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FAZ.NET-Frühkritik : In Plasbergs Patriotismus-Tümpel

  • -Aktualisiert am

„Hart-aber-fair“-Moderator Frank Plasberg Bild: WDR/Herby Sachs

Europameister der Herzen oder Europas Schulmeister - was sind wir Deutschen wirklich?“ So fragte Frank Plasberg gestern Abend. Die Antwort: Tiefste Provinz.

          Der Eros ist dann doch der stärkste Trieb des Menschen. Das gilt auch für Terry Reintke. Sie ist 25 Jahre alt, arbeitet als wissenschaftliche Mitarbeiterin im Deutschen Bundestag und ist zudem Sprecherin der „Federation of Young European Greens“. Tapfer focht sie gestern Abend bei Frank Plasberg mit vier älteren Herren zum deutschen Evergreen „Patriotismus“. Um aber am Ende dem Eros Tribut zu zollen. Auf Plasbergs Frage, wer Fußball-Europameister werde, antwortete Frau Reintke: „Spanien“. Ihr Freund sei Spanier und er würde sich sehr freuen, so ihre Begründung.

          Es war eine charmante Liebeserklärung an ihren Lebensgefährten. Nur an wen noch? Den spanischen Patrioten aus Kastilien? Ist er Baske oder Katalane? Letztere betrachten sich bis heute häufig als Nationalisten gegen den spanischen Zentralstaat. Der Terror der ETA für ein unabhängiges Baskenland hat selbst nach dem Ende des Franco-Regimes 1975 noch hunderte Tote und Verletzte gekostet. Über Patriotismus und Nationalismus als „zwei Seiten einer Medaille“, so Frau Reintke gestern, könnte sie gerade am Beispiel Spanien viel lernen. Sie sind mörderisch gewesen.

          Frau Reintke wirkte irritiert

          Die Begeisterung in Spanien über die Erfolge der eigenen Nationalmannschaft sind daher ein nicht zu unterschätzender Integrationsfaktor. Die „Seleccion“ spielte nämlich in der Vergangenheit im spanischen Fußball keine Rolle. Es dominierten die Vereine als Symbole regionalen Eigensinns. So nimmt der baskische Spitzenklub Athletic Bilbao bis heute nur Spieler baskischer Herkunft unter Vertrag. Was ist das? Patriotismus? Nationalismus? Kluge Nachwuchsförderung? Ein Mesut Özil, Sami Khedira oder ein Mario Gomez könnten in Bilbao nicht spielen. Das wäre in einem Spitzenklub der Bundesliga undenkbar – und ist in Spanien kein Thema.

          Es hätte also gute Gründe gegeben, wenn die „begeisterte Europäerin“ Reintke den spanischen Fußball zum Anlass genommen hätte, einen Blick über den deutschen Maschendrahtzaun zu werfen. Sie benutzte aber lieber jene berühmte Formulierung Thomas Manns von einem „europäischen Deutschland“ anstatt einem „deutschen Europa“. Ob ihr bewusst gewesen ist, dass dieser Satz die Leitlinie der deutschen Europapolitik der Nachkriegszeit gewesen ist?

          Oder, so meinte sie, am deutschen Wesen solle die Welt nicht genesen. Vielmehr sollten „wir uns auf die Diskurse in Europa einlassen.“ Letztlich sind das allerdings immer deutsche Diskurse geblieben, wie der ZDF-Journalist und „Bild am Sonntag“-Kolumnist Peter Hahne in einem lichten Moment feststellte: „Die Grünen sind doch nicht anders.“ Ob Klimaschutz oder Energiewende. Soll am grünen deutschen Wesen vielleicht doch die Welt genesen? Frau Reintke wirkte durchaus irritiert.

          „Auf einem fremden Planeten“

          So plätscherte die Sendung im Tümpel deutscher Selbstbespiegelung vor sich hin. Der Fußballreporter Werner Hansch artikulierte seine Skepsis über den „Event-Patriotismus“ auf den Fanmeilen, wies allerdings auf den Zusammenhang mit dem neuen Massenphänomen des „Public viewing“ seit der WM 2006 hin.

          Peter Hahne formulierte die Gegenposition, wo der Patriotismus „das letzte Bollwerk vor den Nationalismus“ sei, so zitierte er den verstorbenen Vorsitzenden des Zentralrats der Juden, Paul Spiegel.

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