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FAZ.NET Frühkritik: Jauch Zickenkrieg um Krippenplätze

 ·  Auch bei Günter Jauch wurde munter über die Krippenplatz-Garantie debattiert. Die anwesenden Politiker bewiesen dabei wieder, wie weit sie mitunter von der Lebenswirklichkeit deutscher Familien entfernt sind.

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© dpa Welche Betreuung ist besser?

Bundesfamilienministerin zu sein ist derzeit kein Traumjob, im Gegenteil. Sich von der nordrhein-westfälischen Ministerpräsidentin beschimpfen lassen zu müssen wegen des Betreuungsgeldes, das sich Kristina Schröder nicht ausgedacht hat, ist für die junge Ministerin alles andere als lustig. Man sieht es ihrem gequälten Gesichtsausdruck an, dass Frau Kraft ihr auf die Nerven geht  - und umgekehrt. Es ist allerdings auch nicht gerade vorteilhaft für Kristina Schröder, von allen Mitdiskutierenden in Günter Jauchs Talk-Runde als Verantwortliche für den Rechtsanspruch auf einen Krippenplatz angesehen zu werden, obwohl diese Kita-Garantie nicht ihre Idee war, sondern die ihrer Vorgängerin Ursula von der Leyen. „Der Bund kann keine Krippenplätze bauen“, sagt die Familienministerin zu Recht und zählt eine Reihe von Programmen auf, die ihr Ministerium aufgelegt hat, um Ländern und Kommunen beim Ausbau von Plätzen für Kleinkinder zu helfen. Sie lächelt, doch so recht nimmt keiner ihr Argument wahr.     

Zumal das Jauch-Team so gemein war, zu Beginn gefilmte Porträts zweier verzweifelter, in Großstädten lebender Familien zu  senden, die trotz langer und intensiver Suche keinen Krippenplatz finden konnten. Eine dritte Familie hat einen. Doch der Weg, auf dem diese Eltern ihn  erlangt haben, könnte allen anderen zur Weißglut treiben: Sie haben ihn als Preis bei einem Gewinnpiel gewonnen. Die Aussage ist plakativ und in der Verkürzung sicher falsch: Ein Krippenplatz ist kein Sechser im Lotto,  selbst wenn sich das für viele wartende Eltern so anfühlt.

Eine Fachanwältin ermuntert Eltern zu Klagen 

Etwa 560.000 Krippenplätze gibt es derzeit in Deutschland  (Stand: März 2012, aktuellere Zahlen liegen den Statistischen Bundesamt nicht vor); 780.000 soll es bis zum 1. August 2013 geben. Das ist der im Kinderförderungsgesetz aus dem Jahr 2007 festgelegte Beginn des Rechtsanspruchs auf Betreuung. Bisher geht man davon aus, dass etwa 39 Prozent der Eltern von ein- bis dreijährigen Kindern einen Krippenplatz oder einen Platz bei einer Tagesmutter in Anspruch nehmen wollen. Doch während diese Quote auf dem Land oftmals niedriger ist, wünschen sich in Großstädten eher mehr Eltern eine Betreuungslösung für ihr Kleinkind. Schon werden Juristen bemüht, auch von der „Jauch“-Redaktion, die darüber Auskunft geben, unter welchen Voraussetzungen Eltern ihre jeweilige Kommune erfolgreich auf Schadenersatz wegen Lohnausfalls verklagen können. Die Fachanwältin für Familienrecht, die in der Sendung saß, hält solche Klagen für aussichtsreich – aber solche Klagen durchzufechten ist nun einmal ihr Job. Ein bessere Werbung als die Fernsehminuten bei Jauch konnte es für sie gar nicht geben. 

Tapfer machte Kristina Schröder bei Günter Jauch darauf aufmerksam, dass jahrzehntelang bei der Versorgung mit Krippenplätzen geschlafen wurde, dass also auch ihre Vorgängerinnen mitverantwortlich seien für die schwierige Situation. Diesen rhetorische Figur beherrscht natürlich auch Frau Kraft: Sie schiebt das Versäumnis der Vorgängerregierung in die Schuhe – sie selbst sei ja erst seit 2010 an der Macht. Der Bund habe seine Zusagen eingehalten, sagt Frau Schröder, und sogar noch einmal nachfinanziert. Frau Schröder ruft die Eltern auf, bei ihrer Kommune vorzusprechen, ihren Bedarf anzumelden  – und erweckt damit den Eindruck, als hänge es von der Eigeninitiative und der Durchsetzungsfähigkeit der Eltern ab, ob ihr individueller Rechtsanspruch eingelöst wird.

