Home
http://www.faz.net/-gsb-74ceh
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

FAZ.NET-Frühkritik: Sandra Maischberger Der Mann im Mond

Der Mond, Marktwirtschaft und Demokratie, China und der Iran waren die Themen bei Maischberger. Sie passen sogar zwischen zwei Buchdeckel.

© dpa Vergrößern Die ganz große Perspektive.

Manchmal lassen sich Sendungen an scheinbaren Nebensächlichkeiten festmachen. Sandra Maischberger hatte das Thema „Casino global: Wer regiert die Welt.“ Josef Joffe, Mitherausgeber der “Zeit“, ist selten ein Mann der leisen Töne, aber dafür fehlt es ihm immerhin nicht an Deutlichkeit: „Der Club of Rome“, so seine Feststellung gestern Abend, “muss doch verspottet werden. Was hat er vor 30 Jahren für einen Unsinn geschrieben.“

Joffe meinte damit sicherlich jenen legendären Bericht aus dem Jahr 1972 namens „Die Grenzen des Wachstums“. Es war die erste systematische Untersuchung über die Belastbarkeit des Ökosystems Erde. Themen waren etwa Industrialisierung, Unterernährung, das Bevölkerungswachstum oder die Rohstoffreserven – und deren Auswirkungen auf unseren Lebensraum. Auf der Basis von Computermodellen wurden Szenarien über die zukünftige Entwicklung aufgestellt. Nun lässt sich sicherlich immer spotten, ob nun mit oder ohne guten Grund, wie wir sehen werden. Nur diskutierte Joffe bei Frau Maischberger über die Folgen dieses 40 Jahre alten Berichts an den Club aus Rom. Bei allen methodischen Mängeln von „Grenzen des Wachstums“: Wer kann das schon von sich sagen? In 40 Jahren wird sicherlich niemand mehr über die gestrige Sendung reden.

Ob Raab helfen kann?

Club of Rome-Autor Meadows hatte analytisch umgesetzt, was den heutigen Moderator des „Heute Journal“, Claus Kleber, im Jahr 1968 beim Flug von Apollo 8 bewegte - nämlich die Erde vom Mond aus zu betrachten. Tatsächlich sind diese Fotos in ihrer Bedeutung kaum zu unterschätzen. Sie schufen erstmals in der Menschheitsgeschichte ein planetarisches Bewusstsein über ein gemeinsames Schicksal.

Mehr zum Thema

Nur konkurriert sie leider immer mit den irdischen Bedingungen menschlicher Existenz, worauf ein Realist wie Joffe zwar mit guten Gründen hinwies, aber das sollte gestern Abend nicht nötig sein. In einem Einspieler über Klebers neues Buch stellte ihn Frau Maischberger so vor: „James Bond rettet die Welt. Claus Kleber erklärt die Welt wie kaum ein anderer.“ Gemäß dieser Logik müsste das planetarische Bewusstsein in einem Filmstudio entstanden sein – und der ZDF-Moderator wäre der Drehbuchautor gewesen. Aber so war das sicherlich nicht gemeint, wenn einem auch jede andere Interpretation partout nicht einfallen will. Wahrscheinlich könnte einem hier nur Stefan Raab weiterhelfen.

Kleber und Geißler als Globalisten

Ansonsten war die Sendung durchaus informativ. Kleber sowie Heiner Geißler übernahmen den Part einer globalen Perspektive, wo es um Themen wie den Klimawandel oder die Zerstörung von Lebensräumen geht. Diese Sichweise hat immer mit zwei Elementen zu kämpfen. Der Neigung zum Fatalismus und dem Zwang zur Utopie. Angesichts der globalen Probleme schrumpft die Überzeugung von der Problemlösungsfähigkeit des Menschen auf Zwerggröße. Geißlers Idee, dass man eigentlich eine Weltregierung und ein Weltparlament brauche, ist die utopische Konsequenz solcher Vorstellungen – und bestärkt damit den Fatalismus.

Claus Kleber: Blödsinn aus Amerika schwappt auch zu uns rüber © dpa Vergrößern ZDF-Moderator Claus Kleber

Joffe ist insofern ein probates Gegenmittel, weil er bekanntlich die deutsche Neigung zum Weltschmerz nicht teilt. Ihn prägte der angelsächsische Pragmatismus, der nach Lösungen sucht, während die Deutschen eher dazu neigen, die ideengeschichtliche Aussichtslosigkeit des Begriffs „Lösung“ zu definieren. Allerdings können die damit bis heute ganz gut komfortabel leben, wie er ebenfalls anmerkte.

1 | 2 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Deutscher Fernsehpreis Aus, aus, aus! Aus! Der Preis ist aus!

Nach der letzten Verleihung hatte es noch einen Funken Hoffnung gegeben, dass ARD, ZDF, RTL und Sat.1 den Deutschen Fernsehpreis am Leben erhielten. Jetzt wird er sang- und klanglos beerdigt. Mehr Von Michael Hanfeld

23.01.2015, 03:57 Uhr | Feuilleton
Ein Debüt mit großer Wirkung

Über die Lust am Experimentieren mit prosaischen Miniaturen: Sandra Kegel spricht mit Karen Köhler über deren viel beachtetes erstes Buch Wir haben Raketen geangelt. Mehr

11.10.2014, 13:00 Uhr | Feuilleton
TV-Kritik: Maischberger Islamismus eine Entartung des Islam

Sandra Maischberger widmet sich den Gefahren islamistischer Gewaltakte in Europa. Migranten in Deutschland müssten sich anpassen, doch dürfe nicht jeder Kleindiebstahl als Signal eines Kulturkrieges gelten. Mehr Von Kerstin Holm

14.01.2015, 06:15 Uhr | Feuilleton
Der letzte Supermond dieses Sommers

Wenn der Mond zum Greifen nahe und voll erscheint, wird er auch Supermond genannt. Hier leuchtet der Mond in der Nacht zum Mittwoch über der Altstadt von Jerusalem und erhellt die heiligen Stätten von Christen, Juden und Moslems. Mehr

10.09.2014, 12:02 Uhr | Wissen
Youtube-Sendung #3sechzich Der WDR geht ins Netz

Erstmals sendet der Westdeutsche Rundfunk ein Nachrichtenformat nur im Netz. Dabei orientiert es sich an den Youtube-Stars. Kann das gut gehen? Mehr Von Jonas Jansen

21.01.2015, 17:34 Uhr | Feuilleton
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 14.11.2012, 07:30 Uhr

Paris ist nicht Rom

Von Nils Minkmar

Auch die Franzosen erwischt der Januar gelegentlich recht kalt. Und das auch noch völlig unerwartet. Das wärmeverliebte und -gewohnte Frankreich staunt über den Schnee. Mehr 10