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FAZ.NET-Frühkritik Anne Will Mehr Empirie, bitte!

 ·  In der Talk-Sendung von Anne Will waren sich die Gäste darin einig, dass eine Debatte über Sexismus im Alltag hierzulande richtig und notwendig ist. Aber was ist das eigentlich, eine Debatte?

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Seit etwas mehr als einer Woche reden wir nun über Sexismus. Und wie das so ist, wenn auf allen Kanälen überwiegend über ein Thema gesprochen wird, sei es auch ein so wichtiges wie dieses, machen sich nach sehr kurzer Zeit bereits Abnutzungserscheinungen bemerkbar. Man kann es nicht mehr hören. Man sehnt sich nach Klärung. Man wird der Sache überdrüssig und wendet sich ab. Allein deswegen deutete die Frage, unter die Anne Will am Mittwochabend ihre Sendung gestellt hatte, „Sexismus-Aufschrei - hysterisch oder notwendig?“, in eine völlig falsche Richtung.

Denn nicht nur die vergangenen Tage haben gezeigt, dass es ein großes Bedürfnis von Seiten vieler Frauen gibt, über den Sexismus zu sprechen, dem sie sich im Alltag ausgesetzt sehen. Auch die von Anne Will geladenen Gäste, von dem CDU-Politiker Heiner Geißler über die Grünen-Politikerin Renate Künast, die Piratin Anke Domscheidt-Berg, den Journalisten Jan Fleischhauer sogar bis hin zu der ehemaligen Gleichstellungsbeauftragten von Goslar, Monika Ebeling, waren sich im Grunde darin einig, dass eine solche Debatte dringend geführt werden muss. Frau Künast äußerte sogar die Hoffnung, die Causa Brüderle/Himmelreich könne zu einer „dritten Frauenbewegung“ führen, was gar nicht abwegig und auch wünschenswert wäre. Aber die Frage, die sich zunächst einmal stellt, muss viel grundsätzlicher lauten - nach einer Sendung wie der von Anne Will leider um so mehr: Was ist eigentlich eine Debatte?

Immer wieder die gleichen Fragen

Um eine solche zu führen, reicht es da, dass man auch nach einer Woche, in der landauf landab die Fragen, ob Herr Brüderle sich bei der Journalistin entschuldigen sollte, ob Frau Himmelreich ihre Beschwerde schon früher hätte artikulieren sollen, ob es opportun ist, dass sich die FDP nun zum Opfer einer Kampagne stilisiert, ob sich Frauen grundsätzlich nicht wehren können, und, falls dem so ist, ob dann die ganze Frauenbewegung womöglich gar nichts gebracht habe - reicht es da, solche Fragen zu diskutieren? Nein, es reicht nicht. Und genau dafür war die Sendung von Anne Will, die sich Mühe gab, und doch nicht den Eindruck erweckte, dass sie wusste, wo sie hinwollte, ein gutes Beispiel. Eine Debatte kommt nicht in Gang, wenn man wieder und wieder dieselben Fragen stellt. Sie kann sich nur dann sinnvoll entwickeln, wenn man sich nach einer Weile von den konkreten Fällen ab- und den strukturellen Problemen zuwendet. Dafür braucht es aber vor allem Empirie.

So wäre Anne Will gut beraten gewesen, wenn sie statt des - schockierenden - Berichts einer Mitarbeiterin im Bundestag, die anonym über den dort grassierenden Sexismus berichtete, versucht hätte, belastbare Zahlen zu präsentieren, die zeigen, wie viele Fälle von sexueller Belästigung es tatsächlich gibt, seien sie nun verbal oder physisch, im beruflichen oder privaten Umfeld angesiedelt. Es ist zwar sicher nicht leicht, an solche Zahlen zu kommen. Zumal bei einem Problem wie Sexismus, der sich überwiegend im Verborgenen abspielt und nur selten überhaupt zur Sprache gebracht wird. Aber selbst, wenn man hier mit Dunkelziffern arbeiten muss: Wer ernsthaft eine Debatte führen möchte (und dass sie das wollten, beteuerten alle Gäste), der muss über Einzelfälle hinaus wissen, worüber er überhaupt redet. Gesprächspartner, die in diesem Punkt weiterhelfen können, gibt es. Man hätte beispielsweise die Antidiskriminierungsstelle des Bundes zu Rate ziehen können, von der wir wissen, dass sie in den vergangenen Tagen einen deutlichen Zuwachs an Sexismus-Beschwerden von Frauen zu verzeichnen hatte. Man hätte einen Vertreter der Internationalen Arbeitsorganisation befragen können, die offenbar Erhebungen zu sexueller Belästigung am Arbeitsplatz durchgeführt hat. Man hätte auch mit Kriminalisten, Frauenbeauftragten und Betriebsräten sprechen können. Auch mit der Polizei. Aber all das geschah bei Anne Will viel zu wenig.

Bis jedes Interesse verlischt

In einem Einspielfilm kam zwar eine Vertreterin der Gewerkschaft „Nahrung, Genuss und Gaststätten“ zu Wort. Sie berichtete von dem Wahnsinn, dem weibliche Hotel-Angestellte ausgesetzt sind, die es mit übergriffigen Gästen einerseits und verständnislosen Vorgesetzten andererseits zu tun haben. Aber genau an diesem Punkt, an dem man hätte fragen müssen, wie sich betriebliche Strukturen in Zukunft so verbessern lassen, dass den Frauen sexuelle Belästigung erspart bleibt oder sie sich besser dagegen zur Wehr setzen können, flüchtete die Runde mangels konkreter Vorstellungen in Allgemeinplätze. Heiner Geißler beharrte zwar in ehrenwerter Weise darauf, dass es streng genommen nicht an den Frauen sein könne, sich mehr zu wehren, sondern dass es „ein gewisser Prozentsatz“ der Männer sei, der sich ändern müsse. Und Anke Domscheidt-Berg äußerte mehrmals ihre Hoffnung, dass sich die Kultur in Deutschland allein aufgrund der nun angeregten „Debatte“ verbessern werde: „Ich glaube, dass viele Männer jetzt erst verstehen, wo für Frauen die Probleme sind.“ Doch eine halbwegs klare Idee davon, wie diesem Wandel nachzuhelfen sei, hatte eigentlich nur Renate Künast. Sie regte erstens an, von Seiten der Gewerkschaften den Druck auf die Arbeitgeber zu erhöhen, und sprach sich zweitens dafür aus, Frauen die Vereinbarkeit von Familie und Beruf zu erleichtern - um ihnen so den Weg in höhere Posten zu ebnen, von denen aus sie auf einen Wandel der Unternehmenskulturen hinwirken könnten.

Hätte, wenn, könnte. Sehr viel mehr als Wünsche, Glaubensbekenntnisse und Parolen waren gleichwohl in der Sendung nicht zu erfahren. Und so war es zwar nicht uninteressant zu sehen, wie sich der unbeirrte Heiner Geißler ohne Wenn und Aber auf die Seite der Frauen schlug, während Monika Ebeling nicht müde wurde, darauf zu verweisen, dass Sexismus auch Männer treffen könne. Doch wirkliche Impulse, die die Sache substantiell vorangebracht hätten, gingen von dieser Auseinandersetzung nicht aus. Im Gegenteil: Sendungen wie diese mögen von guten Absichten getragen sein. In Wahrheit aber tragen sie dazu bei, ein wichtiges Thema so lange ergebnislos kaputt zu quasseln, bis auch beim Letzten jedes Interesse verlischt.

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Jahrgang 1979, Redakteurin im Feuilleton.

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