Am 3. November 1948 erschien die „Chicago Tribune“ mit einer berühmt gewordenen Schlagzeile: „Dewey besiegt Truman.“ Zudem habe er die Mehrheiten in beiden Häusern des Kongresses gewonnen. Es gab tatsächlich gute Erklärungen für den vorher erwarteten Erdrutschsieg des Republikaners bei den amerikanischen Präsidentschaftswahlen. Kurze Zeit später zog die Zeitung ihre Ausgabe zurück. Truman hatte nämlich wider Erwarten die Wahlen gewonnen, und Thomas Dewey ist statt Präsident zum Begriff für versagenden Journalismus geworden.
Was muss man nicht wissen, um noch informiert zu bleiben?
Heute muss niemand mehr auf die Zeitung warten. Auf sprichwörtlich allen Kanälen erfährt man noch in diesem Augenblick alles, was man über die Wahl in den Vereinigten Staaten wissen muss. Das Problem ist ein anderes geworden: Was muss man nicht wissen, um noch informiert zu bleiben? Diese Frage stellte man sich, wenn man am Dienstag Abend auf allen Kanälen die Wahlberichterstattung erlebt hat. Dabei betrifft sie keineswegs nur die großen Fernsehanstalten wie ARD und ZDF, sondern auch die Online-Angebote von großen Medienhäusern oder soziale Netzwerke wie Twitter. Man braucht als Zuschauer zwar nur relativ wenige Fakten und Hintergrundinformationen, aber alle Medienakteure haben schlicht zu viel Zeit. Sie versuchen aus dem Wenigen viel zu machen.
In der Wettbewerbslogik des Medienbetriebes hat sich der wahnwitzige Konsens gebildet, stundenlang über ein Ereignis zu berichten, wo es tatsächlich nur auf das Ergebnis ankommt: Wer hat gewonnen? Diese Wahl wurde dagegen in einer langen Nacht in ihren mikroskopischen Details auseinandergenommen, mit durchaus kuriosen Folgen. So konnte der ARD-Wahlanalytiker Jörg Schönenborn erste Wahlergebnisse aus einzelnen Bundesstaaten vermelden. Die hatten nur ein Problem, das er selbst formulierte: Sie waren ohne jeden analytischen Wert, weil es ihnen an Repräsentativität fehlte. Solche Informationen führen zu entsprechenden Erkenntnissen. Nämlich gar keinen.
Zeit Totschlagen als Journalismus
Dabei haben sowohl ARD als auch ZDF ein gutes Beispiel dafür geliefert, wie der informationelle Overkill zu vermeiden ist: mit den beiden alten Formaten „Tagesthemen“ und „Heute-Journal“. Die Moderatoren Tom Burow und Claus Kleber sendeten live von einem Balkon aus Washington. Der Sinn dieser Übung erschließt sich allerdings nicht. Unter den heutigen Bedingungen, wo jeder online immer überall sein kann, wirkt das eher wie das archaische Beharren auf die Authentizität, dabeigewesen zu sein. Ansonsten waren beide Sendungen mit dem zu vergleichen, was man früher als Aufgabe von Volkshochschulen betrachtete: dem Laien das zu vermitteln, was ihn zu einem eigenen Urteil befähigt. So erfuhren die Zuschauer, dass wegen der Besonderheiten des amerikanischen Wahlrechts ein Sieg des Herausforderers Romney Voraussetzungen hat, die durchaus ambitioniert zu nennen sind. Mit anderen Worten: Sein Wahlsieg wäre nach den Erkenntnissen der Wahlforschung eine Überraschung gewesen. Das tat der allseits deklarierten Spannung aber keinen Abbruch. Ansonsten hätte man wirklich ins Bett gehen können.
Wer das mit dem Ende der „Tagesthemen“ um 22.45 Uhr getan haben sollte, hat aber genug Informationen bekommen, um am Morgen den Ausgang der Wahl kompetent beurteilen zu können. Es wäre die richtige Entscheidung gewesen. Nur mussten leider ARD und ZDF (sowie alle anderen Medienanbieter) die Zeit totschlagen, bis die potentiellen Zuschauer wieder aufgestanden sind. Was man dann macht? Neuerdings ist bei den öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten Twitter groß in Mode gekommen. So informierte uns Claus Kleber über seinen aktuellen Beziehungsstatus, etwa bei den Themen Ernährung und Kleidung. Er genoss auf seiner Irrfahrt durch Washington eine Pizza und legte im Taxi die Krawatte ab. Darüber wurde anschließend in der Live-Sendung berichtet.
Die hohe Kunst des Senioren-Interviews
Gleichwohl ist Online-Kommunikation wichtig geworden. Das wurde in einem Interview der ARD mit einem jungen deutschen Aktivisten namens Julius von der Laar deutlich. Er arbeitet für die Obama-Kampagne in Ohio und erläuterte die Bedeutung sozialer Netzwerke in heutigen Wahlkämpfen: „Die Daten, die dahinterstehen, sind für uns wahnsinnig wichtig. Sie ermöglichen uns, die Wähler gezielt anzusprechen.“ Sie verknüpften dabei Online-Erkenntnisse mit klassischen Wahlkampfaktivitäten. So sei es ihnen gelungen, dass 20.000 Freiwillige in den vergangenen Tagen bei Hausbesuchen 800.000 Wähler ansprechen konnten. Von Pizza und Krawatten war bei von der Laar nicht die Rede.
