In den vergangenen Tagen konnte man drei interessante Einschätzungen zu Griechenland lesen. Da war im Handelsblatt von einem „Schwellenland“ die Rede. Im Focus von einem „Entwicklungsland“, und der Schweizer Ökonom Thomas Straubhaar sprach sogar im Cicero von einem „failed state“. Damit sind Staaten wie Somalia gemeint. Vor drei Jahren wäre noch niemand auf die Idee gekommen, mit solchen Etiketten zu hantieren, obwohl die Struktur der griechischen Volkswirtschaft schon damals bekannt gewesen war. Es hat nur keinen Ökonomen interessiert.
Die waren nämlich schwer mit der Erklärung beschäftigt, warum wir in der besten aller Welten leben und sich Finanzmärkte nie irren können. Das haben sie aber schon längst vergessen. Deshalb ist die Idee des FDP-Europa-Abgeordneten Jorgo Chatzimarkakis gar nicht so schlecht, Griechenland umzubenennen. Er schlug an diesem Dienstag Abend bei Sandra Maischberger den Namen Hellas vor. Daran könnte man die Hoffnung knüpfen, dass wenigstens die Debatten über Griechenland in Zukunft besser werden. Man könnte neu beginnen.
Warum Hans Eichel keinen Fehler gemacht hat
Denn die Zuschauer konnten bei Frau Maischberger eine interessante Beobachtung machen. Menschen neigen nämlich dazu, die Wirklichkeit ihren Sichtweisen anzupassen – und nicht die Sichtweisen der veränderten Wirklichkeit. Ein Beispiel dafür war etwa der ehemalige Bundesfinanzminister Hans Eichel, es ging um einen Einspieler mit seiner Begründung für die Aufnahme Griechenlands in den Euroraum aus dem Jahr 2000. Anstatt diese Aufnahme als das zu bezeichnen, was sie war (ein Fehler), suchte er nach Gründen, warum er keinen Fehler gemacht habe, sondern die Griechen nach der Aufnahme. Chatzimarkakis meinte sogar, es habe einen Rechtsanspruch auf die Aufnahme gegeben, was eine besonders mutige Interpretation ist.
Es mag gute Gründe für die damalige Entscheidung gegeben haben: nur ändern die halt nichts an dem desaströsen Ergebnis. In gleicher Weise wurden am Dienstag Abend noch andere Erkenntnisse vermittelt. So habe etwa erst der Bruch des Maastrichter Vertrages durch Deutschland die Verschuldung der Eurostaaten möglich gemacht. Es ging um die berühmten drei Prozent. Das meinte etwa die als Börsenexpertin firmierende Anja Kohl und der CDU-Bundestagsabgeordnete Wolfgang Bosbach. Da hatte nun Eichel wieder recht: Weder Irland, noch Spanien hatten ein Staatsschuldenproblem, sondern ein Problem mit ihrer privaten Verschuldung in Folge von Immobilienblasen.
Sagenhafte Hedgefonds
Ein anderes Beispiel für diese Form der Bestätigung vorgefasster Überzeugungen lieferte der Bremer Ökonom Rudolf Hickel. Er wollte nachweisen, dass die Banken und Hedgefonds für das Drama in Griechenland verantwortlich seien. Nun war es etwas peinlich, den Unterschied zwischen Hedgefonds und Private Equity nicht zu kennen.
Aber davon abgesehen: Es ist offenkundig schwierig zu verstehen, dass europäische Staatsanleihen bis vor drei Jahren die langweiligste Anlageform waren, die es gab. Absolut sicher und mit relativ geringen Renditen. Also Papiere für konservative Banken, Versicherungen und Pensionsfonds. Für Hedgefonds daher absolut uninteressant, weil ohne den berühmten „Risikoappetit“. Von dem leben die nämlich – und bis heute auch äußerst auskömmlich. Um dieses Mysterium der Hedgefonds zu lüften, hatte Frau Maischberger Karsten Schröder aus dieser sagenhaften Branche eingeladen. Leider konnte er das Geheimnis nicht lüften, weil ihm niemand zuhörte.
Das ist alles viel zu kompliziert
Er forderte nämlich nicht nur eine Begrenzung des Leverage, also des Einsatzes von Fremdkapital, sondern auch eine weitgehende Austrocknung der nicht an regulierten Börsenplätzen getätigten Finanzmarktgeschäfte. Zudem plädierte er für ein Verbot des Algo-Tradings, weil es nur den großen Investmentbanken nutzen würde. Wenn man ihn dann noch gefragt hätte, wie man die bei Hedgefonds so beliebten Steueroasen wie die Cayman-Inseln abschaffen kann, so wäre auch die Frage der Börsenexpertin beantwortet gewesen: Welchen volkswirtschaftlichen Nutzen nämlich Hedgefonds hätten. Irgendeinen oder auch keinen, wer weiß das schon?
