Home
http://www.faz.net/-gqz-724g1
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

FAZ.NET-Frühkritik Wider den präpotenten Ton

Kann man metaphysische Gehalte nach Art politischer Verhandlungsführung bestimmen? „Maischberger“ stellt die begriffliche Eindimensionalität der neuen deutschen Religionskritik bloß. Eine lohnende Beschneidungsdebatte.

© dpa Vergrößern „Wie weit dürfen religiöse Rituale gehen?“ Sandra Maischberger widmete ihre Sendung dem Beschneidungsstreit

Die Begriffe Kindeswohl und Körperverletzung stehen im Mittelpunkt der Beschneidungsdebatte, und in der Runde bei „Maischberger“ wurde noch einmal klar, warum beide Begriffe nicht als Totschlagvokabeln taugen.

Christian Geyer-Hindemith Folgen:  

Zum Kindeswohl: Das Wohl des Kindes umfasse eben auch, in einer religiösen Gemeinschaft aufwachsen zu können, um dann später selbst eine begründete Entscheidung über seinen Glauben fällen zu können, erklärte Dieter Graumann. Dies werde, so der Vorsitzende des Zentralrats der Juden, bei einem Verbot der Beschneidung hinfällig.

Und zur Körperverletzung: Graumann verwahrte sich gegen den „anklagenden Ton“ in der Debatte, als seien die Gläubigen „Kinderquäler“, wenn sie an einem viertausend Jahre alten Ritual festhalten, das bei fachgerechter Ausführung nahezu schmerzfrei sei und mit der Genitalverstümmelung, wie sie im Falle der Mädchenbeschneidung begangen werde, nichts zu tun habe.

Ein Konflikt

Christa Müller von den Linken suggerierte einen Automatismus zwischen dem einen und dem anderen, den sie nicht begründen konnte. Warum sollte, wenn die Jungenbeschneidung straffrei bleibt, dies die Legalisierung der Mädchenbeschneidung nach sich ziehen? Beide Vorgänge auf einer Ebene anzusiedeln kommt einer „unerträglichen Verharmlosung“ (Graumann) der Genitalverstümmelung gleich. Zweifellos erfüllt schon jede Impfung den Tatbestand der Körperverletzung, wie die beiden anwesenden Ärzte bestätigten, entscheidend für die Legalität des Eingriffs beim Kind ist darum die Einwilligung der Eltern aus medizinischen oder, wie sie jetzt zur Debatte stehen, aus religiösen Gründen.

Mehr zum Thema

Der Urologe Wolfgang Bühmann wies einfühlsam auf seinen Konflikt hin, mit der Beschneidung einerseits die freie Religionsausübung unterstützen zu wollen, andererseits sich an die Standesregeln gebunden zu fühlen, wonach körperliche Eingriffe nur vorzunehmen sind, um Schaden zu vermeiden und Schmerzen zu lindern – was wiederum beides bei einer Beschneidung aus religiösen Gründen nicht gegeben sei. Ohnehin gebe es nur eine sehr begrenzte medizinische Indikation für die Beschneidung, woran auch deren wiederholte Beschwörung als Hygienemaßnahme durch den Allgemeinmediziner Sebastian Isik nichts änderte.

Eine Unterstellung

Dass auch das Recht auf freie Religionsausübung nicht absolut gilt, sondern seine Grenze in der Verletzung der Menschenwürde findet, ist für Graumann eine bürgerliche Selbstverständlichkeit. Die Menschenwürde sei im Falle der Jungenbeschneidung aber gerade nicht bedroht, und hier beklagte Graumann „die Ignoranz eines säkularen Fundamentalismus“, der religiöse Regeln wie jederzeit änderbare Steuergesetze nehme und es damit an Respekt vor einem gelebten Glauben fehlen lasse und vor dem Recht der Eltern, ihre Kinder in diesem Glauben zu erziehen.

Graumann zielte damit gegen Necla Keleks Aufruf, „überholte Rituale“ zu reformieren, bei dem immer die Vorstellung anklingt, es brauche nur mal eine starke Hand, die den komplexen Vorgang religiöser Traditionsbildung auf ein pragmatisches, für jedermann einleuchtendes Maß bringe. Auch Bilkay Öney, die Integrationsministerin Baden-Württembergs, ironisierte die begriffliche Eindimensionalität der neuen deutschen Religionskritik, die metaphysische Gehalte nach Art politischer Verhandlungsführung bestimmen möchte. Es könne doch etwas nicht stimmen an einer Debatte, die wie selbstverständlich davon ausgeht, dass der religiöse Bürger seine Verfassungspflichten vernachlässige: „Als hätten Juden und Muslime das Kindeswohl nicht im Blick.“ Hier hat sich, so verstand man die SPD-Politikerin, in Deutschland ein präpotenter Ton gegenüber Gläubigen eingeschlichen, der sich selbst bloßstellt und dringend zurückgenommen werden sollte.

Quelle: F.A.Z.

 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Neue Infektion Liberia meldet Rückschlag im Kampf gegen Ebola

Das von Ebola am schwersten betroffene Land war auf dem Weg, die Epidemie vollständig zu besiegen. Nun macht eine neue Infektion Liberias Hoffnung vorerst zunichte. Mehr

21.03.2015, 06:31 Uhr | Gesellschaft
Nahost-Konflikt Tödlicher Anschlag auf Synagoge in Jerusalem

Beim Anschlag auf eine Synagoge in Jerusalem sind mindestens vier Gläubige getötet worden, neun weitere Menschen verletzt. Die beiden palästinensischen Angreifer wurden von der Polizei erschossen. Der blutigste Anschlag in Jerusalem seit Jahren weckt weltweit Empörung - und die Furcht, dass der Konflikt eine neue religiöse Dimension erreicht. Mehr

19.11.2014, 10:12 Uhr | Politik
Kopftuch-Urteil Eine Gefahr für die offene Gesellschaft

Der Kopftuchbeschluss des Bundesverfassungsgerichtes bedroht unser emanzipiertes Selbstverständnis. Vor allem für muslimische Schülerinnen ist er das falsche Signal. Mehr Von Regina Mönch

16.03.2015, 09:15 Uhr | Feuilleton
Angst vor Ebola Hände schütteln? Besser nicht!

Eigentlich gehört es fest zum Alltag dazu: Das Händeschütteln in Liberia. Für Europäer sieht es fast wie ein kunstvolles Ritual aus, denn die Liberianer beschränken sich nicht nur auf das Schütteln, sondern schnippen und knuffen mit den Händen. Doch die Ebola-Seuche nimmt ihnen auch das kleine bisschen Alltag. Mehr

12.12.2014, 12:23 Uhr | Gesellschaft
Nach dem Kopftuchurteil Nur die Neutralität schafft Freiheit

Sollen Lehrer als Bannerträger für Weltanschauungen und Religionen herhalten? Dann lebten wir wirklich in einem Obrigkeitsstaat. Davon aber gibt es anderswo schon genug. Mehr Von Reinhard Müller

26.03.2015, 11:49 Uhr | Politik
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 15.08.2012, 07:44 Uhr

Häme für die Opfer

Von Jörg Bremer

Auch Italiens Zeitungen berichten über das Airbus-Unglück. Zwei Blätter nutzen die Katastrophe, um antideutsche Ressentiments zu schüren. Silvio Berlusconis „Giornale“ ist ganz vorn dabei. Mehr 28