Irgendwo in Deutschland. In einem Krankenhaus trifft sich ein Ärzteteam am Bett des Patienten. Es handelt sich um einen bekannten deutschen Talkmaster, dessen Namen wir aus Diskretionsgründen verschweigen. Es beginnt das Gespräch mit den Medizinern. Der Patient fragt sie nach den Voraussetzungen, um gute Ärzte zu werden. Wie gewinnen sie Vertrauen? Was müssen sie eigentlich machen, um erfolgreich zu operieren?
Die Ärzte werden dem Patienten nur Gutes über ihren Berufsstand erzählen. Sie sind immer auf den neuesten Stand der wissenschaftlichen Erkenntnis, haben nur das Wohl des Patienten im Auge und sind daher optimistisch für jede bevorstehende Operation. Der Talkmaster fällt, schon leicht narkotisiert von den vielen Worten, in den Tiefschlaf. Über das, was die Ärzte in seiner Operation tun werden, wird mit keinem Wort gesprochen.
Politiker als Analytiker ihres eigenen Berufsstands
Natürlich wird es auch Frank Plasberg nicht interessieren, warum der Arzt etwas als Arzt tut, sondern was er konkret mit ihm machen wird. In der Politik gilt das in gleicher Weise. Der Wähler interessiert sich für das, was Politiker in ihrer Funktion beschließen werden. Ob zur Europapolitik, dem Betreuungsgeld, Mindestlöhnen oder eines der vielen anderen Themen, die jeden Tag diskutiert werden. Dann kann er sich ein Urteil bilden und eine Wahlentscheidung treffen. Wie sie das machen, interessiert ihn zwar auch, aber in der Beziehung kann er vom Arzt oder Politiker nur eine Antwort erwarten: Beide werden ihm mit treuherzigem Augenaufschlag versichern, dass man ihnen uneingeschränkt vertrauen könne.
Eine banale Erkenntnis. Nur warum werden dann Politiker in Talk-Shows immer öfter zu Analytikern des eigenen Berufsstand gemacht? „Hart aber fair“ war dafür gestern Abend ein gutes Beispiel. „Chaostruppe FDP - Steinbrücks beste Wahlhelfer?“, so hieß das Thema. Darüber kann man sicherlich reden, aber wirklich mit den eingeladenen Gästen? Außer dem TV-Moderator und Kolumnisten des Monatsmagazins „Cicero“, Wulf Schmiese, waren vier Politiker eingeladen worden. So erfuhren wir, dass die FDP und ihr Vorsitzender Philipp Rösler toll sind, der SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück und seine SPD ebenfalls, die Grünen sowieso und die Bundeskanzlerin mit ihrer CDU ist bekanntlich unübertroffen.
Dass die jeweiligen Damen und Herren über ihre politischen Rivalen nicht dieser Meinung waren, überrascht auch nicht wirklich. Politiker, Ärzte (und auch alle anderen Berufsgruppen) können in solchen Konstellationen unmöglich aus ihrem Rollenverständnis ausbrechen: Der leiseste Zweifel an der eigenen Kompetenz erzeugte beim Patienten (oder Wähler) Misstrauen. Er lässt sich dann weder operieren, noch wählt er die entsprechende Partei. Deshalb wird ein Wolfgang Kubicki, FDP-Fraktionsvorsitzender im Kieler Landtag, seinen Bundesvorsitzenden Philipp Rösler loben, selbst wenn er ihn für einen politischen Laiendarsteller halten sollte. Und der Fraktionsgeschäftsführer der SPD-Bundestagsfraktion, Thomas Oppermann, jede Tolpatschigkeit seines Kanzlerkandidaten Peer Steinbrück in die Charakterfestigkeit eines Mannes mit „Ecken und Kanten“ umdeuten müssen. Der Einzige, der das nicht muss, ist ein Nicht-Politiker als Gast. Der steht aber, wie gestern Abend Schmiese, alleine auf verlorenem Posten.
