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FAZ.NET-Frühkritik: Anne Will Kesselflicker und Drückeberger

 ·  Manuela Schwesig, Renate Künast, Wolfgang Bosbach und Wolfgang Kubicki streiten über alles Mögliche, nur die Schwäche der Grünen ist ein Tabu. Denn das berührt die Abgründe ihres Berufsstandes.

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© dpa Vergrößern

So sind sie, die Politiker: Erst streiten sie sich wie die Kesselflicker, dann kommen sie auf ein Thema, zu dem sie den Wahlkampf einfach verweigern. Oder muss es heißen: So sind sie, die Talkshows: Erst machen sie aus Politikern Kesselflicker, dann Drückeberger? Manuela Schwesig (SPD), Renate Künast (Grüne), Wolfgang Bosbach (CDU) und Wolfgang Kubicki (FDP) ließen das mit sich machen, weil es wenige Tage vor der Wahl wohl einfach zu verführerisch ist, vor so viel Publikum so viel reden zu dürfen, was sonst nur maximal ein Marktplatz zu hören bekommt. Nicht mehr streiten aber wollten sie, als es darum ging, die Abgründe ihres Berufsstands auszumessen. Soll man das anständig nennen oder feige?

Zunächst ging es um die FDP – warum sie schwächelt, warum sie um „Leihstimmen“ betteln muss, ob sie das darf, warum der Wähler dann doch vielleicht tut, was er will, warum nur die FDP für die Leistungen der schwarz-gelben Koalition abgestraft wird, was dann doch auf die Unleistungen der FDP hinauslief. Nicht gehaltene Wahlversprechen zum Beispiel, die Steuerreform, die nicht kam, irgendwann fiel auch das Stichwort „Mövenpick“. Das Stichwort „Krise“ ging etwas unter. Gar nicht wurde darüber geredet, dass eine Koalition gar nicht viel machen muss, um gut auszusehen. Sie muss nur gut geführt werden. Wer führt sie? Wer sind die Fraktionsvorsitzenden, die Geschäftsführer, wer führt das Kanzleramt? Liegt es an den Themen, an den Personen?

Das Wort Liberalismus fehlt

Die FDP am Boden – das hat mit der Koalition zu tun, mit der FDP, mit Bayern, sicherlich auch damit, dass sie sich, wie Wolfgang Bosbach sagte (und Kubicki nickte), zu lange zur Ein-Themen-Partei, zur Steuersenkungspartei entwickelt hatte. Das Wort Liberalismus fiel kein einziges Mal, Neoliberalismus auch nicht, Kapitalismus nicht, auch nicht Bürgerrechte, nicht Freiheit, nicht Selbstbestimmung, auch nicht Egoismus oder Zusammenhalt, nicht Konjunktur, nicht – es fielen eigentlich gar keine Worte, keine Sätze, auch keine Gedanken, vielleicht war das auch ganz gut so, denn sonst wären sie wie kleine Schiffchen fortgetragen worden auf dem Wahlprogrammschleim, der sich im Studio ergoss und den vor allem Manuela Schwesig quirrlig zum Schäumen brachte.

© screenshot: www.ard.de Vergrößern Manuela Schwesig, Renate Künast, Wolfgang Bosbach und Wolfgang Kubicki in der Gesprächsrunde bei Anne Will

Nur so viel dazu: Wer es akzeptiert, dass Steuern gesenkt werden, wird wohl CDU, CSU oder FDP wählen; wer es akzeptiert, dass Steuern erhöht werden, wird Grüne, SPD oder Linkspartei wählen. So versuchte Wolfgang Bosbach Ordnung in die Kesselflickerei zu bringen, was nur deshalb unwidersprochen blieb, weil er zugab, dass man ja nie wissen könne, was auf die Regierung alles zukomme – wenn es also Ereignisse gebe, er meinte wohl: Notsituationen, Katastrophen, die keiner vorhersehen könne, dann könne niemand Steuererhöhungen ausschließen.

Die Notsituationen und Katastrophen hatte Manuela Schwesig dann schnell bei der Hand, denn das SPD-Wahlprogramm besteht nur aus Not und Katastrophe: in den Kommunen, in der Schule, auf dem Schuldenberg, in der Infrastruktur. Renate Künast fegte noch schnell den Hinweis auf die  Rekordsteuereinnahmen beiseite – denn wer sagt uns, dass es die in den nächsten Jahren immer noch gibt? Ja, wer? Doch nicht etwa die künftige Regierung?

„Jetzt reicht es aber!“

Anne Wills Versuch, an einem Punkt der Diskussion – keine Sorge: weder konnte man verstehen, worum es bei der Mütterrente geht, noch, was Manuela Schwesig damit meinte, dass Wolfgang Schäuble schamlos in die Krankenversicherung gegriffen hat (oder war es die Gewerbesteuer?), was irgendwie auch mit der Betreuung zu tun haben muss, weil die vielen Kinder, die eine Ganztagsschule brauchen, nicht mehr mitansehen sollen, wie die Kommunen ausbluten, – das muss der Moment gewesen sein, als Frau Künast rief: „Jetzt reicht es aber!“ – nein, da hatte Bosbach gerade den Staat dazu verdonnert, endlich damit auszukommen, was er einnimmt – aber egal: Als also Anne Will versuchte, an einem (ziemlich beliebigen) Punkt der Diskussion „zusammenzufassen“, da sagte der CDU-Politiker: „Sie können doch nicht zusammenfassen, was ich nicht gesagt habe.“ Das war endlich ein wahrer Satz. Aber die Wahrheit, die kam erst jetzt.

Unterm grünen Teppich

Denn nach der Schwäche der FDP, die keinen Redefluss aufhalten konnte, kam nun die Schwäche der Grünen. Renate Künast sprach sodann über Pädophilie, über das „Grausen, was wir Menschen angetan haben“, und darüber, das den Grünen es „in der Bedeutung nicht hinreichend bewusst“ gewesen sei, was in ihrer Frühphase da angerichtet wurde. Es herrschte andächtige Stille. Warum die Grünen das erst jetzt erkennen und nicht schon damals erkannten, als sie es mit Leuten zu tun hatten, die „gewaltlos“ Sex mit Kindern haben wollten, das konnte sich keiner in der Runde erklären. Warum nicht? Wolfgang Bosbach wagte immerhin die Andeutung, dass es damit zu tun haben könnte, dass sich die Grünen bis heute nicht nur – wie alle Politiker – für die besseren Politiker halten, sondern für die besseren Menschen. Was wäre los, fragte Bosbach, wenn es um die CDU ginge?

Nun, die Antwort ist ganz einfach: Es würde in einer Sendung wie Anne Will nicht wieder und wieder heißen, das müsse aber aus dem Wahlkampf herausgehalten werden. Denn es ginge doch schließlich um den Abgrund von Macht, um das Böse. Deshalb würde es gewiss auch nicht heißen, dass jetzt aber „die Gesellschaft gemeinsam Verantwortung übernehmen“ müsse (Manuela Schwesig auf dem Höhepunkt ihrer Schleimschäumerei). Es würde nicht heißen: „Gut, dass wir so diskutieren.“ Nämlich gar nicht. Oder irgendwo unterm grünen Teppich.

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19.09.2013, 06:46 Uhr

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Von Andreas Platthaus

Mit Kafka teilte er die Einfühlung in das Schicksal der Bedrängten. Das Erfolgsrezept seiner Bücher könnte den Titel eines Aufsatzes tragen, den er 1993 veröffentlicht hat. Zum Tod von Gabriel García Márquez. Mehr 3 3