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FAZ.NET-Frühkritik: Sandra Maischberger Der Mann im Mond

 ·  Der Mond, Marktwirtschaft und Demokratie, China und der Iran waren die Themen bei Maischberger. Sie passen sogar zwischen zwei Buchdeckel.

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Manchmal lassen sich Sendungen an scheinbaren Nebensächlichkeiten festmachen. Sandra Maischberger hatte das Thema „Casino global: Wer regiert die Welt.“ Josef Joffe, Mitherausgeber der “Zeit“, ist selten ein Mann der leisen Töne, aber dafür fehlt es ihm immerhin nicht an Deutlichkeit: „Der Club of Rome“, so seine Feststellung gestern Abend, “muss doch verspottet werden. Was hat er vor 30 Jahren für einen Unsinn geschrieben.“

Joffe meinte damit sicherlich jenen legendären Bericht aus dem Jahr 1972 namens „Die Grenzen des Wachstums“. Es war die erste systematische Untersuchung über die Belastbarkeit des Ökosystems Erde. Themen waren etwa Industrialisierung, Unterernährung, das Bevölkerungswachstum oder die Rohstoffreserven – und deren Auswirkungen auf unseren Lebensraum. Auf der Basis von Computermodellen wurden Szenarien über die zukünftige Entwicklung aufgestellt. Nun lässt sich sicherlich immer spotten, ob nun mit oder ohne guten Grund, wie wir sehen werden. Nur diskutierte Joffe bei Frau Maischberger über die Folgen dieses 40 Jahre alten Berichts an den Club aus Rom. Bei allen methodischen Mängeln von „Grenzen des Wachstums“: Wer kann das schon von sich sagen? In 40 Jahren wird sicherlich niemand mehr über die gestrige Sendung reden.

Ob Raab helfen kann?

Club of Rome-Autor Meadows hatte analytisch umgesetzt, was den heutigen Moderator des „Heute Journal“, Claus Kleber, im Jahr 1968 beim Flug von Apollo 8 bewegte - nämlich die Erde vom Mond aus zu betrachten. Tatsächlich sind diese Fotos in ihrer Bedeutung kaum zu unterschätzen. Sie schufen erstmals in der Menschheitsgeschichte ein planetarisches Bewusstsein über ein gemeinsames Schicksal.

Nur konkurriert sie leider immer mit den irdischen Bedingungen menschlicher Existenz, worauf ein Realist wie Joffe zwar mit guten Gründen hinwies, aber das sollte gestern Abend nicht nötig sein. In einem Einspieler über Klebers neues Buch stellte ihn Frau Maischberger so vor: „James Bond rettet die Welt. Claus Kleber erklärt die Welt wie kaum ein anderer.“ Gemäß dieser Logik müsste das planetarische Bewusstsein in einem Filmstudio entstanden sein – und der ZDF-Moderator wäre der Drehbuchautor gewesen. Aber so war das sicherlich nicht gemeint, wenn einem auch jede andere Interpretation partout nicht einfallen will. Wahrscheinlich könnte einem hier nur Stefan Raab weiterhelfen.

Kleber und Geißler als Globalisten

Ansonsten war die Sendung durchaus informativ. Kleber sowie Heiner Geißler übernahmen den Part einer globalen Perspektive, wo es um Themen wie den Klimawandel oder die Zerstörung von Lebensräumen geht. Diese Sichweise hat immer mit zwei Elementen zu kämpfen. Der Neigung zum Fatalismus und dem Zwang zur Utopie. Angesichts der globalen Probleme schrumpft die Überzeugung von der Problemlösungsfähigkeit des Menschen auf Zwerggröße. Geißlers Idee, dass man eigentlich eine Weltregierung und ein Weltparlament brauche, ist die utopische Konsequenz solcher Vorstellungen – und bestärkt damit den Fatalismus.

Joffe ist insofern ein probates Gegenmittel, weil er bekanntlich die deutsche Neigung zum Weltschmerz nicht teilt. Ihn prägte der angelsächsische Pragmatismus, der nach Lösungen sucht, während die Deutschen eher dazu neigen, die ideengeschichtliche Aussichtslosigkeit des Begriffs „Lösung“ zu definieren. Allerdings können die damit bis heute ganz gut komfortabel leben, wie er ebenfalls anmerkte.

