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FAZ.NET-Frühkritik: Kuttners neue Show : Ich würde im Stehen pinkeln

Steht ihren Mann: Sarah Kuttner Bild: Fabian Möhrke

Sarah Kuttner hat eine neue Show bei ZDFneo: „Bambule“. Ihr erstes Thema war der neue Mann. Oder das, was der neue Mann angeblich sein soll. Dabei offenbart Sarah Kuttner, dass sie eine große Männerversteherin ist.

          Was fiele einem ein, bräuchte man ein möglichst trendiges Thema für ein neues, möglichst trendiges Fernsehmagazin? Männer! Der Mann ist oder die Männer sind immer ein Thema. Mal zu sehr Macho oder karrierefixiert, dann die großen Familien-Versager, wird der Mann – zumindest der um die dreißig – dieser Tage als Weichei par excellence ausgegeben. Der „Schmerzensmann 2012“ ist geboren, die neueste Erfindung der nicht enden wollenden Männerdiskussion, die seit dem ersten Erscheinen von Alice Schwarzers „Emma“ anhält. Die sind ja so verdammt unmännlich, diese Männer, lautet die Klage der Frauen. So verständnisvoll, so behornbrillt, so selbstgestricktbepullovert. Selbst schuld, könnte man sagen, das ist eben das Ergebnis von dreißig Jahren Umerziehung im Sinne feministischer Theorie. Das fängt heute schon im Kindergarten an. Man könnte aber auch sagen: Was soll der Quatsch?

          Sarah Kuttner scheint eher zu Letzterem zu neigen. Das zumindest denken wir nach Inaugenscheinnahme ihres neuen Magazins „Bambule“ bei ZDFneo. Nicht die auch noch mit dem Thema! Das war der erste Impuls. Doch je länger der Reigen der Damen und Herren wurde, die sich zum Thema der neue Weichei-Mann äußerten, desto kurzweiliger wurde die Geschichte und am Ende stand der Erkenntnisgewinn: von soziologischem Trend keine Rede, von soziologischem Gewäsch hingegen viel, Selbstbeschäftigung reichlich, um nicht zu sagen: Selbstbefriedigung.

          Lauter Schmerzensmänner? Lars Eidinger gibt der selbstversunkenen Männlichkeit in dem Kinofilm „Alle Anderen“ ein Gesicht

          Nach der fragte Sarah Kuttner den jungen Mann, der einen Männerverein anführt, ganz direkt. Kaum hatte der im Interview Schlagworte der feministischen Theorie zur Masturbation der Männer erwähnt, wollte sie nur eines wissen: „Masturbierst Du?“ „Aber bestimmt.“ Nächste Frage, nächster Gesprächspartner, sei es der Schauspieler Lars Eidinger, den man für einen Repräsentanten der angeblich neuen Männergeneration halten könnte, oder ein ziemlich kernig aussehender Zeichner, der die Titel von Marvel-Comics gemalt hat und nur andere über sich sprechen lässt; ein Fußball-Hooligan, für den Gewalt Sport ist (ganz und gar kein Weichei, dafür eher weich in der Birne); der ewig herumflippende Tanztrainer Detlef D. Soost, der amerikanische Schauspieler Nicolas Cage mit irgendwelchem Gewäsch über die Informationsflut, unter welcher der moderne Mann leide, bis hin zu William Shatner (Captain Kirk), der über Leidenschaft und Besessenheit doziert.

          Sarah Kuttner offenbart sich im Laufe des Magazins als echte Männerversteherin. Und sie ist sehr tolerant. Sie mag die „neuen Männer ganz gut leiden“, schätzt es aber auch, wenn sich ihr Liebster für sie sinnlos mit anderen Herren der Schöpfung prügelt. Romantik, ja gerne, aber Reifenwechseln und Baumfällen auch. Das ist die richtige Mischung, sie gilt generationsübergreifend. Und Sarah Kuttner weiß sogar um den vielleicht letzten Vorteil, den Männer im „Geschlechterkampf“ haben: „Wenn ich im Stehen pinkeln könnte, würde ich das den ganzen Tag machen.“ Das allerdings wäre, wie wir wissen, politisch äußerst unkorrekt und könnte, so viele Männer Sarah Kuttners Beispiel folgten, gleich zur nächsten Männerdiskussion führen: der ignorante Mann.

          Ein Thema erledigt sich wie von selbst

          Das wäre ein schönes Thema für die Frauenmagazine, dann für die Feuilletons. Man steckt Mann einfach in jeder Saison in eine neue Rolle. Man könnte natürlich auch einmal ernsthaft über die Umerziehung der Jungen reden, die schon im Kindergarten beginnt und heute auch mit medizinischen Mitteln (Ritalin) betrieben wird, um die besonders Wilden ruhigzustellen. Aber das wäre ein anderes Thema, zu ernsthaft, um von Sarah Kuttner aufgegriffen zu werden.

          Sarah Kuttner, von der man in früheren, anderen Magazinen den Eindruck haben konnte, sie interessiere sich weder für die Antworten ihrer Gegenüber noch für diese selbst und auch nicht für das, um das es gerade geht, würde derweil sicherlich auch der nächsten Männer-Trenddebatte etwas abgewinnen können. Sie und ihre Redaktion haben nur eine halbe Stunde gebraucht, um die aktuelle Männerpseudodebatte ganz lässig zu dekonstruieren. Sarah Kuttner steht ihren Mann, könnte man sagen.

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