Vielleicht sollte man seinen Arzt oder Apotheker fragen
So wurde jede Themen-orientierte Debatte von Plasberg unterbunden, weil sie nicht in das Konzept der gestrigen Sendung passte. Aber erfuhr man wenigstens etwas darüber, wie Politik funktioniert, wenn man schon nicht erfährt, was sie macht? So hatte die Zweitstimmen-Kampagne der FDP in der Wahl vom vergangenen Sonntag einen durchschlagenden Erfolg. Zwar wurde es in einem Einspieler thematisiert, dass die niedersächsischen FDP-Wähler mit 80 % die CDU als ihre erste Parteienpräferenz angaben (und nur mit 9 % die FDP selbst). Aber anschließend gab es einen ermüdenden Wortwechsel über die Legitimation der Leihstimme, die niemand bestreitet, der noch halbwegs bei Verstand ist. Nur die eigentliche Frage, was das eigentlich bedeutet, wenn eine Partei wie die FDP auf ihre Funktion als Mehrheitsbeschaffer des schwarz-gelben Lagers reduziert wird, aber diese Funktion nach einer Wahlniederlage nicht ausüben kann, blieb ungeklärt.
Dass die Bundestagsabgeordnete der Grünen, Bärbel Höhn, die fehlenden Inhalte der FDP beklagte, um diese aber gleichzeitig nicht für überzeugend zu halten, passte in das Niveau der Sendung. Sie versandete schließlich in den Erkenntnissen aus dem Poesiealbum der stellvertretenden CDU-Bundesvorsitzendenden Julia Klöckner: „Wir“, die Politiker, „sind für den Menschen da und nicht für uns selbst.“ Außerdem hätten sie auch eine menschliche Seite. Wer hätte das gedacht? Vielleicht sollte man seinen Arzt oder Apotheker fragen.
Vom hässlichen Entlein zum stolzen Schwan
Aber eine Erkenntnis brachte die Sendung: Machtausübung ist das Lebenselixier des Politikers. Der gelungene Schachzug Röslers, seine Partei durch ein Rücktrittsangebot zu einer Loyalitätserklärung zu zwingen, rückt ihn in ein anderes Bild. Macht erzeugt eine erstaunliche Metamorphose: Sie macht aus jedem hässlichen Entlein einen stolzen Schwan. Was gestern noch als Ausdruck für Langeweile und rhetorische Unfähigkeit galt, nämlich Röslers Rede auf dem Dreikönigstreffen der FDP in Stuttgart, wurde in einem Einspieler plötzlich zum Beleg für seine machtpolitische Raffinesse. „So einen Beitrag hätten Sie vor der Niedersachsenwahl nicht gezeigt“, so Frau Klöckner.
Nun lieferte Rösler zwar auch keinen Grund dafür, aber es war trotzdem eine kluge Beobachtung. Allerdings nicht darüber, wie Politik funktioniert, sondern der Journalismus und seine bisweilen kaum verhohlene Bewunderung für solche Machtdemonstrationen. Insofern sollte nicht nur Plasberg aus dieser Sendung eine Schlussfolgerung ziehen. Es ist sinnlos mit Politikern in solchen Formaten darüber zu diskutieren, warum sie als Politiker wie handeln. Man kann mit ihnen lediglich darüber reden, was sie tun oder auch nur beabsichtigen zu tun. Oder später nicht getan haben. Ansonsten fällt das Publikum wie gestern Abend in den Tiefschlaf. Selbst wenn das der Volksgesundheit dienen sollte: Es kann nicht der Sinn solcher Sendungen sein.
"Talk-Shows als Narkotikum"
Helga Zießler (Steuernagel34)
- 27.01.2013, 13:50 Uhr
GEZ Gebühren fuer Plasberg Firma Ansager und Schnipselmann GmbH ?
Jürgen Jost (juergenj2)
- 22.01.2013, 21:26 Uhr
Die Betonung liegt auf "Show". Aber, ist Show denn die Aufgabe
des ÖR? Dafür eine Zwangsabgabe?
Otto Meier (DerQuerulant)
- 22.01.2013, 15:50 Uhr
Komplett daneben
Michael Andre (MilesMuc)
- 22.01.2013, 12:35 Uhr
Vielleicht sollte man den Patienten mal einladen!?!
Rolf Huchthausen (huchthausen)
- 22.01.2013, 11:59 Uhr