Aber jenseits dessen ist die moderne Kommunikation vor allem eins: das Artikulieren von Meinungen, selbst wenn sie mit den Fakten kollidieren sollten. ARD und ZDF schickten dafür ihre Experten Sandra Maischberger und Markus Lanz ins Rennen. Frau Maischberger hat bekanntlich die hohe Kunst des Senioren-Interviews zur Perfektion entwickelt. Das Gespräch mit dem bald neunzig Jahre alten Henry Kissinger war ein Höhepunkt an diesem endlosen Abend. Er gehört zu jener aussterbenden Gattung des alten Ostküsten-Establishments, das über Jahrzehnte die Vereinigten Staaten politisch geprägt hatte – und wo die parteipolitische Polarisierung noch nicht die dominante Rolle spielte. Kleber irrte in der Zeit weiter auf der Suche nach Themen durch Washington. Leider, muss man sagen. Er wäre nämlich auf der Wahlparty des ZDF gebraucht worden. Im „Heute-Journal“ hatte er noch das „Power-Couple“ Bettina Schausten und Markus Lanz angekündigt. Lanz sollte mit seiner werktäglichen Talk-Show die ZDF-Nacht eröffnen.
Es wurde zum Desaster
Lanz hatte es geschafft, Gäste einzuladen, die, mit der Ausnahme des Amerikaners Eric Hansen, zwar Meinungen hatten, aber dafür auch souverän Fakten ignorierten. So konnte der Journalist Michael Spreng über die Bedeutung der Rolle Obamas als Krisenmanager spekulieren („Wie Schröder 2002 während der Flut“). Nur hat „Sandy“ auf die Wahlentscheidung kaum Einfluss gehabt, wie uns dankenswerterweise Wahlanalytiker Schönenborn in der ARD erklärte. Warum die ehemalige „TAZ“-Chefredakteurin Georgia Tornow eingeladen worden war, ließ sich auch nicht ermitteln. Sie gab als Kompetenznachweis die regelmäßige Lektüre des „Miami Herald“ an. Der Höhepunkt war allerdings der Rechtsanwalt Joachim Steinhöfel, dem die Rolle des Romney-Anhängers zugedacht war.
„Der 44 Jahre alte Jurist gibt mit Vorliebe den Großkotz, inszeniert sich in Illustrierten als 'Pitbull in Robe': 'Wo ich hinlange, wächst kein Gras mehr.'“ So beschrieb ihn die F.A.Z. schon im Jahr 2006. Steinhöfels Auftritt verband Aggressivität mit Inkompetenz. Sollte er die Idiotie des amerikanischen Konservativismus dokumentieren? Das wäre als gelungen zu betrachten, wird aber nicht die Motivation gewesen sein, diesen Herrn einzuladen. Oder gab es einen anderen Grund? Steinhöfel war in den für ihn guten alten Zeiten wie sein Gastgeber Moderator bei RTL gewesen.
Wann reagiert Mainz?
Lanz formulierte in der Sendung einen interessanten Satz. Bei uns sei es im Gegensatz zu den Vereinigten Staaten nur „die Frage, bis es endgültig bergab geht“. Die Debatte der vergangenen Tage um die Äußerungen von Tom Hanks zu „Wetten, dass..?“ werden bei ihm Spuren hinterlassen haben. Sie war auch weitgehend absurd gewesen. Lanz nannte sie jetzt in einem Interview mit der „Bunten“ hysterisch, so dass er sich „manchmal frage, ob das schon behandlungsbedürftig ist.“ Das mag sein. Aber mit der Sendung von von Dienstag Abend hat er vor allem eines klargestellt: Dass er – und seine Redaktion – mit diesem Format hoffnungslos überfordert sind. Ein Entertainer braucht andere Qualitäten als ein politischer Journalist. Wen muss man eigentlich anrufen, damit die verantwortlichen Herren in Mainz endlich bemerken, was sie gerade anrichten?
Während sich das ZDF blamierte, kurvte Kleber durch Washington und twitterte über seine Krawatte. Diese Nachricht ist in dem hyperventilierenden Medienbetrieb untergegangen. Aber wahrscheinlich sendeten auch nur noch Journalisten für Journalisten, aber das auf allen Kanälen. 1948 machten übrigens die meisten Zeitungen nicht den Fehler der „Chicago Tribune“. Sie berichteten korrekt – und hatten einen Vorteil. Niemand musste die Zeit totschlagen, um das anschließend Berichterstattung zu nennen. So ändern sich die Zeiten.
Obama hat übrigens wie erwartet die Wahlen gewonnen. Er bleibt Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika.
Aktuelle Kamera
Heiko Fröhlich (hf01587)
- 09.11.2012, 09:58 Uhr
Fleischtöpfe
Gerd Möller (GMNW)
- 08.11.2012, 08:45 Uhr
Teilweise berechtigte Kritik an ARD-ZDF, teilweise (un)netter Versuch
des Rezensenten, Polemik statt
Hugh Greene (hughgreene)
- 07.11.2012, 16:07 Uhr
Schwerlich nachvollziehbar...
Reinhold Maier (Reinmai)
- 07.11.2012, 15:05 Uhr
Am Besten war der dt. Student, der mal im gleichen Stadtteil wie die
Obamas gewohnt hatte. Er hat
Stephan Müller (Klarname)
- 07.11.2012, 14:31 Uhr