Home
http://www.faz.net/-gsb-71xzs
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

FAZ.NET-Frühkritik Wächst aus der Krise noch ein großer Europäer?

 ·  Helmut Schmidt spricht bei Maischberger über die historischen Erfahrungen, die ihn zum Europäer gemacht haben, und den Wunsch nach einer neuen weitblickenden Führungsfigur.

Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (87)

Hatte jemand 1947 den Überblick? Der Krieg war verloren, das Land zerstört und in Besatzungszonen geteilt. Moralisch lag Deutschland nach den Verbrechen der Nazis am Boden. Not und Elend waren keine abstrakten Begriffe, sondern die meisten Deutschen froren und hungerten tatsächlich. In Zürich hatte am 19. September 1946 allerdings jemand Überblick bewiesen: „Wir müssen eine Art Vereinigte Staaten von Europa schaffen.“ Winston Churchill hatte in seiner berühmt gewordenen Züricher Rede eine Antwort auf  Probleme formuliert, die zugleich Ursache wie Folge der europäischen Selbstdemontage in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts gewesen waren. Die meisten Deutschen glaubten damals nicht an die Lösbarkeit ihrer Probleme. Bisweilen mit guten Gründen: So sollte die deutsche Teilung erst nach mehr als 40 Jahren überwunden werden.

In diesem Jahr 1947 lernte Helmut Schmidt Jean Monnet kennen. Das berichtete er gestern Abend bei Sandra Maischberger. Es war nur ein Nebensatz, aber er war durchaus giftig gemeint. Schmidt nutzte die Erinnerung an Monnet, um die Differenz zwischen geborenen Europäern wie ihm selbst und den nach 1990 angelernten Europäer wie der Bundeskanzlerin aus der untergegangenen DDR zu skizzieren.

Ein strammes Programm

Im Hintergrundrauschen der Sendung ging dieser Satz unter. Schließlich hatte Frau Maischberger ein strammes Programm zu bewältigen. Es ging um die persönliche Lebensführung des ehemaligen Bundeskanzlers sowie einen Überblick über alle Themen, die seit der Sommerpause der Talk-Show eine Rolle gespielt haben: Beschneidung, Politiker in Elternzeit, die Frauenquote oder der Atomausstieg. Es fehlte eigentlich nur noch die Frage, wie sich Schmidt den Untergang der deutschen Schwimmer bei den Olympischen Spielen erklärt. Er hätte sicher auch dazu eine Meinung.

Frau Maischberger verpasste die Chance, bei der Anekdote um Monnet nachzufragen. Denn Schmidt war keineswegs ein geborener Europäer, sondern, wie die meisten Deutschen seiner Generation, erst aus leidvoller Erfahrung dazu geworden. Churchills Rede nämlich war zugleich ein Angebot an die Deutschen zu einem Neuanfang gewesen: „Wir alle müssen den Schrecken der Vergangenheit den Rücken kehren. Wir müssen in die Zukunft blicken.“ Die Wirkung dieser Worte auf die demoralisierten Deutschen kann man sich heute nicht mehr vorstellen. Churchill zitierte sogar Gladstones Worte vom „segensreichen Akt des Vergessens“, den es geben müsse. Schmidts Generation erlebte die Großzügigkeit und den Weitblick der westlichen Siegermächte. Das war ihre prägende Erfahrung, vor allem weil sie damit weder gerechnet hatten, noch glaubten, sie überhaupt verdient zu haben.

„Hier geht es lang!“

Selbstredend war davon bei Maischberger nicht die Rede. Dabei lässt sich daraus die Differenz zwischen der Situation von 1947 und heute destillieren. Schmidt vermisst in der europäischen Politik eine Figur, die den Überblick über die „zwei Dutzend Probleme“ hat, die Weitsicht mit Tatkraft verbindet und die Berechtigung zum Handeln hat. Die uns sagt: „Hier geht es lang!“ Schmidt benannte die Gründe für ihre Notwendigkeit: den demografisch und politisch bedingten Bedeutungsverlust der Europäer in der sich abzeichnenden neuen Weltordnung; die fehlende Führung durch die alte Vormacht Vereinigte Staaten und die Erfahrung, dass der „segensreiche Akt des Vergessens“ selbst in einem Europa mit verfallender weltpolitischer Bedeutung für ein wiedervereinigtes Deutschland nicht gelte.

