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FAZ.NET-Frühkritik: „Menschen 2011“ : Kerner, übernehmen Sie!

  • -Aktualisiert am

Hape Kerkeling und Andrea Kiewel Bild: dapd

„Wetten dass..?“ hat er abgesagt – aber was waren noch mal die Gründe für Hape Kerkeling, den Jahresrückblick im ZDF zu moderieren? Das ist überhaupt nicht seine Art Fernsehen. Und das sah man ihm am Sonntag auch an.

          Wie allgemein bekannt sein dürfte, war 2011 im deutschen Fernsehen vor allem das Jahr, in dem Hape Kerkeling sich sehr lange überlegte, dass er zukünftig nicht „Wetten, dass...?“ moderieren will. Seit Sonntagabend steht fest, dass er sich noch ein bisschen mehr Zeit zum Überlegen hätte nehmen müssen. Weil ihm dann vielleicht auch eingefallen wäre, dass es noch viel weniger toll ist, durch eine dreieinhalbstündige Boulevardshow zu führen, die sich als Jahresrückblick getarnt hat. Aber wahrscheinlich trifft es jeden Mal, der mit dem ZDF zusammenarbeitet.

          Also hat Kerkeling tapfer die Zähne zusammengebissen und am Sonntagabend „Menschen 2011“ präsentiert – eine völlig unnötig in die Länge gezogene Mischung aus Katastrophen und Kuriositäten, die lose etwas mit den Ereignissen der vorangegangenen Monaten zu tun hatten.

          Aber vielleicht gehen die 15-Jährige, die eine Kuh zum Hürdenspringen trainiert hat, der Eisverkäufer, der vom Amt angemahnt wurde, weil er an seinem Fahrrad keine Personaltoilette hat, eine 71 Jahre alte Marathonläuferin und der Wirt, der laut Finanzamt zu schwere Schnitzel brät, ja mit öffentlich-rechtlicher Unterstützung doch noch in die Geschichte ein.

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          Es mag nachvollziehbar sein, dass das ZDF in einer Sonntagabendshow keinen journalistisch-akkuraten Rückblick auf 2011 wirft. Das erwartet auch keiner. Die Frage, ob die Alternative dazu automatisch eine Sendung sein muss, die mir ihrer überemotionalisierten und zurechtdramatisierten Form problemlos bei jedem Privatsender hätten laufen können, muss man sich in Mainz aber schon gefallen lassen.

          Und von Kerkeling wüsste man gerne: Warum hat er ausgerechnet diesen Job übernommen? Als Ausgleich für seine „Wetten, dass...?“-Absage? Als Herausforderung?

          Dass er sich nicht wohlfühlt, sieht man

          Mit dem Spontanwitz, der ihn beim Publikum so beliebt macht, meisterte Kerkeling in jedem Fall problemlos die heiteren Parts der Show. In den ernsten Gesprächen funktionierte er vor allem als Stichwortgeber für die Augenzeugenberichte seiner Gäste – etwa der jungen Frau, die das Attentat auf der norwegischen Insel Utoya überlebt hat, oder der deutschen Familie, die in Japan vom Tsunami überrascht wurde und von Kerkeling wiederum mit der Anwesenheit ihres japanischen Retters, was bereits bitter nach Tränenfernsehen aussah.

          Spätestens das Interview mit den Eltern des 10-jährigen Mirko, der entführt und ermordet wurde, setzte dem sonst eher aufs heitere Fach konzentrierten Entertainer aber dann richtig zu. Selbst wenn er sich mit größtmöglicher Vorsicht und mit Respekt voran tastete: Das ist einfach nicht Kerkelings Art Fernsehen. Und dass er sich damit nicht wohlfühlt, sieht man ihm an.

          Ganz so unerträglich wie Günther Jauchs Jahresrückblick bei RTL, der meist eher in einem Rückblick aufs RTL-Programm ausartet, ist „Menschen 2011“ vielleicht nicht. Aber die Auswahl der Gäste gibt manchmal schon Rätsel auf: Boris Becker ist ein Mensch des Jahres 2011 – weil er eine Patchworkfamilie hat? Und Andrea Kiewel, weil sie fürs ZDF von der Hochzeit in London berichtete? (Kerkeling: „Wie war’s?“ – Kiewel: „War ganz, ganz toll!“)

          Ach, und Harald Schmidt war eingeladen, weil – ja, warum noch mal? Weil Kerkeling sich auch einen Gast wünschen durfte und ihn als „Heimkehrer des Jahres“ begrüßte. Also: Heimkehrer zur Konkurrenz. So ein Unfug.

          Immerhin schlüpfte Kerkeling in der ganzen Mammutshow nur ein einziges Mal in eine seiner zahlreichen Verkleidungen. Als Königin Beatrix besuchte er – in einem vorher aufgezeichneten Film – die Besitzer eines Restaurants im Badischen, das vor einiger Zeit Königin Silvia von Schweden weggeschickt hatte, weil schon alle Plätze belegt waren. Als falsche Beatrix wollte sich Kerkeling einen Spaß draus machen, sorgte bei dem überraschten Paar damit aber nicht unbedingt für besondere Freude.

          Gut möglich, dass ihn da sein Gespür für das, was gute Unterhaltung ausmacht, mal kurz verlassen hat. Genauso wie bei der Zusage, „Menschen 2011“ zu moderieren. Nächstes Jahr macht er das nicht mehr. Johannes B. Kerner, übernehmen Sie!

          Quelle: F.A.Z.

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