Ganz sicher wäre die Umsetzung dieser Vorschläge der erste Schritt, um den Risikoappetit etwas zu bändigen. Den bekamen die Hedgefonds übrigens in der Eurokrise erst, als die europäische Politik auf die famose Idee gekommen war, aus sicheren und langweiligen Staatsanleihen Junk Bonds auf Default Status zu machen. Aber Frau Maischberger hatte einen guten Hinweis parat: Das sei alles viel zu kompliziert. Wohl wahr. Wen interessiert schon, wie Finanzmärkte funktionieren? Das stört nur beim Plaudern. So durften wir stattdessen erfahren, dass der Großvater des Musikers Costa Cordalis ein Bewunderer von Kaiser Wilhelm gewesen war. Bosbach sollte dem Bundespresseamt eine Anzeigenserie mit Portraits von Willi Zwo in griechischen Zeitungen vorschlagen. Zur Imagepflege. Davon einmal abgesehen: Die Erlöse können die griechischen Kollegen auch gut gebrauchen – und es käme wirklich einmal ein deutscher Euro in Griechenland an.
Wir profitieren vom Elend
Immerhin wurde aber deutlich, dass Griechenland heute tatsächlich kurz davor ist, den Status eines Entwicklungslandes zu erreichen. Chatzimarkakis machte das an Bildern deutlich. Obdachlose Akademiker, die mit illegalen Einwanderern auf Müllplätzen konkurrieren. Verwaiste Geschäfte in Athen. Eine in drei Jahren um 40 Porzent gestiegene Suizidrate. Er sprach vom „Armutskrieg“. Zwar hat dem niemand widersprochen. Nur sorgte es eben bei Bosbach für Irritationen, als Chatzimarkakis eine einfache Tatsache erwähnte.
Deutschland hat seit dem Beginn der Krise einen Gewinn von 45 Milliarden Euro erwirtschaftet. Aus Zinsen im Rahmen der sogenannten „Rettungspakete“ und durch extrem günstige Refinanzierungsbedingungen auf den verunsicherten Kapitalmärkten. Deutschland gilt als der letzte sichere Hafen für Anleger. Wir profitieren vom Elend. Das wird auch nicht dadurch aufgehoben, dass man auf die Gefahren einer Transferunion für den deutschen Steuerzahler hinweist. Transfers, die übrigens im Finanzsystem landen und nicht in der griechischen Volkswirtschaft – wenn man sich denn nicht für Anzeigen mit Willi Zwo entscheiden sollte. „Sparen und Wirtschaftswachstum passen nicht zusammen“, so formulierte es Bosbach – und bewies damit Lernfähigkeit. Diese Sichtweise hätte er vor zwei Jahren wohl noch nicht gehabt. Und er fragte sich, ob Griechenland unter den Bedingungen des Euro überhaupt gesunden kann. Das Gegenteil ist der Fall: wenn es so weiter geht, wird Griechenland zu dem gescheiterten Staat, von dem Straubhaar sprach.
Die Funktionsmechanismen dieser europäische Währungsunion sind mittlerweile zu einer „Perversion des Denkens“ degeneriert. So nannte Egon Bahr vor 30 Jahren die Entwicklung einer Atombombe, die Menschen tötet und Sachwerte schützt. Es hat mit unserer Unfähigkeit zu tun, unsere Sichtweisen einer veränderten Wirklichkeit anzupassen. Insofern war die Sendung Frau Maischbergers nützlich. Wir sollten wirklich von Hellas reden.
Neutronenbombe, Herr Lübberding,
Ronald Meyer (b.nutzerkennung)
- 29.02.2012, 17:53 Uhr
Griechenland hat keine Chance - es fehlt das Wertschöpfungspotential
Günther Janssen (GuGJanssen)
- 29.02.2012, 16:49 Uhr
Wir?
frank frei (EuroTanic)
- 29.02.2012, 16:03 Uhr
Für den zerbrochenen EURO
Closed via SSO (A.Balser)
- 29.02.2012, 15:43 Uhr
Der EURO - der als Weltwährungs-Aspirant gedacht war -
Closed via SSO (A.Balser)
- 29.02.2012, 15:40 Uhr