine Sendung wie aus einem Kochstudio.

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Ich sehe jeden Sonntag den Presseclub in der ARD, solange er von Jörg Schönenborn moderiert wird. Bei ihm habe ich immer das Gefühl, dass er auf den Punkt zu kommen wünscht. Er sammelt Informationen ein, stellt gegenüber, ordnet, fasst zusammen und nimmt dann den Aspekt in den Blick, der sich aus dem vorangegangenen logisch ergibt. So entsteht ein Sog, der einen in fast jedes Thema zieht. Ich habe eigentlich noch nie einen schlechten Presseclub mit Jörg Schönenborn gesehen. Trotzdem dachte ich immer, dass das an den Gästen liegt.

Im Presseclub sind nur Journalisten eingeladen. Journalisten besitzen als Talkshowgäste dieselben Vorteile wie Politiker, ohne auch deren Nachteil zu haben. Sie kennen sich aus, können verständlich formulieren, haben zu allem eine Meinung, stehen aber nicht zur Wahl, weshalb sie offen und sachlich sprechen können und sich nicht strategisch verhalten müssen. Zumindest ist das die Idee. Am Donnerstagabend war das auch die Idee von Maybrit Illner.

Drei Tage vor der Wahl hatte sie die Chefredakteure Giovanni di Lorenzo („Die Zeit“), Roland Tichy („Wirtschaftswoche“) und Jörg Quoos („Focus“) eingeladen, die Autorin Franziska Augstein („Süddeutsche Zeitung“) und den Kolumnisten Hajo Schumacher. Das Thema: „Kampf ums Kanzleramt – überrascht Deutschland sich selbst?“

Mit der Dramatik einer Kochsendung

Maybrit Illner war an diesem Abend nicht anders als sonst. Sie stellte ihre Fragen wie immer gut gelaunt und lächelnd und schaute danach wie immer so, als habe sie sich schon wieder etwas Freches getraut. Es fiel nur diesmal auf, dass es bloß die Frechheit der Einserschülerin ist, die nicht für eine solche gehalten werden will. Antwortete ein Politiker früher auf eine ihrer Frage nicht klar, dachte ich, dass das am Politiker liegt, der versucht auszuweichen. Dazu hatten die Journalisten in der Sendung keinen Grund, und dennoch kam doch nicht mehr heraus. Liegt es am Ende also doch an Maybrit Illner?

Offenbar war für den Ablauf des Gesprächs tatsächlich geplant, die Journalisten einfach zu einer Partei nach der anderen abzufragen. Das ergab eine Dramatik, die ich sonst nur aus Kochsendungen im Fernsehen kenne, wo in Wahrheit schon alles vorbereitet ist und nur noch im richtigen Moment aus dem Backofen gezogen wird. Dort ist es der Braten, hier waren es die Fragen und die Antworten. Hätte die Redaktion nicht den Eindruck gehabt, sie müsse auch noch irgendwas zur großen Gruppe der Nichtwähler machen, es wäre eine ganz und gar langweilige Sendung geworden.

Die Wahlen als Generationenproblem

So aber kam es zum Auftritt von Andrea Hanna Hünniger, die achtundzwanzig Jahre alt ist, freie Journalistin und bekennende Nichtwählerin. Was Letzteres betrifft, arbeitet sie offenbar an einer Medienkarriere, war sie doch mit demselben Bekenntnis vor einiger Zeit bereits bei Günther Jauch aufgetaucht. Nun erklärte sie bei Maybrit Illner, warum sie noch nie zur Wahl gegangen ist. Es liegt, kurz gesagt, daran, dass sie sich bei den Angeboten der Parteien immer vorkommt, „wie eine Vegetarierin an der Fleischtheke“.

Was sich nach einer Geschmacksfrage anhört, beschreibt Andrea Hanna Hünniger als Problem einer Generation, für die sie beispielhaft stehe. Diese Generation erhoffe sich durch die Wahl eine Änderung ihrer Lebensumstände, die in vielen Fällen prekär seien, was sie etwa am gesunkenen Zeilenhonorar für freie Journalisten festmacht. In den Programmen der Parteien finde sich diese Generation aber nicht wieder und in den großen Debatten nicht statt, weil sie im Vergleich zur Generation der Rentner zu klein sei, weswegen es – siehe oben – eben keinen Sinn ergebe, zur Wahl zu gehen. Da war es dann doch gut, dass Journalisten in der Sendung saßen und keine Politiker.

Politiker hätten in Andrea Hanna Hünniger womöglich nur die unentschiedene Wählerin gesehen, die sie bis zum Sonntag noch überzeugen können, wenn sie nur um sie werben. Die Journalisten aber nahmen sie ernst und beim Wort. Das war für sie unangenehmer, aber so ist das eben, wenn andere sich auf einmal wirklich mit einem auseinandersetzen, so wie man sich das angeblich immer gewünscht hat. Dann trennen sich die echten Forderungen sehr schnell von den nur wohlfeilen, die bloß erhoben werden, weil sie folgenlos sind.

Er könne nicht verstehen, was das Zeilenhonorar mit dem Nichtwählen zu tun hat, fragte Hajo Schumacher. „Auch wenn Ihnen das ästhetisch nicht gefällt“, sagte Roland Tichy, aber die Jugend in den technischen Berufen kenne keine prekären Verhältnisse. „Warum gründen Sie nicht eine eigene Partei“, fragte Jörg Quoos.

Das hätte der Beginn einer offenen Diskussion sein können, in der es sogar noch darum hätte gehen können, ob die Piratenpartei nicht genau die Bewegung gewesen ist, die sich um die Fragen der jungen Generation kümmerte, bis sie sich dafür entschied, statt Bewegung zu bleiben, eine Partei werden zu wollen und dabei innerhalb kürzester Zeit und bis hin zu den Wahlplakaten rüberkam wie alle anderen Parteien auch. Womöglich wäre man sogar noch bis zu dem Punkt gekommen, ob die Änderung der Lebensumstände eben gerade von Parteien nicht erhofft werden kann und was das eigentlich für ein seltsamer Glaube an Organisation und Formalismus ist, wo die junge Generation doch so gern für Individualismus und Nonkonformität eintritt. Aber da hatte Maybrit Illner in ihrem Wahlkochstudio schon die nächste Frage vorbereitet.

„Sind Sie nun überzeugt und gehen doch zur Wahl?“ wollte sie am Ende der Sendung von Andrea Hanna Hünniger wissen. „Nein“, antwortete sie, „aber ich bin am Sonntag sowieso nicht in Berlin.“

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