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FAZ.NET-Frühkritik Wider den präpotenten Ton

 ·  Kann man metaphysische Gehalte nach Art politischer Verhandlungsführung bestimmen? „Maischberger“ stellt die begriffliche Eindimensionalität der neuen deutschen Religionskritik bloß. Eine lohnende Beschneidungsdebatte.

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Die Begriffe Kindeswohl und Körperverletzung stehen im Mittelpunkt der Beschneidungsdebatte, und in der Runde bei „Maischberger“ wurde noch einmal klar, warum beide Begriffe nicht als Totschlagvokabeln taugen.

Zum Kindeswohl: Das Wohl des Kindes umfasse eben auch, in einer religiösen Gemeinschaft aufwachsen zu können, um dann später selbst eine begründete Entscheidung über seinen Glauben fällen zu können, erklärte Dieter Graumann. Dies werde, so der Vorsitzende des Zentralrats der Juden, bei einem Verbot der Beschneidung hinfällig.

Und zur Körperverletzung: Graumann verwahrte sich gegen den „anklagenden Ton“ in der Debatte, als seien die Gläubigen „Kinderquäler“, wenn sie an einem viertausend Jahre alten Ritual festhalten, das bei fachgerechter Ausführung nahezu schmerzfrei sei und mit der Genitalverstümmelung, wie sie im Falle der Mädchenbeschneidung begangen werde, nichts zu tun habe.

Ein Konflikt

Christa Müller von den Linken suggerierte einen Automatismus zwischen dem einen und dem anderen, den sie nicht begründen konnte. Warum sollte, wenn die Jungenbeschneidung straffrei bleibt, dies die Legalisierung der Mädchenbeschneidung nach sich ziehen? Beide Vorgänge auf einer Ebene anzusiedeln kommt einer „unerträglichen Verharmlosung“ (Graumann) der Genitalverstümmelung gleich. Zweifellos erfüllt schon jede Impfung den Tatbestand der Körperverletzung, wie die beiden anwesenden Ärzte bestätigten, entscheidend für die Legalität des Eingriffs beim Kind ist darum die Einwilligung der Eltern aus medizinischen oder, wie sie jetzt zur Debatte stehen, aus religiösen Gründen.

Der Urologe Wolfgang Bühmann wies einfühlsam auf seinen Konflikt hin, mit der Beschneidung einerseits die freie Religionsausübung unterstützen zu wollen, andererseits sich an die Standesregeln gebunden zu fühlen, wonach körperliche Eingriffe nur vorzunehmen sind, um Schaden zu vermeiden und Schmerzen zu lindern – was wiederum beides bei einer Beschneidung aus religiösen Gründen nicht gegeben sei. Ohnehin gebe es nur eine sehr begrenzte medizinische Indikation für die Beschneidung, woran auch deren wiederholte Beschwörung als Hygienemaßnahme durch den Allgemeinmediziner Sebastian Isik nichts änderte.

Eine Unterstellung

Dass auch das Recht auf freie Religionsausübung nicht absolut gilt, sondern seine Grenze in der Verletzung der Menschenwürde findet, ist für Graumann eine bürgerliche Selbstverständlichkeit. Die Menschenwürde sei im Falle der Jungenbeschneidung aber gerade nicht bedroht, und hier beklagte Graumann „die Ignoranz eines säkularen Fundamentalismus“, der religiöse Regeln wie jederzeit änderbare Steuergesetze nehme und es damit an Respekt vor einem gelebten Glauben fehlen lasse und vor dem Recht der Eltern, ihre Kinder in diesem Glauben zu erziehen.

Graumann zielte damit gegen Necla Keleks Aufruf, „überholte Rituale“ zu reformieren, bei dem immer die Vorstellung anklingt, es brauche nur mal eine starke Hand, die den komplexen Vorgang religiöser Traditionsbildung auf ein pragmatisches, für jedermann einleuchtendes Maß bringe. Auch Bilkay Öney, die Integrationsministerin Baden-Württembergs, ironisierte die begriffliche Eindimensionalität der neuen deutschen Religionskritik, die metaphysische Gehalte nach Art politischer Verhandlungsführung bestimmen möchte. Es könne doch etwas nicht stimmen an einer Debatte, die wie selbstverständlich davon ausgeht, dass der religiöse Bürger seine Verfassungspflichten vernachlässige: „Als hätten Juden und Muslime das Kindeswohl nicht im Blick.“ Hier hat sich, so verstand man die SPD-Politikerin, in Deutschland ein präpotenter Ton gegenüber Gläubigen eingeschlichen, der sich selbst bloßstellt und dringend zurückgenommen werden sollte.

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