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FAZ.NET-Frühkritik: Hart aber fair Doof sind immer nur die anderen

 ·  Sich von neuen Technologien überfordert zu zeigen, gehört zum guten Ton in der Generation Fernsehen. Vor der zukünftigen Gesellschaft zu kapitulieren geht aber zu weit. Bei „Hart aber fair“ bleiben zu viele Fragen unbeantwortet.

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© dapd Wo sind Zettel und Stift? Die Kinder von heute haben ein Smartphone zur Hand

Nicht immer ist der Moderator schuld. Frank Plasbergs Sender, die ARD, hatte am Montagabend Teile seines Publikums schon für „doof“ erklärt, bevor er mit seinen Gästen darüber diskutieren konnte, „wie doof uns Apple und Co.“ nun wirklich machen.

„Der Apple-Check“ stellte bereits um 20:15 Uhr fest, dass ein iPhone 3GS den Sturz in ein volles Bierglas nicht übersteht, dass ein Rentner in den ersten drei Minuten allein mit einem iPad überfordert sein kann und dass sich – so die Auswertung einer Computertomographie - niemand aus rationalen Überlegungen für ein Apple-Produkt entscheidet. „Apple ist seinen Preis kaum wert“, befand der Sender. Wer ihn trotzdem bezahle, musste „doof“ sein. Da stellt auch die Wirklichkeit, dass Apple inzwischen 500 Millionen Geräte verkauft hat, keine weitere Frage, für die sich die ARD interessierte.

Um dennoch eine Diskussion zu entfachen, hatte Frank Plasberg vorgesorgt. Er begann seine Talkshow mit einer iPhone-Rassel, einem Beißring, der es auch sechs Monate alten Babys erlaubt, mit iPhones zu spielen. Die Medienpädagogin, Buchautorin und Mutter Paula Bleckmann; der Präsident des Deutschen Lehrerverbands, Josef Kraus; und die Schauspielerin Gesine Cukrowski waren sich einig, dass sich in dem Stück Plastik der Schrecken der Moderne und eine „ganz schreckliche Tendenz“ widerspiegele.

Der Wissenschaftsjournalist Ranga Yogeshwar fand das Spielzeug albern und unbrauchbar, und der Berliner Piratenabgeordnete Christopher Lauer enthielt sich der Meinung. Er hatte dafür eine, als es kurz darauf um ein Töpfchen für Dreijährige ging, das gleichzeitig ein iPad-Halter ist und fragte, ob es das auch für seine Größe gäbe.

Auch Eltern müssen den Umgang mit Smartphones lernen

Damit war die Diskussion eigentlich nach fünf Minuten entschieden. Paula Bleckmann sagte noch einige Male, dass sie Eltern zwar empfehle, Kindern jünger als 15 Jahren alle Telefone zu verbieten, dass es aber auch Ausnahmen geben könne. Josef Kraus dagegen blieb stur. Handys seien „elektronische Fußfesseln“, die zu einem „kritischen, asketischen Umgang“ verpflichteten, wollte man nicht zulassen, dass sie den „zwischenmenschlichen Umgang und die Sprache verarmen“. Gesine Cukrowski wollte es nicht ganz so deutlich sagen, pflichtete Kraus aber indirekt bei, indem sie ihre Freude darüber zum Ausdruck brachte, dass ihre elfjährige Tochter in der Waldorfschule weder Fernsehen noch Internet ausgesetzt sei.

Allein Yogeshwar und Lauer versuchten es mit Abwägungen und Argumenten. Yogeshwar sprach über eigene Erfahrungen in seiner Familie, erzählte vom tendenziös spielsüchtigen aber doch einsichtigen Sohn. Und er berichtete von sich selbst und der Erfahrung, dass die neuen Technologien dazu verleiteten, die eigenen Kinder ständig zu kontrollieren, aus Sorge um ihre Sicherheit.

