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FAZ.NET-Frühkritik: „Hart aber fair“ Wir wissen nicht viel - reden wir doch mal drüber

 ·  Auch die Talk-Runde bei Frank Plasberg glaubte, unbedingt über den Steuerfall Uli Hoeneß reden zu sollen. Doch mangels neuer Einsichten konnte man nur ganz grundsätzlich die Vertrauensfrage stellen.

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Es ist dann ja doch trotz aller bekannten medialen Blähungen erstaunlich, was in so kurzer Zeit schon wieder alles gesagt und geschrieben worden ist zur Causa Hoeneß – bloß noch nicht von allen, obwohl selbst die Kanzlerin nach Aussage des Regierungssprechers „enttäuscht“ ist. Würde man Vergnügungssteuer erheben auf all die Äußerungen, käme ganz schön was zusammen; nur ein Mehrwert, der ist in all dem schwer erkennbar, er war auch nicht zu entdecken in der Geschichte im Nachrichtenmagazin „Focus“, dessen Chefredakteur in Jauchs Talksendung nicht, wie man annehmen konnte, geschwiegen hatte, weil er sich nicht in die Karten sehen lassen wollte; er hatte gar kein besseres Blatt auf der Hand.

In der gestrigen Ausgabe des „Focus“ stand kein Iota mehr als das, was am Sonntag schon alle wussten – und es stand auch darin, dass weder der Beschuldigte noch die Staatsanwaltschaft eine Hausdurchsuchung bei Hoeneß bestätigt haben. An „Spiegel“-Maßstäben gemessen, die ja auch schon lange nicht mehr sind, was sie mal waren, war das eine schon verdächtig dürre Enthüllungsgeschichte.

Doch während weiter gerätselt wird, wie viel Geld denn nun auf welcher Schweizer Bank liegt, wie Uli Hoeneß überhaupt ernstlich glauben konnte, nie erwischt zu werden, weil er ja andernfalls wohl kaum mit dieser Verve und Häufigkeit Steuer- und andere Moral gepredigt hätte - während wir also weiterhin nur sehr wenig harte Daten kennen, musste auch Frank Plasbergs Talkshow das ursprünglich vorgesehene Thema wechseln und die bohrende Unzufriedenheit über das allgemeine Unwissen in der Steuersache Hoeneß mit einer Extraportion Meinung kompensieren, was sich schon in der Vagheit des Mottos bedrohlich abzeichnete: „Ausgerechnet Hoeneß – wem kann man jetzt noch trauen?“

Einfallslosigkeit beim Casting

Wie schon am Vorabend bei Jauch ließ das Casting für „Hart aber fair“ jedoch sehr viele Wünsche offen. Nein, man war wirklich nicht neugierig auf die Gratismoral einer Renate Künast, die dann nichts, aber auch gar nichts sagte, was man nicht hätte absehen können und was nicht jeder Sprechautomat mühelos hervorgebracht hätte, den man auf Künast-Speak programmiert hätte. Willig und schnell sprang die Grünen-Politikerin über jedes Stöckchen, das Roger Köppel ihr hinhielt. Vom Schweizer Publizisten und Chefredakteur der „Weltwoche“ weiß man verlässlich, dass er immer genau das sagen wird, wovon er glaubt, dass er damit am meisten anecken werde.

Dass einer zwar nicht versteht, wie Hoeneß das tun konnte, zugleich aber meint: „Wenn selbst Leute wie Hoeneß ihr Geld in Sicherheit bringen, ist das kein Vertrauensbeweis in den deutschen Staat“;  dass er den behördlichen CD-Kauf als „Hehlerei“ bezeichnet und schließlich noch darauf verweist, wie Gewerkschaften und Juden in den dreißiger Jahren ihr Geld in der Schweiz deponierten, das entspricht dem Rollenbild des kultivierten Krawallbruders. Eine Provokation ist Köppels Auftritt allerdings nur in der schlichten Funktionsgleichung einer Talkshow.

Nicht nur Künast jedoch ließ sich von Köppel hervorlocken, auch beim blässlichen Carsten Kühl, Finanzminister von Rheinland-Pfalz und Erwerber einer Steuersünder-CD, sorgte der Schweizer immerhin für einen leichteren Temperamentsausbruch. Und dass es ein leeres Ritual ist, den Parteienproporz zu erfüllen, bewies die Anwesenheit von Erwin Huber, CSU, Bayerns ehemaligem Finanzminister, der die üblichen Floskeln „kein Kavaliersdelikt“, „Fehler“, „Enttäuschung“ zum Vortrag brachte, dem zum beherzten Apologeten jedoch die sophistische Rhetorik eines Roger Köppel fehlte.

Überforderte Politiker

Und es war dann auch keine gute Idee, die Rolle, welche bei Jauch Alt-Moderator Dieter Kürten spielen musste, in „Hart aber fair“ mit Manfred Breuckmann zu besetzen, auch einer dieser Fußballreporterveteranen, welche gerne mit dem Begriff „Urgestein“ bedacht werden, als wollte man sich vorab schon für die fossilen Ansichten entschuldigen. Zu allem Überfluss hat Breuckmann auch noch ein Buch herausgebracht mit Hoeneß und diversen anderen („Fußballgipfel“), was ihn unausweichlich in eine Situation brachte wie beim Ausparken in der Großstadt: Ob er vor- oder zurücksetzt, er richtet entweder Blechschaden an oder kommt nicht vom Fleck. Im Gegensatz zu Kürten verursachte Breuckmann ein paar kleinere Schrammen, weil er von „krimineller Energie“ sprach, aber auch von seiner „Theorie“, dass Uli Hoeneß „ein sozialer Mensch“ sei. Der Uli wird’s ihm schon nachsehen.

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