Home
http://www.faz.net/-gsb-746p7
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, HOLGER STELTZNER
Bibliothek

FAZ.NET-Frühkritik zur Wahl in Amerika Die Sendezeit totschlagen

Sandra Maischberger perfektioniert die hohe Kunst des Senioren-Interviews, Markus Lanz zeigt sich hoffnungslos überfordert, Claus Kleber twittert über seine Krawatte: Die Wahlnacht bei ARD und ZDF.

© dpa Vergrößern Ein Entertainer braucht andere Qualitäten als ein politischer Journalist: Markus Lanz moderierte mit Bettina Schausten die Wahlsondersendung des ZDF

Am 3. November 1948 erschien die „Chicago Tribune“ mit einer berühmt gewordenen Schlagzeile: „Dewey besiegt Truman.“ Zudem habe er die Mehrheiten in beiden Häusern des Kongresses gewonnen. Es gab tatsächlich gute Erklärungen für den vorher erwarteten Erdrutschsieg des Republikaners bei den amerikanischen Präsidentschaftswahlen. Kurze Zeit später zog die Zeitung ihre Ausgabe zurück. Truman hatte nämlich wider Erwarten die Wahlen gewonnen, und Thomas Dewey ist statt Präsident zum Begriff für versagenden Journalismus geworden.

Was muss man nicht wissen, um noch informiert zu bleiben?

Heute muss niemand mehr auf die Zeitung warten. Auf sprichwörtlich allen Kanälen erfährt man noch in diesem Augenblick alles, was man über die Wahl in den Vereinigten Staaten wissen muss. Das Problem ist ein anderes geworden: Was muss man nicht wissen, um noch informiert zu bleiben? Diese Frage stellte man sich, wenn man am Dienstag Abend auf allen Kanälen die Wahlberichterstattung erlebt hat. Dabei betrifft sie keineswegs nur die großen Fernsehanstalten wie ARD und ZDF, sondern auch die Online-Angebote von großen Medienhäusern oder soziale Netzwerke wie Twitter. Man braucht als Zuschauer zwar nur relativ wenige Fakten und Hintergrundinformationen, aber alle Medienakteure haben schlicht zu viel Zeit. Sie versuchen aus dem Wenigen viel zu machen.

Mehr zum Thema

In der Wettbewerbslogik des Medienbetriebes hat sich der wahnwitzige Konsens gebildet, stundenlang über ein Ereignis zu berichten, wo es tatsächlich nur auf das Ergebnis ankommt: Wer hat gewonnen? Diese Wahl wurde dagegen in einer langen Nacht in ihren mikroskopischen Details auseinandergenommen, mit durchaus kuriosen Folgen. So konnte der ARD-Wahlanalytiker Jörg Schönenborn erste Wahlergebnisse aus einzelnen Bundesstaaten vermelden. Die hatten nur ein Problem, das er selbst formulierte: Sie waren ohne jeden analytischen Wert, weil es ihnen an Repräsentativität fehlte. Solche Informationen führen zu entsprechenden Erkenntnissen. Nämlich gar keinen.

Zeit Totschlagen als Journalismus

Dabei haben sowohl ARD als auch ZDF ein gutes Beispiel dafür geliefert, wie der informationelle Overkill zu vermeiden ist: mit den beiden alten Formaten „Tagesthemen“ und „Heute-Journal“. Die Moderatoren Tom Burow und Claus Kleber sendeten live von einem Balkon aus Washington. Der Sinn dieser Übung erschließt sich allerdings nicht. Unter den heutigen Bedingungen, wo jeder online immer überall sein kann, wirkt das eher wie das archaische Beharren auf die Authentizität, dabeigewesen zu sein. Ansonsten waren beide Sendungen mit dem zu vergleichen, was man früher als Aufgabe von Volkshochschulen betrachtete: dem Laien das zu vermitteln, was ihn zu einem eigenen Urteil befähigt. So erfuhren die Zuschauer, dass wegen der Besonderheiten des amerikanischen Wahlrechts ein Sieg des Herausforderers Romney Voraussetzungen hat, die durchaus ambitioniert zu nennen sind. Mit anderen Worten: Sein Wahlsieg wäre nach den Erkenntnissen der Wahlforschung eine Überraschung gewesen. Das tat der allseits deklarierten Spannung aber keinen Abbruch. Ansonsten hätte man wirklich ins Bett gehen können.

Wer das mit dem Ende der „Tagesthemen“ um 22.45 Uhr getan haben sollte, hat aber genug Informationen bekommen, um am Morgen den Ausgang der Wahl kompetent beurteilen zu können. Es wäre die richtige Entscheidung gewesen. Nur mussten leider ARD und ZDF (sowie alle anderen Medienanbieter) die Zeit totschlagen, bis die potentiellen Zuschauer wieder aufgestanden sind. Was man dann macht? Neuerdings ist bei den öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten Twitter groß in Mode gekommen. So informierte uns Claus Kleber über seinen aktuellen Beziehungsstatus, etwa bei den Themen Ernährung und Kleidung. Er genoss auf seiner Irrfahrt durch Washington eine Pizza und legte im Taxi die Krawatte ab. Darüber wurde anschließend in der Live-Sendung berichtet.

1 | 2 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
TV-Kritik: Maischberger Depression als Unterhaltungsformat

Sandra Maischberger redete mit ihren Gästen über Depressionen - und wie man diese Krankheit mit Elektroschocks behandeln kann. Die Sendung grenzte an Desinformation. Mehr

17.09.2014, 05:55 Uhr | Facebook-Faz-Net
Freude über den Pulitzer-Preis

Neben dem Guardian und der Washington Post wurden auch Journalisten der Nachrichtenagentur Reuters mit dem renommierten Pulitzer-Preis ausgezeichnet. Mehr

15.04.2014, 13:08 Uhr | Feuilleton
TV-Kritik: Menschen bei Maischberger Grüne Smoothies für ewige Jugend

Laktosefrei, ohne Gluten, vegan: Haben wir eine Obsession im Hinblick auf unser Essen entwickelt? Sandra Maischberger diskutierte das Thema mit perfekt gecasteten Gästen, die man gern regelmäßig in einer Comedy-Serie sehen würde. Mehr

24.09.2014, 04:07 Uhr | Feuilleton
Entführter amerikanischer Journalist wieder frei

In Syrien ist ein seit zwei Jahren vermisster amerikanischer Journalist von seinen Entführern freigelassen worden. Geheimdienste aus Katar sollen bei der Freilassung mitgewirkt haben. Mehr

25.08.2014, 08:21 Uhr | Politik
Neue deutsche Mulmigkeit Stell dir vor, es ist Krieg

Die neue deutsche Mulmigkeit: Kommt es Ihnen auch so vor, als sei die Welt innerhalb kürzester Zeit viel gefährlicher geworden? Auf der Suche nach einem Gefühl. Mehr

23.09.2014, 10:28 Uhr | Gesellschaft
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 07.11.2012, 06:57 Uhr

Putins Versteher

Von Michael Hanfeld

Ukrainische Rebellentruppen mit SS-Symbolen: Das ZDF zeigte in einer kurzen Bildsequenz nationalistische Kämpfer. Die Linkspartei übt Kritik an einem angeblich einseitigen Journalismus. Mehr 4