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FAZ.NET-Frühkritik Günther Jauch Die Welt ist ein bisschen komplizierter

 ·  Bei Günther Jauch sollte es um radikale deutsche Salafisten gehen. Statt dessen geriet die Diskussion zu einem Schlagabtausch über den Islam.

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Es gibt Diskussionsrunden, die gelingen einfach nicht. Ein Beispiel, wie so etwas passieren kann, konnte man gestern Abend bei „Günther Jauch“ verfolgen. „Im Namen Allahs - was tun gegen Deutschlands Gotteskrieger?“ lautete das Thema, und ein wichtigeres hätte die Sendung nicht wählen können in dieser Woche, in der vier Salafisten festgenommen worden sind, die einen Mordanschlag auf Markus Beisicht, Chef der rechtsextremen Pro-NRW-Splitterpartei, geplant haben sollen. Etwa 4500 Salafisten soll es in Deutschland geben, so Schätzungen von Bundesinnenministerium und Verfassungsschutz. Als besonders fanatisch und aggressiv unter ihnen gelten junge Deutsche, die zum Islam konvertieren. Es ging also um ein Thema, bei dem es auf den ersten Blick zwar um eine radikale Randgruppe geht, das in Wirklichkeit aber die gesamte Gesellschaft betrifft. Aus deren Mitte haben sich Jugendliche schließlich irgendwann entfernt und sind zu Gotteskriegern geworden. Es muss darüber nachgedacht werden, warum sie dies taten, und wie das Abdriften von weiteren jungen Leuten in den gewaltbereiten Islamismus in Zukunft verhindert werden kann.

Um so bedauerlicher, dass ein wirkliches Gespräch nicht einmal ansatzweise zustande kam. Reflexhaft wurden die Standardformeln der Islamdebatte bedient: von Extrembeispielen abgeleitete Verallgemeinerungen über Muslime und den Islam, die ein Teil der geladenen Gäste im Folgenden versuchte zu relativieren. So geriet die Diskussion schon nach wenigen Minuten zu einem wütenden Schlagabtausch der Anwesenden, von denen kaum einer bereit zu sein schien, sich der Frage der Sendung konstruktiv zu stellen. Günther Jauch wirkte bei all dem ziemlich ratlos.

In sein Studio geladen hatte er an diesem Abend den CDU-Mann Wolfgang Bosbach, Vorsitzender des Innenausschusses im Bundestag; den Imam Ferid Heider aus Berlin, der in Deutschland als Sohn einer Polin und eines Irakers geboren wurde und der erst als junger Mann, nach einem Absturz in die Drogenszene, zum Glauben fand; ferner die Journalistin Güner Balci, die früher als Sozialarbeiterin mit Jugendlichen im Berliner Stadtteil Neukölln arbeitete und bei einigen eine radikale Hinwendung zum muslimischen Glauben verfolgen konnte; dann den Journalisten Yassin Musharbash, Experte für Terrorismus und Islam; und einen jungen Mann namens Barino Barsoum.
 
Was Barsoum zu sagen hatte, war zunächst interessant, denn der Weg, den er als Jugendlicher einschlug, hätte in die Gewalt führen können: Mit 18 Jahren mündete sein Versuch, den eigenen „religiösen Hunger“ zu stillen, wie er sagte, in die Konvertierung zum Islam, von dem er sich aber, als er in seiner Moscheengemeinde mit radikalen, die Gewalt verherrlichenden Tendenzen konfrontiert wurde, wieder ab-, und schließlich dem Christentum zuwendete. „Wir dürfen uns in dieser Gesellschaft nicht den Mund verbieten lassen“, antwortete er auf die Frage Jauchs, ob er als einer, der vom muslimischen Glauben abgefallen ist, nicht um sein Leben fürchte – und zeigte dann leider in der Diskussion, dass er darunter offenbar vor allem versteht, Leute nicht ausreden zu lassen, die andere Erfahrungen mit dem Islam und mit Muslimen gemacht haben.  Die größte Angriffsfläche bot da natürlich der Imam, der sich wiederum von einem, der „ein falsches Islamverständnis vermittelt bekommen hat“, nicht seine Religion erklären lassen wollte.

Radikales Eintreten für das Kopftuch

Dem Imam zufolge geht das Problem nicht von den Moscheengemeinden aus, sondern von Predigern, die Jugendliche zu sich nach Hause einladen, und es wäre interessant gewesen ein wenig bei diesem Punkt zu bleiben. Doch Güner Balci wollte lieber darüber diskutieren, dass die Radikalität ja schon bei der strengen Geschlechtertrennung beginne, die von vielen Imamen vertreten wird – laut Balci auch von Imam Heider. Die Journalistin hatte offenbar im Internet über ihn recherchiert und was sie zu berichten hatte (radikales Eintreten für das Kopftuch; Heiders Unwille, Frauen die Hand zu geben)  verstärkte für den Zuschauer nicht unbedingt das Vertrauen in Heider und ließ fast alles, was der Imam noch sagte, fragwürdig erscheinen. Sollte es sich bei dem Imam tatsächlich um jemanden handeln, der den Islam auf die von Balci berichtete Art vertritt, dann wäre es Sache der Sendung gewesen, ihn entsprechend vorzustellen. So war man als Zuschauer einfach sehr verunsichert.

Ein wahrer Lichtblick in der Diskussion waren die Versuche von Yassin Musharbash, etwas gelassener und vor allem differenzierter an das Thema heranzugehen. Der Islam sei nicht einfach der Islam, und man könne nicht den Koran aufschlagen, darin lesen und sagen: Aha, so wird das bei denen gemacht. Immer wieder erinnerte der Journalist daran, dass die meisten Muslime in Deutschland gar nicht auf die Idee kommen würden, sich zu radikalisieren, sondern ganz normale Bürger sind, wie alle anderen auch. Und als Bosbach dann auch noch verkündete, er beurteile den politischen Islam danach, wie es in jenen Ländern aussehe, in denen der Islam Staatsreligion sei, und nicht danach, wie man ihn in der Diaspora lebe, sagte Musharbash: „Die Welt ist ein bisschen komplizierter als so, wie sie diese beschreiben“. Da hat er recht. Doch die Einsicht, dass man mit Verallgemeinerungen und pauschalen Schuldzuweisungen bei dem Problem der deutschen Gotteskrieger nicht weiterkommt, fehlte ansonsten an diesem Abend.

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Jahrgang 1975. Redakteurin im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

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