Die Macht verschiebt sich - nach Asien

Nur ist Joffes Bild von der Stärke der Vereinigten Staaten im 21. Jahrhundert selbst nicht frei von utopischen Momenten. So sprach der britische Historiker Paul Kennedy schon im Jahr 1987 von der „imperialen Überdehnung“ der USA – und Kennedy scheint mit Verspätung recht zu bekommen. Da hilft es auch nichts, den Europäern noch schlechtere Zukunftsperspektiven zu diagnostizieren, wie es Joffe gestern tat. Die Machtarchitektonik auf diesem Planten verschiebt sich nach Asien – und damit nach Indien und vor allem nach China. So hätte es sich durchaus gelohnt, einen in der Sendung formulierten Gedanken Joffes weiterzuentwickeln: Ob solche autoritäre Systeme zwar in der Aufbauphase „gewaltige Kräfte mobilisieren können, aber nur bis zu einem Punkt“, wo sich das Wachstum abschwäche.

Joffe verwies auf entsprechende Erfahrungen in Südkorea oder Taiwan, wo die Demokratisierung zu diesem Zeitpunkt begonnen habe. Chinas rasanter Aufstieg lässt sich eben nicht einfach linear fortschreiben. Die zunehmenden sozialen Konflikte im „Reich der Mitte“ sind bekanntlich nicht zu übersehen. Noch nicht einmal von der KP-Führung in Peking – und die sehen nicht Maischberger.  

Meister im Umgang mit den Massenmedien

Der frühere BDI-Präsident Hans-Olaf Henkel war dabei keineswegs umstandslos Joffes Lager des machtpolitischen Zynismus zuzuordnen. Seine Vorstellungen über den Zusammenhang von Demokratie und Marktwirtschaft entsprechen jener alten liberalen Utopie, wie sie seit dem 19. Jahrhundert das westliche Selbstbild prägten. Hier trat, mitten bei Maischberger und sicherlich zu ihrer Überraschung, jene historische Kontroverse wieder auf, die im England des 19. Jahrhunderts zwei Premierminister verkörperten: Der Konservative Benjamin Disraeli (Joffe) und der Liberale William Gladstone (Henkel). Beide waren übrigens Meister im Umgang mit den Massenmedien gewesen. Nur waren damals mehr Zeitungen gegründet worden als heute.

So hatte die Sendung nur einen Fehler: Sie hetzte den Zuschauer durch die wichtigsten Themen der Weltpolitik – und verband das sprichwörtlich mit dem Blick vom Mond. Warum macht man eigentlich nicht eine Sendung über China? Oder über den Nuklearstreit mit dem Iran – und zwar bevor diese Krise eskaliert?

Selbst für Kleber wäre es eine Herausforderung, den Mann im Mond zu interviewen

Die gebürtige Iranerin und heutige ARD-Auslandskorrespondentin Golineh Atai hatte dazu viel zu sagen. Leider wirkte sie aber doch wie die Kulisse in einer Sendung über das neue Buch von Claus Kleber. Ist sein ZDF-Interview mit dem iranischen Staatspräsidenten der Grund für die Einladung gewesen? Nun wollten bekanntlich alle TV-Zuschauer schon immer wissen, was Kleber mit seiner Co-Moderatorin Gundula Gause beim Abspann des „Heute Journal“ so bespricht.

Bevor uns das Oliver Welke in der „Heute Show“ hätte verraten können, wusste Frau Maischberger schon Auskunft zu geben. Kleber müsse mit ihr das nächste Ziel in seiner Recherche-Weltreise für das Buch besprochen haben. So ähnlich muss die Sendeplanung gewesen sein: Last Stop, Teheran. Zum Glück betraf es nicht unseren Erdtrabanten. Den Mann im Mond zu interviewen, wäre nämlich eine echte Herausforderung gewesen. Selbst für Claus Kleber.

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