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FAZ.NET-Frühkritik: Maybrit Illner Steinbrücks Marktwert

Maybrit Illner versuchte sich in der komparativen Methode. Erkenntnisse lieferte das schon, wenn wohl auch ungewollt.

© dpa Vergrößern Steinbrücks Marktwert dokumentiert vor allem soziale Ungerechtigkeit

Die Würde eines Amtes ist nichts, was man messen kann. Sie verschmilzt unauflöslich mit dem Amtsinhaber. Nur er kann sie zum Ausdruck bringen. Mit ihm kann diese Würde aber auch verloren gehen – und erst darin kommt die Beschädigung des Amts zum Ausdruck. Bei Maybrit Illner spielte dieser Begriff gestern Abend keine Rolle. Ihr Thema hieß „Skandale des Jahres: Müssen Politiker Heilige sein?“ - und der Titel ist paradigmatisch für den Umgang mit den Institutionen dieses Landes.

Geißlers politische Gulaschkanone

Im Jargon der Politikwissenschaften müsste man Illners Ansatz als komparative Methode bezeichnen. Sie kontrastierte das Thema nämlich an zwei Namen: Christian Wulff und Peer Steinbrück. Zwar waren sich fast alle Gäste darin einig, dass beide Fälle nicht vergleichbar wären, aber trotzdem machte Frau Illner Steinbrück und Wulff zu den Hauptdarstellern auf ihrer Bühne. Nur eine stand über den Niederungen, in denen sich die Beiden zu tummeln pflegen: Die Bundeskanzlerin. Darauf machte uns ausgerechnet der ehemalige PR-Berater Moritz Hunzinger aufmerksam, der aber ansonsten Illners abwesende Protagonisten für gleichermaßen unschuldig hielt. Unterstützung erhielt er ausgerechnet von Heiner Geißler. Ihm ist schon biographisch das Heilige nicht fremd. So vermochte es es mit einer Prise jesuitischer Rabulistik, den gewünschten Kontext zwischen dem ehemaligen Bundespräsidenten Wulff und dem heutigen Kanzlerkandidaten Steinbrück herzustellen. Steinbrück sei zwar rechtlich nichts vorzuwerfen: „Wulff übrigens auch nicht“, aber darauf, so Geißler, „käme es auch nicht an.“ Er warnte schließlich noch davor, alle Amtsträger der Bundesrepublik mit „vier oder fünf Problemfällen in einen Topf zu rühren.“

Dort saßen allerdings schon Steinbrück und Wulff, gut verrührt vom Grandseigneur der CDU. Für Letzteren empfahl er dann auch gleich die christliche Barmherzigkeit, weil Wulff schon genug gestraft sei. Der Journalist Michael Spreng hatte eine durchaus andere Perspektive auf den Fall Steinbrück, den er nicht in Geißlers politischer Gulaschkanone mit Wulff verrühren wollte. Er sprach von einer „durchsichtigen und heuchlerischen Kampagne von Union und FDP“ gegen Steinbrück – und bezeichnete ihn gar als ein „Opfer“. Selbst der stellvertretende BILD-Chefredakteur und Nannen-Preis gekrönte Wulff-Experte Martin Heidemanns schien über die Kochkünste Geißlers irritiert. Beide Fälle könne man nicht miteinander vergleichen: „Bei Wulff fehlte der Anstand. Bei Steinbrück das Fingerspitzengefühl.“ Derweil bemühte sich der Stellvertreter Steinbrücks bei Frau Illner, der parlamentarische Geschäftsführer der SPD-Bundestagsfraktion Thomas Oppermann, seinen am Sonntag noch zu kürenden SPD-Kanzlerkandidaten vor Geißlers Kochkünsten zu retten. Steinbrück sei immer „integer“ geblieben und habe sich im Rahmen der Vortragstätigkeit an „Recht und Gesetz“ gehalten. Zudem habe er sein Einkommen transparenter gemacht als es der Bundestag von ihm verlange.

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