„Herr Präsident, Angehörige der Opposition und westliche Politiker sind der Auffassung, dass Sie das größte Hindernis für den Frieden in Ihrem Land sind. Wären Sie bereit, als Präsident zurückzutreten, wenn ein solcher Schritt Ihrem Land Frieden bringen und das Blutvergießen beenden könnte?“ „Diese Frage hat mir noch keiner gestellt, Herr Todenhöfer. Wenn ich darüber nachdenke: Keine schlechte Idee. Ich trete tatsächlich zurück, um dem Land Frieden zu bringen.“ Der nun zurückgetretene syrische Präsident Assad schreibt sogleich eine Mail an seine Gattin mit der beruhigenden Mitteilung, dass man selbst im Exil in Russland Schuhe kaufen könne. Das wissen wir von Wikileaks, dem aktuellen Medienpartner der ARD bei der Veröffentlichung der Mails syrischer Regierungskreise.
Allein, es blieb bei einem frommen Wunsch. Bashar al Assad ist nicht zurückgetreten - und die welthistorische Dimension des Assad-Interviews von Jürgen Todenhöfer ausgeblieben. So blieb Todenhöfer nur, bei Plasberg den amerikanischen Präsidenten Obama aufzufordern, sich „den Friedensnobelpreis in Syrien zu verdienen“, den Obama bekanntlich gar nicht verliehen bekommen wollte. So hat jeder seine Sorgen.
Selbstredend ist es nachvollziehbar, wenn die ARD eines der gar nicht so seltenen Interviews Assads mit der Weltpresse in ihrem Programm vermarkten will. Es ist natürlich auch albern, von einem Interview mit einem Staatsoberhaupt mehr zu erwarten als die Darstellung der Position des Mannes, den man gerade interviewt - sei es nun Ahmadinedschad, Assad, Putin oder Obama. Selbst Interviews mit der Bundeskanzlerin können bisweilen eine hoffnungslose Angelegenheit werden – für den Interviewer. Das Problem ist aber, dass der Interviewer wissen muss, was er will. Und das wird dann kritisch, wenn er nicht als Journalist auftritt, sondern selber Politik zu machen gedenkt. Dieses Rollenproblem wurde am Montagabend bei Todenhöfer deutlich.
Äquidistanz gegenüber Assad und der Opposition
Jürgen Todenhöfer ist kein Journalist. Er war CDU-Außenpolitiker und Medienmanager im Burda-Konzern. In den vergangenen Jahren ist er vor allem als Publizist hervorgetreten, mit sehr erfolgreichen Büchern zu den diversen Konflikten in der islamischen Welt - von Afghanistan über den Irak bis Libyen. Er hat dabei dezidierte Positionen entwickelt, die der westlichen Politik äußerst kritisch gegenüberstehen. Das ist völlig in Ordnung. Nur kann man so keine Interviews führen, wenn man die kritische Distanz zur eigenen Positionierung verliert. Todenhöfer ist der Meinung, dass es sich in Syrien um einen Bürgerkrieg gleich starker Gruppen handelt. Seine Position kann man als Äquidistanz gegenüber dem syrischen Regime und der Opposition skizzieren. Letztlich teilt er damit die Sichtweise, die Assad zur Legitimation seines Regimes durchzusetzen versucht.
Nun gibt es dafür durchaus Argumente. Syrien ist mittlerweile zu einem ähnlichen Kriegsschauplatz im Machtkampf zwischen Saudis und Iranern geworden, wie es lange Jahre der Irak gewesen ist. Niemand hat zur Zeit ein Interesse an einer militärischen Intervention, aber durchaus an der Eindämmung des Konflikts. Mit einem auf Syrien beschränkten Bürgerkrieg ohne klaren Sieger können alle Mächte leben, wenigstens solange sich die Türkei nicht zugunsten einer Funktion als neuer Ordnungsmacht im Mittleren Osten entscheiden sollte. Avi Primor, der ehemalige Botschafter Israels in Bonn, formulierte bei Plasberg unverblümt das israelische Interesse an einem schwachen Assad in Damaskus. China und Russland werden zudem jede Sicherheitsratsresolution in der UN blockieren, die den Westen in die Verlegenheit bringen könnte, selber militärisch einzugreifen. Für diese Erkenntnis braucht man in Washington nicht Jürgen Todenhöfer. Insofern muss in Deutschland der Bundesaußenminister keine Angst haben, wieder auf dem falschen Fuß erwischt zu werden wie seinerzeit in Libyen.