Die Deutschen seien gehandicapt durch die vorangegangene Geschichte. Er nannte ausdrücklich Auschwitz, „auch wenn man es nicht hören will“. Diese Erfahrung wirke im Unterbewusstsein der Völker so prägend, „dass es eine Führung Europas durch Deutschland ausschließt.“ Diese Erkenntnis ist nicht neu: „Wir alle wissen, dass die beiden Weltkriege, die wir erlebt haben, aus dem eitlen Verlangen des neugeeinten Deutschland entsprungen sind, eine führende Rolle in der Welt zu spielen.“ Das formulierte Churchill 1946 und es ließe sich umstandslos auf heute anwenden, wenn auch die Welt auf den europäischen Kontinent geschrumpft ist.

Durch Zufall richtig liegen

Wenn Schmidt von einer Schuldenkrise statt Eurokrise spricht, er den Austritt Griechenlands aus dem Euro ablehnt oder die Übernahme einer gemeinsamen Haftung für die europäischen Staatsschulden für „fast unausweichlich“ hält, sind das nichts anderes als strategische Schlussfolgerungen aus einer historischen Erfahrung. Das ist natürlich das Kontrastprogramm zu den taktischen Fähigkeiten einer Bundeskanzlerin, die das legitime Ziel verfolgt, möglichst lange an der Macht zu bleiben. Sie wird nichts tun, was sie in Konflikt zu ihrer Machtbasis bringt. Sie hat also kein Interesse daran, „hier geht es lang“ zu sagen, weil sie das in Konflikte mit Teilen der eigenen Partei und Wählerschaft bringen würde. Im Gegensatz zu den Erwartungen von Schmidt versucht die Bundeskanzlerin jede Handlung zu vermeiden, die ihr eindeutig zugeordnet werden kann. Um ihre Macht zu sichern, ratifiziert sie bloß, was in Europa unausweichlich ist, und setzt in Brüssel durch, was ihr innenpolitisch als notwendig erscheint.

Schmidt vermied bei Frau Maischberger ein Urteil über ihre Kanzlerschaft. Darüber ließe sich erst Jahre nach deren Ende urteilen. Diese Vorsicht findet wohl nur eine Begründung: Sie könnte durch Zufall richtig gelegen haben. Aber hatte 1947 jemand den Überblick, den Schmidt von den handelnden Akteuren heute verlangt? Erst in der Rückschau wussten wir es. Es waren Männer wie Churchill oder Monnet, die als Idee formulierten, was die europäische Politik und ihre Protagonisten wie Schmidt prägen sollte. Es hätte durchaus anders ausgehen können, wenn es heute auch schwer vorstellbar ist, wie Westeuropa ohne diese europäische Idee hätte aussehen können

Bei Frau Maischberger saß gestern ein Denkmal, das davon berichtete und von sich sagte: „Einstweilen weiß ich noch, was ich rede.“ Es bezog sich auf die Frage, ob Schmidt den Verlust seiner geistigen Fähigkeiten, etwa durch eine Demenz, befürchte. Das kann man ausschließen. Nur stellt sich die Frage, ob eigentlich noch jemand versteht, was der 93 Jahre alte Mann zu sagen hat. Denn die Erfahrungen, die ihn geprägt haben, spielen in der heutigen Welt kaum noch eine Rolle. Vielmehr sind wir Jüngeren wohl gerade dabei, unsere eigenen Erfahrungen zu machen. Insofern leben wir in unserem 1947. Die Churchills und Monnets von heute suchen wir allerdings noch. Wie es scheint vergeblich.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen