Er hat einen Plan. Das ist der Ertrag des zweiten Teils des Interviews von Oprah Winfrey mit Lance Armstrong, der am Freitagabend von ihrem Kabelsender, dem Oprah Winfrey Network, ausgestrahlt wurde. Auf die Cliffhanger-Dramaturgie von Reality-TV-Serien hatte die Eigenwerbung verzichtet; es wurden keine Enthüllungen versprochen. Armstrong weiß, was er will, und weiß, wie er die Öffentlichkeit dazu bewegen will, ihm seinen Willen zu gewähren. Einzelne erratische Verlautbarungen aus dem ersten Teil ergeben im Lichte des zweiten Sinn, verweisen auf die Elemente eines Rehabilitationsprogramms, das so systematisch angelegt ist wie jedes Trainingskonzept seiner Karriere.
Manche Beobachter wunderte, wie viel Wert Armstrong in dem am Donnerstag gesendeten Interviewteil auf die Feststellung legte, dass er bei seinen beiden letzten Tourteilnahmen 2009 und 2010 nicht gedopt habe. Er sagte, die Unterstellung, er habe auch nach seinem Comeback weiter verbotene Mittel benutzt, sei der einzige Punkt, der ihn am Untersuchungsbericht der amerikanischen Antidopingagentur wirklich geärgert habe.
Müsste ihn nicht noch viel mehr empören, dass der Bericht ihm vorwirft, unbequeme Journalisten und abtrünnige Teamgefährten mit den Methoden eines Mafia-Paten eingeschüchtert zu haben? Er war ja offenkundig deshalb zur peinlichen Befragung bei Oprah Winfrey erschienen, ohne vorher den Behörden und der Sportbürokratie gegenüber umfassend auszusagen, weil er darauf setzt, durch die Absolution des Publikums den offiziellen Bewertungen seines Geständnisses zuvorzukommen.
Unter dem „menschlichen“ Aspekt sind aber Drohanrufe und Verleumdungskampagnen ungleich gewichtiger als die Frage, ob Armstrong bei neun Frankreichrundfahrten oder nur bei sieben betrogen hat. Doch die Wiedergutmachung gegenüber einstigen Freunden oder Angestellten, die er nach eigener Angabe „über den Haufen gefahren“ hat, betrachtet er geschäftsmäßig, als Schadensabwicklung, deren Kosten er abschreiben kann. Er scheint hier sogar bereit, den Geschädigten stärker entgegenzukommen, als aus seiner Sicht notwendig wäre. Daher das seltsame Inaussichtstellen von Entschuldigungen ohne das Bemühen, Anteilnahme wenigstens zu simulieren.
Seine Bekehrung wirkt unglaubwürdig
Zwar bezeichnete er einige der Mobbing-Vorwürfe aus den Zeugenaussagen des Untersuchungsberichts als „nicht wahr“, aber ein Grund zum Ärger ist dieser Komplex nicht. Hingegen hängt er seine Ehre, oder was noch von ihr übrig ist, an die Behauptung, nach seinem Rücktritt vom Rücktritt 2008 die alte Trainingsroutine nicht wieder aufgenommen zu haben. Es wird nicht leicht sein, der Öffentlichkeit diese Einschränkung des Geständnisses plausibel zu machen. Die Antidopingagentur stellt fest, dass Armstrongs Blutwerte für 2009 und 2010 mit der Annahme harmonieren, dass er weiter gedopt habe. Er hatte die Verbindung zu seinem Medizinmann Dr. Ferrari nicht abgebrochen.
Ein Vorteil der Komplikation der Selbstauskunft durch die Unschuldsbeteuerung für die Zeit seit 2008 muss in Armstrongs Augen sein, dass sie den Prozess der Läuterung, an den zu glauben uns zugemutet wird, in die Länge zieht. Das evangelikale Muster der blitzschlaghaften Bekehrung wirkt in seinem Fall unglaubwürdig, weil er seine Kehrtwende unter äußerem Druck vollzieht. Realistischer wäre es da schon, wenn er wirklich zunächst seine Praxis umgestellt haben sollte und die beschämende Konfession nachgeschoben worden wäre. Ist es denkbar, dass Armstrong gar nicht anders kann, als das Kräftemessen mit seinen journalistischen Verfolgern fortzusetzen? War das Geständnis zugleich die Proklamation seines Comebacks in der Arena des moralischen Kampfes? Diese Fragen umrissen das Rätsel des Donnerstags.
