Home
http://www.faz.net/-hon-76gj3
Mittwoch, 19. Juni 2013
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

FAZ.NET Frühkritik: Günther Jauch Die letzte Hoffnung des Katholizismus

 ·  Jauch wagte ein Experiment. Er nahm das Thema der letzten Sendung wieder auf. Der katholischen Kirche hat das aber auch nicht geholfen.

Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (125)

Für einen Soziologen kann die katholische Kirche wie ein Wunder wirken. Es gibt keine Institution mit einer vergleichbaren Geschichte, die über fast 2.000 Jahre die eigene Existenz bewahrt hat. An ihrer moralischen Unfehlbarkeit lag das offenbar nicht. Über die Jahrhunderte hat es kein Delikt des Strafgesetzbuches und mit Sicherheit keine Sünde auf Erden gegeben, die nicht auch innerhalb der Katholischen Kirche nachzuweisen wäre. Ihr ihre moralischen Verfehlungen vorzuwerfen, ist daher eine leichte Übung und hat selten so viel Erfolg gehabt wie in Gestalt eines Martin Luther, mit dem sich vor fast 500 Jahren die Protestanten formierten und abspalteten - und selbst das hat die katholische Kirche überlebt. Nun hätte ein Martin Luther mit seiner deutlichen Ansprache heute in Talkshows sicherlich ein Kommunikationsproblem. Er wäre der Schrecken aller PR-Berater. Schließlich sorgt schon ein Martin Lohmann, katholischer Hardliner und Chefredakteur eines katholischen Fernsehsenders ohne Zuschauer, für Aufregung. So war es vergangene Woche bei Günther Jauch passiert. So bleibt es bei der bloßen Idee, sich einen Luther und einen seiner damaligen jesuitischen Feinde bei Jauch (und seinen Karteikarten) beim Thema „Die Glaubens-Frage: Wie lebensnah ist die Kirche?“ vorzustellen. Die Zuschauer von Günther Jauch mussten sich gestern mit sanfteren Gästen bescheiden.

Ein Herz und eine Seele

Der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, Nikolaus Schneider, und der Weihbischof der Erzbistums Hamburg, Hans-Jochen Jaschke, waren ein Herz und eine Seele. Die durchaus angedeuteten theologischen Differenzen könnten von den 50 Millionen Angehörigen beider Konfessionen in Deutschland wahrscheinlich ohnehin nur noch ein Prozent benennen. Und das ist schon eine optimistische Schätzung. Einer, der das sicherlich noch kann, ist Oskar Lafontaine. Immerhin hatte der Fraktionsvorsitzender der Linken im Saarländischen Landtag bei der früheren Kaderschmiede der Katholischen Kirche, den Jesuiten, Vorlesungen besucht. Bei Jauch erläuterte er, warum er nie aus der Kirche ausgetreten sei: „Wir leben in einer Gesellschaft mit einem rasanten Werteverfall“, sagte der ehemalige Parteivorsitzende der SPD und der Linken. Daher wolle er Institutionen unterstützen, die diese Werte noch verträten. Für ihn sei das etwa die kirchliche Soziallehre. Zudem empfinde er gegenüber der Katholischen Kirche ein Loyalitätsgefühl, weil sie ihm jene höhere Schulbildung als Voraussetzung für seine spätere Karriere erst ermöglicht habe. Jenseits des biografischen Motivs ist das ein pragmatisches Argument, das gestern auch Moderator Johannes B. Kerner und Sylvia Löhrmann teilten. Die NRW-Kultusministerin ist Mitglied im Zentralkomitee der deutschen Katholiken.

Das pragmatischen Argument, es ist das stärkste gesellschaftliche Argument heute für beide Kirchen. Und das ist ihr Problem. In der Lebenswelt der meisten Deutschen sind die Kirchen heute ansonsten schlicht irrelevant geworden. Wenige lassen sich noch von der Moraltheologie des Papstes ihre Sexualpraxis diktieren. Wenn Weihbischof Jaschke sagte, „Kirchen ohne Menschen“ seien „keine Kirche“ und das könne so nicht weitergehen, dokumentiert er damit nur die Hilflosigkeit gegenüber der Einstellung der eigenen Mitglieder. Viele von ihnen haben sich mental dem Protestantismus angenähert.