Experte hält Rechtsanspruch für nicht erreichbar

Fachkundig wirkte in der Runde Stefan Sell, Professor für Bildungs- und Sozialpolitik an der der Fachhochschule Koblenz. Er hält das Ausbauziel, von August 2013 an für 39 Prozent der Kleinkinder einen Krippenplatz anzubieten, für nicht mehr erreichbar. Das macht er unter anderem am Erziehermangel fest, dessen Ausmaße er in einer Studie untersucht hat. Dabei konnte er feststellen, dass viele Erzieherinnen schon kurz nach der fünf(!) Jahre dauernden, überwiegend unbezahlten Ausbildung in andere Berufe abwandern, unter anderem in den als Verkäuferin, weil sie in Kitas immer nur Zeitverträge bekamen. Überdies stellte Sell fest, dass Erzieherinnen viel früher als andere Berufsgruppen in Rente gehen – unter anderem, weil sie sich auf den Kinderstühlchen Rückenproblem zuziehen und niemand dafür Sorge trägt, dass sie im Job gesund bleiben.

Als Frau Schröder dann recht theoretisch entgegnete, der Beruf der Erzieherin sei aber ein überaus verantwortungsvoller; auch sei er in der Achtung der Bevölkerung in den vergangenen Jahren sehr gestiegen, warf eine Kindergartenleiterin aus Frankfurt, die als einzige Praktikerin in der Runde vertreten war, zu Recht ein: „Worin, wenn nicht in Gehalt, solle sich denn bitte diese Anerkennung ausdrücken?“ Wenn Berufsanfänger nur 1300 Euro brutto verdienten und auch Leitungen auf maximal 2000 Euro netto kämen, sei das kein überzeugendes Argument zur Personalgewinnung. Dafür erhielt sie dann auch gleich Applaus.  

Fehl am Platze wirkte in der Runde Norbert Blüm. In der Krippenplatz-Debatte ist das Urgestein der christdemokratischen Sozialpolitik nicht auf der Höhe der Zeit. Blüm wandte mehrmals ein, dass nicht Familien sich durch flexible Betreuung schon der Kleinsten wirtschaftskompatibel machen sollten, sondern dass „die Wirtschaft“ den Familien gefälligst mehr Zeit zum Leben lassen solle. Kein falscher Gedanke. Aber angesichts dessen, dass in immer mehr jungen Familien beide Partner arbeiten wollen, wirkte doch sein Sehnsuchtsbild, in dem die Mutter gemütlich mit dem Kind daheim ist, während Papa arbeitet, gestrig. Diese Arbeitsteilung, wie sie noch im Hause Blüm praktiziert wurde, wie der Zuschauer erfahren durfte, wird wohl in den Familien seiner Kinder und Enkel schon längst anders ausgehandelt sein.

Wo waren die Kommunen?

An Blüms Stelle hätte das Jauch-Team besser einen Vertreter einer Kommune eingeladen. Der hätte berichten können, welche Hürden zu nehmen sind, um eine neue Kita zu bauen, und was sich eine Kommune einfallen lassen muss, um Erzieherinnen anzuwerben. Einen klugen Gedanken steuerte der Koblenzer Professor am Ende bei: Größter Gewinner des  Krippenausbaus sind die Krankenkassen, die Rentenkassen und das Finanzamt. Sie alle profitieren von den Gehältern der doppelt erwerbstätigen Eltern sowie den Gehältern der zusätzlichen eingestellten Erzieherinnen. Darum, so Sell, sollten die Sozialkassen auch an den Kosten des Ausbaus beteiligt werden. Das immerhin ist eine neue Forderung in der Krippen-Debatte.

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Jahrgang 1971, Redakteurin in der Politik.

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