Das Gute im Menschen
Von Interessen war bei Plasberg am Montagabend aber nicht mehr die Rede. Ansonsten hätte man auch kaum Claudia Roth eingeladen. Die Bundesvorsitzende der Grünen schafft es immer wieder, jede außenpolitische Debatte auf den kleinsten moralischen Nenner zu bringen. Wer unfähig ist, Interessen zu definieren, und zwar die eigenen wie die der anderen Mächte, kann sich nur im Wolkenkuckucksheim bewegen. Assad solle zurücktreten und die Opposition nach einer Machtübernahme besser auf Massaker verzichten – etwa an den Christen, wie es im Irak durchaus geschehen ist. Das hört man doch gerne, solche Appelle an das Gute im Menschen im Allgemeinen, und an Bashar al Assad im Besonderen. Vielleicht sollte Frau Roth nach Damaskus reisen.
Der kritische Punkt an Todenhöfers Interview in Damaskus wurde so jedenfalls nicht deutlich, auch wenn sich der Vertreter der syrischen Opposition, der Deutsch-Syrer Ferhad Ahma, darum bemühte. Todenhöfer fragte nämlich ausgerechnet Assad nach dem Urheber jenes Massakers von Hula, das mit hoher Wahrscheinlichkeit tatsächlich von oppositionellen Milizen verübt worden ist. Welchen Erkenntnisgewinn bringt diese Frage, die man tatsächlich der syrischen Opposition stellen muss, aber nicht dem Mann, der in den vergangenen 15 Monaten wahrscheinlich mehr Menschen hat umbringen lassen als sein Vater in seiner gesamten Amtszeit? Da nützt auch der Hinweis nichts, dass Folter in Syrien schon immer zum Alltag des Regimes gehörte. Westliche Geheimdienste könnten darüber Auskunft geben. Bisweilen profitierten sie von den daraus gewonnenen Erkenntnissen. Aber Todenhöfer, einmal in Fahrt, berichtete bei Plasberg von der Erkenntnis eines „oppositionellen syrischen Kommunisten“, dass man „keine Ahnung habe“, wenn man den Sohn Assad mit seinem Vater vergleiche. Letzterer sei viel grausamer gewesen. So hat sich Todenhöfer in Damaskus einen gefangenen Al-Qaida-Kämpfer vorführen lassen, gewissermaßen als Beleg für die von niemandem bestrittenen These, dass Syrien zum Schlachtfeld fremder Mächte geworden ist. Todenhöfer muss einzigartig blind sein, wenn er ernsthaft glaubt, dass ihm das Assad-Regime tatsächlich die Gefangenen aus den Folterkellern des Regimes vorführen könnte.
Alles zu kompliziert – für Plasberg
Plasberg wollte über Hula nicht reden, weil es keine Beweise für den Urheber des Massakers an mehr als 100 Männern, Frauen und Kindern gebe. Schließlich habe die UN in ihrem Bericht den „Schuldigen“ nicht benannt. Dass dieser Bericht wohl eher politischem Kalkül als Wahrheitsliebe geschuldet ist, sollte bei der UN nicht überraschen – und wurde bei Plasberg nicht weiter thematisiert. Das ist wahrscheinlich zu kompliziert. Nur hätte er am Beispiel Hula die widerstreitenden Sichtweisen skizzieren können, um den Konflikt in seiner Vielschichtigkeit sichtbar werden zu lassen. Stattdessen bestätigte die Redaktion Todenhöfer mit diversen Einspielern in jener Äquidistanz, wo am Ende alle Katzen grau sind. Das ist schön einfach.
Das skandalöse Fazit der Sendung wurde schließlich von dem ehemaligen Lehrer an der deutschen Schule in Alexandria,Günter Förschner, gezogen. Die Araber seien unfähig zur Demokratie, weil sie „in ihrer Mehrheit ungebildet“ seien – und zudem religiös. Die Illusionen über den arabischen Frühling seien in Ägypten zerstoben. Dafür hätten der deutsche Rechtsstaat und unsere Straßenverkehrsordnung ihre Vorteile, die man nach einer Rückkehr nach Deutschland zu schätzen wisse. So mischt sich Todenhöfers als Moral drapierter realer Zynismus mit Ignoranz und Arroganz gegenüber anderen Kulturen. Wir Deutsche reden halt immer über uns selbst, wenn wir über andere reden. Es ist zum Verzweifeln.
Nicht richtig zugehört oder nicht verstanden?
Günter Förschner (Foerschner)
- 12.07.2012, 14:02 Uhr
Es ist wohl alles ganz anders - es geht um etwas Anderes hier
Achmed Dybe (a-we)
- 10.07.2012, 16:28 Uhr
Derartige Themen sollten nicht in derart niveaulosen Shows behandelt werden.
Otto Meier (DerQuerulant)
- 10.07.2012, 12:44 Uhr
Die Behauptung "Araber seien ungebildet und nicht zur Demokratie fähig"...
Josef Hauser (josefhauser47)
- 10.07.2012, 12:16 Uhr
Plasberg,der Troubleshooter
Heinz-Werner Raderschatt (HEWERA)
- 10.07.2012, 11:54 Uhr