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FAZ.NET-Frühkritik: Maischberger Ein Stammtisch ohne Bier

06.10.2010 ·  Bei „Maischberger“ spricht man über den Ausverkauf der Moral und versucht sich in Abwesenheit tatsächlicher Konflikte in einer Verbesserung der Gesamtgesellschaft. Der Experte hat ausgedient, es siegt die entgrenzte Laienhaftigkeit.

Von Jürgen Kaube
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Es gibt ein Vorurteil über Stammtische. Oft wird nämlich gesagt, das Schlechte an Stammtischen sei, dass die Leute enthemmt daherreden. Großmäulig, voller Vorurteile und Ressentiments, aus dem Bauch. Bier soll dazu beitragen.

Das mag alles so sein. Doch wer sich, der Pflicht und nicht dem eigenen Triebe folgend, politische Talk-Shows wie gestern beispielsweise „Menschen bei Maischberger“ anschaut, dem kann auffallen, dass die emotionale Enthemmung gar nicht das Hauptproblem von Stammtischen ist. Denn bei Frau Maischberger ging es gestern ganz gesittet zu. Das lag einmal daran, dass man über den „Ausverkauf der Moral“ durch eine maßlose Ökonomie und damit über abwesende Dritte sprach, Banker, Finanzjongleure, Empfänger von Boni, Jimmy Carter und Bill Clinton, Ökonomen und Regierungen von vorgestern. Zum anderen wurden mehr als eine Stunde lang alle Motive der Kritik an Wirtschaftseliten wiederholt, die in den vergangenen drei Jahren so angelaufen sind.

Auch das nahm Schärfe aus der Diskussion. Denn diese Motive - Gier, Korruption, Staatsversagen, Verteilungsungerechtigkeit, drohende und tatsächliche Abwanderung von Arbeitsplätzen und tatsächliche von Arbeitskräften - sind nun so oft schon ausgepackt und wieder eingewickelt worden, dass selbst zwischen Hans Olaf Henkel und Günter Wallraff oder der FDP und der Linken, jedenfalls den sehr angenehm auftretenden Otto Fricke (liberal) und Katja Kipping (sozialistisch) sich in vielen Punkten Konsens abzuzeichnen scheint. Es war dann fast wie bei eleganten Catchern, die niemals einander wehtun, weil sie alle Schritt- und Grifffolgen, die einen Konflikt mimen, längst kennen.

Gesellschaftsplanung bar jeder Fachkenntnis

So weit, so zivilisiert. Die Abwesenheit gespielten oder echten Zornes - die sich vielleicht auch durch die Sendezeit erklärt, es schaut sowieso fast keiner mehr zu - erlaubte nun aber zu sehen, was wirklich unerträglich an Stammtischen, zumal an ausgestrahlten Stammtischen ist. Ihr Gesamtgestaltungswahn. Da alle ahnungslos sind, ergeht sich jeder in Gesellschaftsplanung. Unterhalb der Verbesserung des Ganzen macht es gar niemand. Und alle fühlen sich dabei im Recht, weil doch alles miteinander zusammenhänge: die Einkommen der Banker und die Steuerpolitik, die Lebenserwartung und die Vermögensverteilung, die internationalen Kapitalmärkte und die Arbeitsplätze, der Export und das Glück.

Man wünscht sich insofern die Umbenennung der Sendung in „Sachen bei Maischberger“. Und eine entsprechende Gesprächsführung oder Personenauswahl. Draußen, im wirklichen Leben, kommt es nämlich überall auf Spezialisten und auf die Begrenzung von Themen an. Drinnen aber, in der Talk-Show, feiert sich die Partizipation als Fest der Themenentgrenzung und des laienhaften „Ich-kenn-mich-zwar-nicht-aus-aber-ich-sag-mal“.

Das vermittelt Bürgernähe. Denn wer kennt sich schon aus in Banken, der Armuts-, der Glücks- und der Korruptionsforschung - „Es wird nicht mehr bestochen (Hans Olaf Henkel) -, bei der Föderalismusfrage, der Verteilungstheorie und bei den Schulen? Tatsächlich kann man darum Ahnungslosigkeit oder, was aufs Gleiche herauskommt, Moralisieren als ein Fundament von Demokratie begreifen. Doch wenn das so weit geht, dass ein Sachbuchphilosoph am Ende einer solchen Runde ernsthaft gefragt wird, was er für einen Plan hat, einen Plan für das Glück und die Gerechtigkeit der ganzen Gesellschaft, dann stößt die Bürgerbeteiligung irgendwie auf ihre Grenzen. Dann ist nämlich der Talkshow selber auch ohne Bier etwas zu Kopf gestiegen.

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Jahrgang 1962, stellvertretender Leiter des Feuilleton.

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