09.04.2010 · „Wie gefährlich ist das Internet?“, wollte Maybrit Illner in ihrer Sendung wissen - und erlebte eine Charmeoffensive der digitalen Supermacht Google. Datenhunger? Nie gehört. Dabei ist klar: Was Google, Facebook und die anderen wissen, weiß niemand. Helfen kann dagegen nur eins: sensible Nutzer.
Von Oliver JungenGanz sicher kann man wohl nicht sein, ob Kay Oberbeck, der schöne Unternehmenssprecher für Google Nord- und Zentraleuropa, nicht ein Avatar ist. Zumindest scheint er perfekt gecastet, gibt er doch diesem im Kern stets unsichtbaren Unternehmen, das wie kein zweites in der Geschichte der Menschheit Daten, auch sensibelste Informationen, über die Welt und ihre Bewohner akkumuliert hat und nun algorithmisch zu kombinieren und auszuwerten beginnt, ein freundliches, menschliches Gesicht. Das ist offensichtlich auch seine eigentliche Aufgabe: die Verkörperung von Harmlosigkeit, das Vorgeben von Interesse an den Kritikern des Unternehmens und das halbherzige, nie aber beleidigte Widersprechen, wenn wieder einmal jemand - wie in diesem Fall Maybrit Illner, fahrig wie immer - die Frage stellt, ob Google denn tatsächlich die Weltherrschaft anstrebe. „Ach, Frau Illner“, so muss es ihm doch auf der Zunge liegen, „die haben wir nun wirklich längst erreicht, die verfluchten Chinesen einmal ausgenommen.“ Aber nein, das verkneift sich Kay Oberbeck, um verbindlich kundzutun: „Weltherrschaft, das ist nicht unser Ziel.“
Später am Abend wird er noch sagen, Google habe gar kein Interesse an persönlichen Daten seiner Nutzer, allein für Suchanfragen interessiere man sich, schließlich sei man eine Suchmaschine. „In keinster Weise“ müsse jemand Angst vor seinem Unternehmen haben, das doch die Medienkompetenz stärken wolle. Alle Vorgänge im Internet hält Oberbeck für völlig transparent. Ausgerechnet das neue Werkzeug „Google Dashboard“ soll dafür einstehen: Dem Nutzer mit Google-Konto werden hier einige der in Verbindung mit seinem Account gespeicherten Informationen angezeigt (und Google die Nachfrage nach diesen Informationen), andere jedoch nicht. Noch nie, so Oberbeck, habe der Verbraucher eine solche Macht besessen wie heute. Selbst Google sei doch sehr schnell zurückgerudert, als viel Kritik an der Veröffentlichung privater Daten bei dem Dienst GoogleBuzz laut wurde. Das ist alles so treuherzig hingesagt, dass man es ihm am liebsten glauben möchte. Nur hin und wieder flutschen ihm Sätze heraus, die aufhorchen lassen: Auch eine digitale Supermacht könne ihr Vertrauen verspielen. Aha, das Bewusstsein für den Supermacht-Status ist also doch vorhanden.
Google: die Radikalkommerzialisierung des Internets
Soll man den Google-Sprecher also überhaupt in Diskussionsrunden über das Internet einladen, wenn von ihm nur weiche Dementis auf alle besorgten Fragen zu erwarten sind? Ja, man soll, man muss es sogar. Immerhin beherrscht das Unternehmen, für das er spricht, zusammen mit wenigen anderen den sozialen Kommunikationsraum Internet nicht nur. Sie drohen ihn durch Radikalkommerzialisierung zu zerstören, kaum dass wir seiner Chancen gewahr geworden sind. Das zuzulassen wäre politisch und gesellschaftlich fahrlässig. Maybrit Illner hat Oberbeck daher mit guten Gründen entschlossene Kritiker entgegengesetzt: Ilse Aigner, Bundesministerin für Verbraucherschutz, Constanze Kurz, die Sprecherin des Chaos Computer Clubs (CCC), sowie Frank Schirrmacher, Mitherausgeber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und Autor des Buches „Payback“. Hinzu trat noch der Sevenload-Gründer Ibrahim Evsan, der sich kritisch über Netzmonopolisten äußerte.
Der Adressat der vielen Einwände war aber nicht Google, sondern, wie es sich gehört, der Zuschauer. Für Kenner der Netzwelt mag diese Sendung daher wenig Neues geboten haben. Ihr Wert bestand vielmehr in einer notwendigen Sensibilisierung des breiten Publikums für die Gefahren, die von einem privatwirtschaftlich optimierten Internet ausgehen, das durch die Vernetzung aller gespeicherten Daten genaue Prognosen über das Verhalten oder die Entwicklung von Individuen ermöglicht. Als Internetskepsis lässt sich das - zumindest im Falle der meisten hier Beteiligten - keineswegs bezeichnen. Im Gegenteil: Schirrmacher wies darauf hin, dass das Internet jene Quelle des Wissens und der Weisheit sei, die sich Generationen von Menschen immer gewünscht hätten. Im Schutze seiner Anonymität sei auch die Bereitstellung von wichtigen Informationen möglich, ohne staatliche Repression fürchten zu müssen: so gerade wieder mit dem amerikanischen Militär-Video aus Bagdad bei WikiLeaks geschehen.
Genau diese Anonymität aber ist heute in Gefahr. Wir wüssten nicht, so Schirrmacher an Oberbeck gerichtet, was Google genau wisse: „Mit jeder Suchanfrage werden neue Konnexe geschaffen.“ Der Vernetzungsgrad jedoch sei unbekannt. Daher müssten die Menschen darüber aufgeklärt werden, was heute schon mathematisch möglich sei, was aus unseren Daten gelesen und vorhergesagt werden könne. Auch kritische Informatiker seien jetzt gefragt, stärker in die Gesellschaft hineinzuwirken. Angesichts der auf uns zukommenden Gewalt der Vorausberechnung werde eine „zweite Aufklärung“ nötig.
Sensibilisierung der treuherzigen Surfer
Nicht alle Daten sind erschlichen oder erschlossen. Die Nutzer selbst geben sie unvorsichtig preis in sozialen Netzwerken oder bei den verschiedenen Internetdiensten. Constanze Kurz redete daher im Sinne des CCC dem gemeinen Surfer ins Gewissen, offener für alternative Suchmaschinen zu sein und auch die Überwachung durch den Staat nicht zu unterschätzen. Ministerin Ilse Aigner wiederholte in geraffter Form ihre Kritik an der ungenierten Facebook-Ankündigung, Daten an Dritte weiterzugeben, wollte aber nicht dazu Stellung nehmen, was genau sie inzwischen mit dem Facebook-Gründer Mark Zuckerberg besprochen hat. Auch wiederholte sie die bereits bekannten Einwände gegen Googles StreetView-Projekt - Rückschlüsse auf den sozialen Stand erlaubend etc. - und sprach sich für das Löschen, aber auch für das Sperren von Kinderpornographie im Netz aus. Von Constanze Kurz musste sie sich nicht nur das Gegenargument, leicht zu umgehende Sperren begünstigten die Täter, sondern zu Recht auch die Frage gefallen lassen, warum der Staat beim Datenschutz selten über die Ankündigungsrhetorik hinausgelange.
Ein Rätsel blieb es auch, warum eine Tante aus dem ZDF-Fernsehgarten, die zum Thema nichts zu sagen hatte und offenbar nur daran erinnern sollte, dass es den ZDF-Fernsehgarten gibt, an der Runde teilnehmen musste. Vielleicht war das ein Ablenkungsavatar von Google.