Dass ein Kind, das sich zehn Minuten nicht meldet, nicht gleich schwerverletzt im Straßengraben zu vermuten ist, müssten Eltern erst einmal lernen. Das sah Lauer prinzipiell auch so. Es gehe heute, sagte der Jungpolitiker, um „digitale Selbstkontrolle“ und das Erlernen einer „digitalen Risikokompetenz“ deren Rahmen noch nicht abgesteckt sei. Warum sich das öffentlich-rechtliche Fernsehen nicht mit einem Telekolleg an dieser Aufgabe beteilige, wollte Lauer spontan von Plasberg wissen, der die Frage einfach überhörte.

Wozu braucht ein Piratenpolitiker einen Notizblock?

Der Moderator zeigte lieber Einspielfilmchen: beispielsweise Viertklässler, die sich bei der Wahl zwischen einem kuschligen Kaninchen und einem iPad mehrheitlich für Letzteres entschieden. Wenn sie doch für das Kaninchen optierten, dann, weil sie „schon ein iPad zuhause haben“ oder „noch nie so nah an einem Hasen“ waren, wie ein Kind sagte.

Das kollektive Seufzen des ARD-Publikums fasste Josef Kraus anschließend in Worte, mit denen er das Abendland völlig in sich zusammenstürzen ließ: Die Kinder seien heute zu dick, zu doof, zu faul und obendrein süchtig nach falschen Wirklichkeiten. Weil sie weder mit realen Mitmenschen umzugehen wüssten, noch in der Lage wären, ordentlich zu kommunizieren, auf einen Baum zu klettern oder bloß auf einem Bein zu stehen, fand der Lehrerpräsident auch keinen Grund zur Hoffnung. Medienerziehung ab der fünften Klasse könnte helfen, stellte er abschließend aber unentschlossen fest.

Die Lieblings-Apps von acht Internet-Experten

Damit waren alle Meinungen ausgetauscht. In „Hart aber fair“-Tradition kamen auch die Meinungen der Zuschauer per Internet zur Geltung, und im Einzelgespräch durfte Moritz Freiherr Knigge noch meinen, dass es eher nicht erlaubt sei, in einer Bibliothek lautstark zu telefonieren. Um diese komplizierte Frage verständlich zu machen, fertigte Plasbergs Team einen Einspielfilm an. Diese Mühe hätten sie sich nicht machen müssen, Mut dagegen wäre gut gewesen. Denn in der Diskussion ergaben sich Situationen, die trotz aller gemeinter Wahrheiten faktische Wirklichkeiten zum Vorschein brachten, an die man hätte anknüpfen müssen.

So packte Christopher Lauer mitten in der Sendung einen Notizblock aus, um zu zeigen, dass er nicht mehr selbstverständlich zum Smartphone greift, wenn es die Situation eigentlich erfordere. Was bedeutet das? Welche Überlegungen und Erfahrungen stecken hinter diesem Verhalten? Wir erfuhren es nicht. Über Verhalten wurde nicht gesprochen, erst recht nicht über das der Erwachsenen, die zusammensaßen um gemeinsam die Welt ihrer Kinder zu bedauern.

Sie versuchen, es nicht nach Kapitulation aussehen zu lassen

Yogeshwar und Lauer hatten es angedeutet, es sind vor allem die Erwachsenen, die plötzlich mit Technologie und einer radikalen Veränderung konfrontiert werden, während die Kinder die Technologien als Normalzustand betrachten. Kein Wort dazu. Auch Paula Bleckmann musste sich nicht dazu äußern, was auf ihr radikales „Nein“ gegenüber den eigenen und fremden Kindern eigentlich folgt.

Unbeantwortet blieb auch die Frage, die sich unausweichlich aufdrängte: Auf welche Gesellschaft bereiten wir unsere Kinder eigentlich vor? Die Experten hatten keine Antworten. Statt sich der Wirklichkeit zu stellen, verpackten sie ihre Wünsche in Appelle und versuchten, es nicht nach Kapitulation aussehen zu lassen.

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