Manche Antwort klingt auswendig gelernt
Am Freitag wurde deutlich, mit welcher Art von Beweismitteln sich Armstrong für die Wahrheit seiner Angaben über die zwei sauberen Jahre verbürgen will. Er erzählte, er habe vor der Rückkehr in den Rennzirkus seine Ex-Frau Kristin um Erlaubnis gebeten. Sie habe ihr Einverständnis erklärt, aber die Bedingung gestellt, dass er das Dopen aufgebe. Romantisch wird also die Datierung der großen Wende ins Jahr 2008 motiviert, die Armstrong unglücklicherweise geheim halten musste, da er öffentlich ja darauf bestand, nie manipuliert zu haben. Wenn Kristin ihm vertraut hat und für dieses Vertrauen nicht bestraft worden ist, soll die Öffentlichkeit ebenfalls getrost in ihn investieren, für die ja viel weniger auf dem Spiel steht als für die Mutter seiner drei älteren Kinder.
Dass aus seiner Frau in der Ära seines Dopings seine Ex-Frau geworden ist, lädt die Konstellation noch einmal pathetisch auf. Armstrong kann nichts rückgängig machen (den unmöglichen Wunsch beteuerte er so häufig, wie das Format eines Oprah-Interviews es gebietet), aber die Liebe wirkt über das Verfallsdatum der Ehe hinaus. Dieses Motiv gehört in den Umkreis der aggressiven Rhetorik des Überlebens, die Armstrong in seiner Wohltätigkeitsarbeit mit Krebskranken pflegt. Die Kinder sind die unentbehrlichen Assistenzfiguren auf dem idyllischen Familiengemälde. Man soll Armstrong zutrauen, dass er die Sprachlosigkeit überwindet, die ihn in der Freitagsaufzeichnung überkam, als Oprah Winfrey ihn nach seinen Erklärungen für seinen dreizehnjährigen Sohn fragte.
Lance Armstrong: „Das ist nicht wahr, was du über meinen Vater sagst, ist nicht wahr“
Das Schweigen an dieser Stelle kontrastierte mit der offensichtlich auswendig gelernten Antwort auf die Frage nach dem Wendepunkt, dem Moment der tiefsten Erniedrigung. Hier nannte er nicht etwa das Gespräch, in dem er seinen Sohn bitten musste, den Vater nicht mehr gegenüber den Mitschülern zu verteidigen. Am schlimmsten soll vielmehr der Anruf aus der Geschäftsstelle von Livestrong, seiner Stiftung zur moralischen Unterstützung von Krebskranken, gewesen sein, mit dem ihm der Rückzug aus den Gremien nahegelegt wurde. Die Stiftung ist für ihn nämlich so etwas wie sein sechstes Kind.
Hinter der Selbststilisierung steht ein Kalkül
Hinter dieser Selbststilisierung zum verlorenen Vater einer millionenschweren Organisation steht ein Kalkül, das den praktischen Wert des scheinbar widersinnigen Beharrens auf den zwei Touren ohne Doping erhellt. Nach Armstrongs Rückzug aus dem Renngeschäft 2005 waren die Einnahmen der Stiftung rapide gesunken. Mit seinem Comeback stiegen die Spenden wieder; seine Tourteilnahmen waren Events in einer Werbekampagne für Livestrong, die den Krebskranken globale Aufmerksamkeit verschaffen sollte. Wenn die Spender Armstrong abnehmen, dass er damals tatsächlich sauber war, ist die Basis für eine Wiederaufnahme der förmlichen Zusammenarbeit gegeben, auch unabhängig von den bevorstehenden Entscheidungen der Antidopingagentur.
In der Rückkehr in die Rolle des Stiftungsrepräsentanten darf man das Minimalziel von Armstrongs Plan sehen. Ob die Stiftungsarbeit ihre Dynamik noch einmal zurückgewinnen könnte, steht allerdings dahin. Ein Stachel für Armstrongs Engagement war zweifellos, dass er persönlich die von der Stiftung verbreiteten Parolen des Siegeswillens um jeden Preis auf seinen Kampf gegen seine Kritiker bezog. Der zweite Schritt im Plan wäre die Wiederzulassung zu Sportwettbewerben; als Beispiel nannte Armstrong im Interview den Marathon von Chicago. Er hält seine Bestrafung für ungerecht. In grotesker Verkennung seiner Lage meint er, dass er keine höhere Strafe hätte bekommen dürfen als die einstigen Teamkollegen, die den Mut hatten, gegen ihn auszusagen. Die lebenslange Sperre bezeichnete er als Todesstrafe. Was soll ein Krebskranker von dieser Metapher halten?
Der Amerikaner
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- 20.01.2013, 12:23 Uhr
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