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FAZ.NET-Frühkritik: Kampusch bei Beckmann „Ich bleib zum Trotz ich“

07.09.2010 ·  Es war der erste Auftritt nach geraumer Zeit, und ebenso reißerisch wurde er vom Sender angekündigt: Entführungsopfer Natascha Kampusch bei Reinhold Beckmann. Doch so sehr der Gastgeber auch journalistisch grapschte: Kampusch hatte, hochexklusiv, nichts Neues zu sagen.

Von Oliver Jungen
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Natascha Kampusch steht für das Scheitern des Voyeurismus. Acht Jahre lang großteils in einem Kellerloch gefangen gehalten und durch einen Fernseher, auf dem sie allerdings nur Videos anschauen durfte, mit der Welt verbunden, kehrte sich die Blickrichtung sofort nach ihrer Flucht im Jahre 2006 um: Bis heute schaut die Welt via Fernseher immer wieder lüstern in jenes Verlies, in dem die heute Zweiundzwanzigjährige seither massenmedial gefangen gehalten wird. Die Medien gierten von der ersten Minute an nach Interviews. Die Story konnte immer wieder aufbereitet werden, wenn es nur den kleinsten Anlass gab: den Kauf des Hauses des Peinigers durch das Opfer und vieles mehr. Bernd Eichinger sicherte sich schließlich die Rechte an der Verfilmung.

Auch die obskure Talkshow „Natascha Kampusch trifft“ auf dem ebenso obskuren österreichischen Privatsender Puls 4 hatte es natürlich nicht auf die Gäste, die „außergewöhnlichen Persönlichkeiten“ Niki Lauda oder Veronica Ferres, abgesehen, sondern lebte einzig vom gruselig-perversen Nimbus der Entführung, also vom Kellerkapital des Opfers. Doch die Rechnung ging nicht auf: Nach drei Sendungen bereits wurde das Format im Oktober 2008 wieder eingestellt, das bei aller erstaunlichen Eloquenz der Gastgeberin eben doch vor allem eine schwer traumatisierte Person präsentierte. Der Blick durch das Schlüsselloch hatte sich gekrümmt und zeigte dem Zuschauer nur das Schlüsselloch, nichts von der erwarteten Perversion dahinter. Sorgsam hat es Natascha Kampusch gemieden, allzu intime Details aus der Kellerzeit preiszugeben. Dass sie zugleich einigermaßen abgeklärt über die Entführung spricht, scheint ihr in der öffentlichen Meinung mehr geschadet als genutzt zu haben. Jedenfalls beklagt sie inzwischen, vielfach angefeindet zu werden.

Sie wolle „diese ganze Geschichte irgendwie loswerden“, sagte sie am Montagabend in der ARD, daher habe sie dieses „Ballastpaket“ in ein Buch verwandelt, mit dem jeder anfangen könne, was er wolle. Soweit ist das durchaus verständlich, und selbst wenn es zugleich eine weitere Bewirtschaftung des eigenen Schicksals darstellen sollte, dann hat Frau Kampusch jedes Recht dazu. Es ist im Hinblick auf Traumabewältigung aber sicher die schlechteste aller Ideen, sich in eine Sendung von Reinhold Beckmann zu begeben. Mit der Emphase des schmierigsten Boulevardjournalismus stürzte sich der Moderator ein hundertstes Mal - kurioserweise auch noch als eine Premiere verkauft: „ihr erstes ausführliches Interview im deutschen Fernsehen“ - auf die doch so pikante Kellergeschichte, stellte sensationsgierig Fragen nach den Details des Martyriums, die durch die vorgeschobene Pietät („Trinken Sie ruhig erst einmal“) noch aufdringlicher wirkten.