Der Anspruch der Katholischen Kirche, nach ihren Grundsätzen die Lebenswelt der  „Gläubigen“ zu gestalten, findet bestenfalls noch wohlwollende Ablehnung. Ihre organisationssoziologischen Grundlagen vom Anspruch Roms auf Verbindlichkeit über das Zölibat bis zur Frage nach der Priesterweihe für Frauen werden bestritten. Heinrich Bölls Protagonist Hans Schnier war zwar gestern Abend nicht bei Jauch zu Gast, aber im Vergleich zu ihm zeigt sich der Jammer des real existierenden Katholizismus. Katholiken seien „die eingebildetste Menschengruppe, die ich kenne“; hatte Böll ihn einst sagen lassen. „Sie bilden sich auf alles etwas ein: auf das, was stark an ihrer Kirche, auf das, was schwach an ihr ist, und sie erwarten von jedem, den sie für halbwegs intelligent halten, dass er bald konvertiert.“ Diese Welt des rheinischen Katholizismus, wie sie Böll Schnier in den „Ansichten eines Clowns“ beschrieben ließ, ist schon lange untergegangen. Man bekommt vor diesem Hintergrund mit dem Weihbischof Jaschke fast schon wieder Mitleid. Heute klopfen nur noch die Kerners mit pragmatischen Argumenten an die Tür der Kirche.

Spionage in Kölner Krankenhäusern

Die Institution Kirche ist offenbar nur noch in den Strukturen des deutschen Sozialstaats wirklich  relevant. Als Betreiber von Krankenhäusern, Kindergärten oder Pflegeheimen. Der Skandal um die verweigerte  Behandlung eines Vergewaltigungsopfers in Kölner Krankenhäusern brachte dieses moralische Kartenhaus zum Einsturz, das die Kirche errichtet hat. Offenkundig müssen in Köln katholische Fundamentalisten die Mitarbeiter in konfessionell gebundenen Krankenhäuser an ihre katholische Trägerschaft erinnert haben. Jaschke sprach sogar von „Spionage“, und das ist noch höflich formuliert. Die Drohung mit dem Verlust des Arbeitsplatzes bei Nichteinhaltung der Lehre vom Beginn menschlichen Lebens mit der Einnistung der befruchteten Eizelle hatte Wirkung gezeigt. Die Ärzte handelten nicht aus Überzeugung, sondern unter Zwang. Jaschke kritisierte dieses Verhalten überdeutlich. Er hob den Respekt der Kirche vor unterschiedlichen Werturteilen von Menschen hervor – und dass sich der Kölner Kardinal Meisner und sogar Rom diesem Grundsatz in Zukunft verpflichtet fühlten. Es blieb ihnen auch nichts anders übrig: Ansonsten müsste die Kirche wohl ihr sozialpolitisches Kerngeschäft aufgeben. Das gilt absehbar auch für das Arbeitsrecht – und etwa den Umgang mit Homosexuellen oder wiederverheirateten Mitarbeitern. Im Sozialstaat agieren sie eben als Dienstleister und sind daher nur noch den Moralvorstellungen der Gesellschaft verpflichtet. Moral wird übrigens im Übermaß produziert – und die Grünen sind dabei heute wesentlich erfolgreicher als die Kirchen. Zudem ist ihnen die katholische Erfindung der Doppelmoral ein Greuel.

Vertreter der katholischen Postmoderne

Die von Kardinal Meisner beklagte „Katholikenphobie“ - oder gar die aus Rom diagnostizierte „Pogromstimmung“ - ist lediglich der Ausdruck für die Selbstüberschätzung des katholischen Klerus bezüglich seiner eigenen Bedeutung. Im Grunde nimmt man ihn nur noch ernst, weil er halt noch da ist, und nicht wegen seiner Überzeugungen. Selbst die überzeugten Katholiken machten das bei Jauch deutlich. Bekanntlich waren Konfessionslose, Atheisten oder Muslime nicht eingeladen. Es bliebe damit noch Matthias Matussek als Vertreter der katholischen Postmoderne. Aber er ist wohl mehr ein Symptom der Krise des Katholizismus als ein Beitrag zur Wiedergewinnung verlorener Identität. So hat es sich gestern Abend durchaus gelohnt, ein Thema der vergangenen Sendung wieder aufzunehmen. Immerhin: In zweitausend Jahren Kirchengeschichte ist ein vergleichbarer Fall nicht bekannt. In Rom wird man das vielleicht sogar zur Kenntnis nehmen.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

99 Luftballons

Von Fridtjof Küchemann

Google will jetzt auch die Lufthoheit und lässt kommunizierende Ballons durch die Stratosphäre segeln. Wie niedlich, könnte man meinen, würde man den kalifornische Datensammler nicht besser kennen. Mehr 1 3