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FAZ.NET-Frühkritik: Beckmann Offene Rechnungen

 ·  „Müssen wir Angst vor neuem Terror haben?“ fragte Reinhold Beckmann seine Gäste. Die brauchten nicht lang für die Antwort: Der Terror könnte zunehmen.

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© AP Vergrößern Dual-Use-Produkt: Die Reste eines zur Bombe umfunktionierten Schnellkochtopfs am Tatort in Boston

Wie wenig doch im medialen Gespräch über die Bomben von Boston davon die Rede ist, dass erst vor wenigen Monaten in Deutschland eine primitive Bombe auf einem Bahnhof herumstand. Auch bei Reinhold Beckmann, in einer Sendung, die sich ursprünglich mit dem nunmehr verschobenen NSU-Prozess beschäftigen wollte, wurde Bonn nicht erwähnt. Immerhin aber wagten die Gäste ein ruhiges Gespräch über die Bedrohung der modernen Gesellschaft durch den Terror aller Coleur – um auf diesem Weg abermals daran zu erinnern, dass es absoluten Schutz vor einem Anschlag nicht geben kann.

„Ich fürchte“, sagte der Terror-Experte Michael Lüders mit Blick auf die vielen unterschiedlichen Gruppen und Einzelpersonen, die „Rechnungen mit dieser Gesellschaft offen zu haben glauben“, dass „diese Form des Terrorismus“ auch im krisenhaften Europa zunehmen könnte. Und Frank Jansen, ein Journalist vom „Tagesspiegel“, der von dem Glück sprach, dass Anschlagsversuche wie jener der Kölner Kofferbomber 2006 scheiterten, stimmte ihm zu: Er fürchtet vor allem einen erfolgreichen islamistischen Anschlag in Deutschland, der in der stickigen, von Männern wie Thilo Sarrazzin seit Jahren aufgeheizten Atmosphäre zu gewalttätigen Übergriffen gegen Muslime und Ausschreitungen führen könne.

Islamist? Rassist? „Amerikanischer Nazi“?

Dass sich niemand im Nebel der Nachrichtenlage so recht auf Spekulationen zu dem oder den Tätern von Boston einlassen mochte, verstand sich von selbst. Ein Islamist? Ein Rassist, ein „amerikanischer Nazi“? Es gab ja zum Zeitpunkt der Sendung noch nicht mal die beiden Fahndungsbilder des FBI, die gegen Ende eingeblendet wurden wie die entscheidende Meldung.

Beckmann und seine Gäste wuchteten da kurzerhand auf den Tisch, was irgendwie nach einem Hinweis roch – von den Bomben, deren Bauart an die von Al Quaida erinnere (aber auch von jedem rechten oder wirren Terroristen im Internet nachgeschlagen werden kann) über die etwaige Symbolik von Marathonläufen bis hin zur Empörung weißer Südstaatler über einen schwarzen Präsidenten, der sich mit der Waffenlobby anlegt: „Wir dürfen nicht vergessen“, sagte John Kornblum, Amerikas Talkshow-Botschafter in Deutschland, „die Tea-Party fand in Boston statt.“ Für die amerikanische Öffentlichkeit wäre ein Terrorist, der aus dem Inneren kommt, womöglich schwieriger zu verarbeiten als ein Islamist.

„Ich bin manchmal froh, dass ich nicht alles weiß“

So oder so: Die Bilder aus Boston bereiten jedem Kopfschmerzen, der eine Großveranstaltung ausrichten will. Andererseits, das sagte der Geschäftsführer des Berlin-Marathons Jürgen Lock, der den Zieleinlauf in Boston kurz vor den Bomben für einen Kaffee im Hotel verlassen hatte: „Ich kann nicht 42 Kilometer Strecke …“ Sein Satz lief ins Leere, aber es war klar, wie Lock ihn meinte: Man kann sich nicht auf alle Eventualitäten vorbereiten, so aufmerksam und gewaltig der Sicherheitsapparat mittlerweile auch sei: „Ich bin manchmal ganz froh, dass ich nicht alles weiß.“

Die entscheidende Nachricht des Abends verdanken wir der Investigativ-Reporterin Hanni Hüsch, die ansonsten nur dadurch hervorstach, dass sie Obamas kluge Reaktion auf die Bomben lobte: Reinhold Beckmann läuft keinen Marathon, und also wird er wohl auch nicht in Hamburg starten. Gut, dass wir auch das noch geklärt haben. Sie selbst wird im Rheinland sein, dort also, wo der Kölner Express am Dienstag meldete: „Angesichts der Bilder aus Boston wird uns im Rheinland gerade erst so richtig bewusst, wie knapp wir selbst einem schrecklichen Blutbad entgingen. […] Die Bonner Bombe, die am zehnten Dezember am Hauptbahnhof auf Gleis 1 in die Luft fliegen sollte – sie hätte dieselbe verheerende Wirkung gehabt wie die in Boston!“ Stay tuned

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