Maskenhaft und abwesend

Es versteht sich, dass man an einem nachgestellten Video von der Entführung ebensowenig vorbei konnte wie an Ausschnitten aus der später am Abend noch in der ARD ausgestrahlten Dokumentation „3096 Tage Gefangenschaft“ („Zum ersten Mal zeigt ein Film Bilder aus dem Haus des Täters“). Wie oft der Entführer Wolfgang Priklopil denn ins Verlies gekommen sei, wollte Beckmann von seinem Gast wissen, warum er wohl die Foltermaßnahmen noch verschärfte, als sie in die Pubertät kam. Ja, warum wohl? Obwohl Natascha Kampusch aber in fast exhibitionistischer Offenheit den Dokumentarfilm selbst mitbestritten hat, obwohl sie Einfluss auf das Eichinger-Drehbuch nimmt und auch sonst die Selbstinszenierung zu beherrschen scheint, scheiterte der Voyeurismus an diesem Abend erneut: Maskenhaft und abwesend wirkte die junge Frau, gab lückenhafte (von Beckmann ergänzte) Antworten, ohne dabei irgendetwas Neues mitzuteilen. Die Hauptintention des Gastgebers, eine Art journalistisches Grapschen, ignorierte sie standhaft.

Ungeniert in Richtung Intimität zielte beispielsweise die Frage, ob denn der Entführer sich am Abend nach der Arbeit noch zu ihr gesetzt habe. Die Antwort, seitlich daran vorbei: „Er war eigentlich nie arbeiten.“ Im Buch stehe auch, dass der Entführer zwar einen Hang zur Unterdrückung gehabt habe, aber ebenso einen Drang nach Liebe und Anerkennung, säuselte Beckmann darauf. Woran sie das denn gemerkt habe? Natascha Kampusch: „Ich glaub', das hab ich schon ganz am Anfang gemerkt.“ So leicht wollte der Moderator die Chance auf ein wenigstens halbintimes Geständnis aber nicht aufgeben und bohrte weiter: „Nach ein paar Monaten im Verlies baten Sie ihn, Sie zu umarmen. Das verstehen viele Menschen auf den ersten Blick nicht. Warum hatten Sie dieses Bedürfnis und wie hat er darauf reagiert?“ Die kühle Antwort: „Auch sehr befangen.“ Jetzt war es Beckmann leid: „Haben Sie ihm zwischendurch nicht mal ein Angebot gemacht?“ Eine nicht einmal zweideutige Frage, denn was hätte sie wohl anzubieten gehabt? Natascha Kampusch tat das einzig Richtige und ging darauf nicht ein.

Kampusch widersetzt sich dem Mechanismen lukrativer Opferverwertung

Schließlich folgten noch einige eher plumpe und ebenfalls nicht recht beantwortete Fragen zur wenig rühmlichen Rolle der Medien in dieser Angelegenheit. Hier hätte ein Medienfachmann einbezogen werden und eine wirkliche Diskussion entstehen können, aber Beckmann zog eine weitere Traumatisierte vor: Dagmar Funke, deren Tochter seit vierzehn Jahren verschwunden ist. Der Sendung brachte das zwar eine weitere Steigerung des Leidfaktors, aber sicher keine Wendung ins Konstruktive. Und der nach dem missglückten Kampusch-Interview ebenfalls anwesende Polizeipsychologe Adolf Gallwitz scheint eher für die professionelle Gästebetreuung zuständig gewesen zu sein denn für tiefergehende Analysen. Dass in den Familien der Opfer die Schuldfrage gewälzt wird und dass es einfacher ist, Kinder zu entführen, die allein unterwegs sind, hätte man sich schließlich auch ohne Vorzeige-Profiler gedacht.

So bleibt von diesem Abend vielleicht nur ein kluger Satz von Natascha Kampusch im Gedächtnis. Gefragt, ob sie nicht manchmal den Wunsch habe, woanders zu leben, sagte sie, ihre Identität wolle sie dafür aber nicht aufgeben: „Ich bleib' zum Trotz ich“. Die Entführung nicht zu verleugnen und dennoch den sensationshungrigen Medien und ihren Konsumenten in letzter Instanz nicht zu geben, wonach sie verlangen, damit trotzt diese erstaunliche Frau den mächtigen Mechanismen lukrativer Opferverwertung. Ob sie das aus Stärke tut oder aus Gebrochenheit, bleibt ihr Geheimnis.

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