Der Eros ist dann doch der stärkste Trieb des Menschen. Das gilt auch für Terry Reintke. Sie ist 25 Jahre alt, arbeitet als wissenschaftliche Mitarbeiterin im Deutschen Bundestag und ist zudem Sprecherin der „Federation of Young European Greens“. Tapfer focht sie gestern Abend bei Frank Plasberg mit vier älteren Herren zum deutschen Evergreen „Patriotismus“. Um aber am Ende dem Eros Tribut zu zollen. Auf Plasbergs Frage, wer Fußball-Europameister werde, antwortete Frau Reintke: „Spanien“. Ihr Freund sei Spanier und er würde sich sehr freuen, so ihre Begründung.
Es war eine charmante Liebeserklärung an ihren Lebensgefährten. Nur an wen noch? Den spanischen Patrioten aus Kastilien? Ist er Baske oder Katalane? Letztere betrachten sich bis heute häufig als Nationalisten gegen den spanischen Zentralstaat. Der Terror der ETA für ein unabhängiges Baskenland hat selbst nach dem Ende des Franco-Regimes 1975 noch hunderte Tote und Verletzte gekostet. Über Patriotismus und Nationalismus als „zwei Seiten einer Medaille“, so Frau Reintke gestern, könnte sie gerade am Beispiel Spanien viel lernen. Sie sind mörderisch gewesen.
Frau Reintke wirkte irritiert
Die Begeisterung in Spanien über die Erfolge der eigenen Nationalmannschaft sind daher ein nicht zu unterschätzender Integrationsfaktor. Die „Seleccion“ spielte nämlich in der Vergangenheit im spanischen Fußball keine Rolle. Es dominierten die Vereine als Symbole regionalen Eigensinns. So nimmt der baskische Spitzenklub Athletic Bilbao bis heute nur Spieler baskischer Herkunft unter Vertrag. Was ist das? Patriotismus? Nationalismus? Kluge Nachwuchsförderung? Ein Mesut Özil, Sami Khedira oder ein Mario Gomez könnten in Bilbao nicht spielen. Das wäre in einem Spitzenklub der Bundesliga undenkbar – und ist in Spanien kein Thema.
Es hätte also gute Gründe gegeben, wenn die „begeisterte Europäerin“ Reintke den spanischen Fußball zum Anlass genommen hätte, einen Blick über den deutschen Maschendrahtzaun zu werfen. Sie benutzte aber lieber jene berühmte Formulierung Thomas Manns von einem „europäischen Deutschland“ anstatt einem „deutschen Europa“. Ob ihr bewusst gewesen ist, dass dieser Satz die Leitlinie der deutschen Europapolitik der Nachkriegszeit gewesen ist?
Oder, so meinte sie, am deutschen Wesen solle die Welt nicht genesen. Vielmehr sollten „wir uns auf die Diskurse in Europa einlassen.“ Letztlich sind das allerdings immer deutsche Diskurse geblieben, wie der ZDF-Journalist und „Bild am Sonntag“-Kolumnist Peter Hahne in einem lichten Moment feststellte: „Die Grünen sind doch nicht anders.“ Ob Klimaschutz oder Energiewende. Soll am grünen deutschen Wesen vielleicht doch die Welt genesen? Frau Reintke wirkte durchaus irritiert.
„Auf einem fremden Planeten“
So plätscherte die Sendung im Tümpel deutscher Selbstbespiegelung vor sich hin. Der Fußballreporter Werner Hansch artikulierte seine Skepsis über den „Event-Patriotismus“ auf den Fanmeilen, wies allerdings auf den Zusammenhang mit dem neuen Massenphänomen des „Public viewing“ seit der WM 2006 hin.
Peter Hahne formulierte die Gegenposition, wo der Patriotismus „das letzte Bollwerk vor den Nationalismus“ sei, so zitierte er den verstorbenen Vorsitzenden des Zentralrats der Juden, Paul Spiegel.
