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FAZ.NET-Frühkritik : Westerwelles Windmühlen

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Sternstunde des Intellekts: Altkanzler Helmut Schmidt und der Historiker Fritz Stern Bild: dpa

Ein Fest der angewandten Intellektualität: Helmut Schmidt und Fritz Stern zelebrieren bei „Beckmann“ die Transparenz des Denkens, zoomen freihändig durch Weltpolitik und Weltgeschichte und verspotten Westerwelles blindwütigen Windmühlenkampf.

          Zwei Männer haben ein Buch geschrieben, über das Jahrhundert und über ihre Freundschaft. Nun sitzen sie in einem Fernsehstudio, um darüber zu reden. Das ist eine Standardsituation des Fernsehens, und doch war bei „Beckmann“ nichts von Routine zu spüren. Weder Helmut Schmidt noch Fritz Stern machten es ihm mit wohlüberlegten Anekdoten leicht, sie spielten niemandem einen Ball zu und lachten nicht nach den Einspielfilmen.

          Schon optisch war die Sendung ein Bruch mit allem, an das das Fernsehen seine Zuschauer gewöhnt hat: Ein Mann im Rollstuhl und neben, beziehungsweise hinter ihm ein zweiter, der höchstens mal verschmitzt lächelt, beide zusammen 176 Jahre alt. Als Fritz Stern zum ersten Mal „Washington“ sagt, zieht Schmidt an einer Zigarette und man fühlt sich in eine andere Zeit versetzt, in der die Brenzligkeit der Weltlage gerade daran zu sehen war, dass Männer keine Emotionen zeigten, jedenfalls nicht öffentlich. So hielten es die beiden auch mit ihrer Freundschaft, wegen der sie doch eigentlich da saßen. Sie haben zusammen ein Buch gemacht, das muss an öffentlichen Gefühlsbekundungen reichen. Diese Zurückhaltung zu Beginn war wohltuend, weil sie den modernen Beicht- und Bekundungsorgien einen Eigensinn entgegensetzte, der durch eine seltene intellektuelle Großzügigkeit beim Beantworten der Fragen kompensiert wurde.

          Guidon Quichottes blinde Wut

          So kam das Gespräch ohne Krampf auf die Zukunft des Sozialstaats: eine Umstellung der Umlagefinanzierung der Rente auf eine Steuerfinanzierung, dieses Riesenprogramm bringt Helmut Schmidt ins Gespräch als sei es ein konzeptioneller Klacks, ohne Aufhebens davon zu machen, dass eine mittelgroße Partei von so einer Idee jahrelang leben könnte. Der Sozialstaat wurde bei diesen beiden Herrn plötzlich nicht mehr bloß als überkommener Kostenfaktor, sondern als eine Zivilisationserrungenschaft gefeiert, der nicht etwa zu verschlanken, abzuschmelzen, abzuschaffen sei, wie die dominierende Ideologie der letzten Jahre es wollte, sondern zu bewahren und zu exportieren, vor allem, so Fritz Stern, in die USA.

          Eine Pointe hatte sich Schmidt dann doch überlegt, denn die Rede würde ja unweigerlich auf Westerwelle kommen und es gehört zur Virtuosität der Auftritte des ehemaligen Bundeskanzlers, dass er das Publikum mit wohlformulierten, knappen Spitzen erfreut. Hier war es die Formel vom „Wichtigtuer“, mit der er den FDP-Chef von den wirklich Wichtigen unterschied. Westerwelle bekämpfe überdies Positionen, „die niemand vertritt“, womit dem Zuschauer das Bild eines Guidon Quichottes vor Augen stand, der aufgeregt weit im politischen Abseits herumfuchtelt.

          Welthistorischer Parcours

          Die beiden Herren zoomen durch Themen und Epochen wie Google Earth über den Globus, sekundenschnell sind wir in den Tiefen der afghanischen Schluchten zur Alexanderzeit, dann debattieren wir mit Breschnew und beraten Gerald Ford. Fritz Stern schildert uns seinen Eindruck von seinem Freund Axel von dem Bussche, dann sind sich beide uneins, ob Stalin eigentlich Charisma hatte. Zum Thema China geht es dann schon mal neuntausend Jahre zurück und, für die Jüngeren, immerhin zu den „verrückten Reden Kaiser Wilhelms beim Boxeraufstand“. Stern und Schmidt sind mit Namen und Themen vertraut, die heutige Amtsträger hektisch und mit manchen Buchstabendrehern unter dem Tisch in ihr Smartphone eintippen müssten, um wenigstens auf Wikipediawissen zu kommen.

          Nicht alle Amtsträger natürlich: Barack Obama und die Bundeskanzlerin, das sind so zwei, über die die beiden Herren doch mit einem guten Auge wachen. Beide setzen auch jene pragmatische und leicht melancholische sozialdemokratische Politik fort, zu der Schmidt und Stern im Laufe ihres Lebens gefunden haben. Heute, in so einem Fernsehstudio, klingt es allerdings ziemlich links und unerhört, was sie so fordern, etwa eine Steuererhöhung für Reiche oder eine höhere Erbschaftssteuer.

          Transparenz des Denkens

          Radikal ist zweifellos ihr Gesprächsverhalten. Statt nur ihre Botschaft loswerden zu wollen, zelebrieren sie die Transparenz des Denkens. Zur Frage der Mindestlöhne antwortet Schmidt, er habe noch nicht genügend darüber nachgedacht. Und als Beckmann fragt, ob die Afghanistandebatte denn „ehrlich“ geführt werde, kritisiert Schmidt, diese Frage könne „zu einer oberflächlichen Antwort verleiten,“ denn man könne ehrlich sein und trotzdem „Blödsinn“ sagen. Nicht die Emphase einer Rede sei wichtig, sondern ob der oder die Betreffende vorher genügend, also „tief und weit genug“ nachgedacht habe.

          Und wer meint, mit diesem Fest der Intellektualität und angewandten Geschichtswissenschaft sei doch so eine Sendung bereits ganz gut gefüllt und insgesamt gelungen, der wurde überrascht, dass der kritische Punkt erst noch kam. Was wusste Helmut Schmidt von der Vernichtung der europäischen Juden? Fritz Stern ist der Überzeugung, es konnten und mussten mehr Deutsche mehr gewusst haben, als sie nach dem Krieg gern zugeben wollten. Die gesamte historische Forschung gibt ihm da recht. Aber lügt Helmut Schmidt, wenn er sagt, die Namen der Lager habe er erstmals in der Vernehmung durch amerikanische Offiziere, also in der Gefangenschaft gehört? Ist er eine große Ausnahme, obwohl er sich gern als ganz normaler Wehrmachtssoldat darstellt?

          Es bleiben Fragen, bleibt mehr zu reden und zu lesen und natürlich nachzudenken, nach dieser außergewöhnlichen Sendung, in der sich Reinhold Beckmann auf der Höhe der Themen und der Personen erwies, gerade weil er es, bei offenbar glänzender Vorbereitung, dann nicht scheute, ihnen die Bühne ganz zu überlassen.

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