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FAZ.NET-Frühkritik: „Hart aber fair“ : Schraube locker

  • -Aktualisiert am

Aha: Hier also haben die Deutschen im vergangenen Jahr durchschnittlich 546 Euro gelassen Bild: dapd

„Was treibt die Deutschen in den Baumarkt?“, wollte Frank Plasberg diesmal von seinen Gästen bei „Hart aber fair“ wissen. Als kalkulierte Provokation von Medienkritikern und Programmchefs war die Sendung schon mal ein voller Erfolg.

          Jetzt ist es also passiert: Sämtliche politischen Konflikte sind ausreichend bestritten worden, alle gesellschaftlichen Problematiken zur Genüge ausgewalzt – und Frank Plasberg kann sich endlich den wesentlichen Fragen unserer Existenz widmen. „Wissen wo der Hammer hängt: Was treibt die Deutschen in den Baumarkt?“, wollte der 54-Jährige in dieser Woche von seinen Gästen wissen.

          Wahrscheinlich muss man das als Akt der Auflehnung begreifen, als Rebellion gegen die sich ewig im Kreis drehenden Diskussionen über Schuldenkrisen, Parteienzwists und gesellschaftlichen Niedergang, mit denen das Erste seine Zuschauer sonst allabendlich ins Bett schickt.

          Diesmal war alles anders.

          Absurd

          Diesmal saß Moderatorin Sonya Kraus in der „Hart aber fair“-Kulisse, um die schönsten handwerklichen Leistungen ihres Eigenheims zu präsentieren: einen Balkon am Wintergarten. Dass ihre Heimwerkersendung „Do It Yourself – S.O.S.“ von Pro Sieben bereits vor sechs Jahren eingestellt wurde und ihre derzeitige Hauptverpflichtung die Moderation einer Homevideo-Show auf Kabel 1 ist, ließ die Redaktion geschickterweise unerwähnt.

          Der unsympathischste Bausachverständige Deutschlands zählte besserwisserisch Fehler in Heimwerker-Büchern auf. Ein Mann vom Handelsverband für Heimwerk- und Gartengedöns ließ sich von Plasberg die Spickzettel wegnehmen. Buchautor Jan Weiler muss sich aus Versehen im Studio eingeschlossen haben und spielte brav den Trottel mit den beiden linken Händen, der zur allgemeinen Erheiterung ein paar absurde Utensilienbeschreibungen vorlas. Und Plasberg reihte diverse schlechte Wortspiele über ein „Volk von Düblern und Denkern“ aneinander.

          Unter Strom

          Im großen Blumenerde-Vergleich kam heraus, dass viele Baumärkte schlimm vertorfte Ware anbieten und Eigenkompost sich deutlich besser zur Heimbepflanzung eignet. Und wer bei der Erläuterung der Gartenholzmöbel-Zertifikate gegen Ende der Sendung noch wach war, hat praktische Tipps für die ökologisch korrekte Terrassenbestuhlung erhalten. (Leider reichte die Zeit nicht, um im Studio gemeinsam ein Vogelhäuschen zu bauen.)

          Aber vielleicht stellt man doch noch mal die Frage, die den meisten Zuschauern auf der Zunge gelegen haben dürfte: Schraube locker? Oder, anders gesagt: Wozu hat’s das jetzt gebraucht?

          Um rauszukriegen, dass Frauen öfter Gebrauchsanweisungen lesen als Männer und deshalb weniger Leihgeräte kaputtmachen? Um zu erfahren, dass die Deutschen im vergangenen Jahr durchschnittlich 546 Euro im Baumarkt gelassen haben? Um noch mal bestätigt zu bekommen, dass fachkundige Beratung in den Werkzeughangars oft bescheiden ist? Oder dass Sonya Kraus beim Schrauben „auch schon mal eine gewischt bekommen“ hat?

          Versägt

          Als kalkulierte Provokation von Medienkritikern und seriositätsverpflichteten Programmchefs war die Sendung sicher ein voller Erfolg, mit welcher Motivation auch immer. Und wenn Frank Plasberg demnächst Gartensendungen im Dritten moderiert, hat sich der Ausflug für den Moderator doppelt gelohnt.

          Der ungewöhnliche Themengrätsche ließe sich aber genauso gut als redaktionelle Arbeitsverweigerung begreifen, weil der Erkenntnisgewinn der unnützen Diskussion quasi nicht messbar war, auch nicht mit dem Spezialdetektor für Talkshow-Inhalte. Höhepunkt der Montagssendung war jedenfalls, dass Kraus auf Plasberg-Anweisung mit einer Japansäge ins Talkpult hineinschnitt – „Wir kriegen ein neues“, meinte der Gastgeber.

          Vielleicht braucht Plasberg aber auch gar kein neues Pult. Sondern bloß einen neuen Job. Der alte ist, so scheint’s nach all den Jahren, für ihn ja erledigt.

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