Der FDP-Fraktionsvorsitzende im Deutschen Bundestag, Rainer Brüderle, war ebenfalls zu Gast. Aus welchem Grund eigentlich? Weil wir uns über die „multikulturelle Nationalmannschaft“ freuen sollen? Von der Personalpolitik von Athletic Bilbao hat der bekennende Mainzer Lokalpatriot und Karnevalist sicherlich noch nichts gehört. Aber selbst wenn Mainz 05 nur noch Karnevalisten stürmen ließe, würde ihn das kaum irritieren. Er bleibt immer guter Laune.
Wahrscheinlich sollte Brüderle mit seinem Talent des guten Boulevard-Journalisten nur für Stimmung in der Sendung sorgen. Er hat Humor und immer einen guten Spruch auf Lager. So ist er die Zielscheibe von Satirikern der Marke Oliver Welke geworden – und lebt gut von diesem Image. Nur Tiefgang ist von ihm nicht zu erwarten.
Den gab es allerdings von Eric T. Hansen. Der Amerikaner lebt seit 30 Jahren in Deutschland und hat jenen Blick auf Deutschland geworfen, der in diesem provinziell gewordenen Land fehlt. Er fühlte sich wie „auf einem fremden Planeten“ mit „lauter erfundenen Problemen“. Er hielt die Debatte über Fahnen-schwingenden Fußballfans oder „Bild“-Überschriften wie „Das Heimspiel in Danzig“ für „scheinheilig“. Die Deutschen befassten sich mit Nebensächlichkeiten, ohne zu bemerken, dass sich ihre Stellung in Europa verändert hat – und was das eigentlich bedeutet. Ihm mache diese Ignoranz regelrecht Angst.
Substanz als Zumutung
Dafür lieferten seine deutschen Gesprächspartner in der Sendung gute Belege. Sie interessieren sich nur für sich selbst. Ob es Brüderle ist, wenn er die deutsche Europapolitik preist („Keine Haftung für europäische Schulden“), oder Frau Reintke mit ihrer naiven Europabegeisterung. Oder sie artikulieren wie Hansch und Hahne bloße Meinungen, ob denn nun Patriotismus gut sei oder nicht. Nun ist in einem Tümpel Tiefgang nicht zu erwarten.
Zwar hat Plasberg mit Einspielern versucht, daran etwas zu ändern. Sie zeigten deutsche Fußballfans mit nationalistischer oder gar nazistischer Symbolik. Nur wie repräsentativ ist das eigentlich? Es gibt Studien etwa des Bielefelder Sozialforschers Wilhelm Heitmeyer, die seit 2006 eine signifikante Zunahme nationalistischer und fremdenfeindlicher Stimmungen in Deutschland feststellen. Frau Reintke hatte darauf hingewiesen – und Plasberg hat sie sogleich in ihre Schranken gewiesen. Als wenn er seinem Publikum zu viel Substanz lieber nicht zumuten wollte. Keine Frage: Mit den Herren Hansch, Hahne und Brüderle ließ sich auch besser dampfplaudern.
Der Verfassungspatriot als Feind der deutschen Europapolitik?
Wahrscheinlich kann Frau Merkels Europapolitik nur in dieser Atmosphäre des deutschen Provinzialismus funktionieren. Der enttarnt sich in der Patriotismus-Debatte über Banalitäten. Selbst der Vertreter von Lothar Matthäus bei Waldemar Hartmanns EM-Plauderstunde musste als kritische Anmerkung herhalten. Frau Merkel will nämlich Europa als Vollzug des deutschen Vorbilds – und macht Europa damit zu einer aussichtslosen Sache.
Das betrifft selbst des Deutschen Vaterland. Bekanntlich war der Begriff des Verfassungspatriotismus Dolf Sternbergers nach 1945 der einzige Patriotismus mit hinreichender Legitimation gewesen. Mit dem ESM und dem Fiskalpakt steht er in den kommenden Wochen beim Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe zur Debatte – und zur Entscheidung an. Der Verfassungspatriot als Feind der deutschen Europapolitik einer ganz großen Koalition im Deutschen Bundestag? Davon war in Plasbergs Tümpel nicht die Rede gewesen. Es wundert einen nicht.
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