18.02.2012 · Günther Jauchs Sondersendung zum Rücktritt des Bundespräsidenten plätscherte dahin wie ein Pool auf Ibiza. Bettina Wulffs einstiger Arbeitgeber Rossmann kritisierte die Medien, der „Bild“-Vertreter gab sich staatsmännisch.
Von Frank LübberdingSeit gestern Vormittag ist Christian Wulff wieder eine Privatperson. Mit seinem Rücktritt hat ein einzigartiger Skandal sein politisches Ende gefunden. Mit dem Beginn der Morgensendungen gab es nur ein Thema, aufgeführt in den drei Akten: „Warten auf den Rücktritt“, „Der Rücktritt“ und schließlich „Wer wird Wulffs Nachfolger?“. Das alles garniert mit Rückblicken auf das politische Leben des Christian Wulff - und der Frage nach der Rolle der Medien.
So wurde Günther Jauch sogar zum „doppelten Günther“. Auf RTL suchte er einen neuen Millionär und diskutierte zeitgleich in einer ARD-Sondersendung Wulffs Rücktritt. Millionäre spielten dabei bekanntlich auch eine Rolle.
Einer war sogar im Studio. Der Drogerie-Unternehmer Dirk Rossmann aus dem in Zukunft wohl wieder beschaulichen Großburgwedel. Er ist ein Freund des Ehepaar Wulffs und war bis 2010 der Arbeitgeber der nun ehemaligen First Lady aus dem Schloss Bellevue. In der Sendung von Maybrit Illner ist er durch seine so fulminante wie lautstarke Verteidigung Wulffs gegen die Angriffe diverser Publikationsorgane aufgefallen. Es war ohne Zweifel einer der medialen Höhepunkte in dieser achtwöchigen Verfallsgeschichte des Amt des Bundespräsidenten.
So ist er damals etwa mit der Erkenntnis aufgefallen, dass Frau Wulff regelmäßig mit dem Fahrrad zur Arbeit gekommen sei, wobei sich für solche Details im Privatleben von Frau Wulff bis dahin niemand interessiert hatte – außer einigen bunten Blättern. Rossmann setzte uns trotzdem davon in Kenntnis. Die Mediennutzer erfuhren dafür ein paar Tage später von seinen Inseraten im Mitgliedermagazin der niedersächsischen CDU in der Amtszeit des damaligen CDU-Vorsitzenden Christian Wulff. Dagegen ist grundsätzlich nichts einzuwenden gewesen. Allerdings werden die Anzeigen des David Groenewold in der gleichen Zeitschrift sicherlich in den Ermittlungen der Staatsanwaltschaft Hannover eine Rolle spielen.
So war Rossmanns gestrige Erkenntnis, dass der Rücktritt Wulffs unvermeidlich gewesen sei und er seine kostenlosen Urlaube bei anderen Millionären für problematisch halte, doch eine Überraschung. Nach dem Rücktritt sieht man halt manches anders als vor dem Rücktritt. Warum er die Kritik an Wulff wegen der Umstände des Hauskaufes in seinen heimatlichen Gefilden als überzogen betrachtete, blieb ein Rätsel. Der in der Pose des Staatsmannes bei Jauch agierende Nikolaus Blome klärte ihn dann auch zurecht auf: Es wäre zu Beginn des Dramas um Wulff nicht um den Privatkredit von Frau Geerkens gegangen, sondern um seine Aussage vor dem niedersächsischen Landtag über seine Beziehungen zu Herrn Geerkens. Das wissen wir zwar schon, aber es musste wohl noch einmal gesagt werden.
Blome ist bekanntlich der stellvertretende Chefredakteur der „Bild“-Zeitung. Wenn die Bild in Zukunft so schreibt, wie Blome gestern argumentierte, muss sich Kai Diekmann um die Auflage seiner Zeitung ernsthafte Sorgen machen. Sie erinnerte dann an das Amtsblatt von Großburgwedel. Aber sicherlich wird das Diekmann rechtzeitig erfahren, notfalls auch telefonisch. So plätscherte die Sendung dahin. Der Verfassungsrechtler Hans-Herbert von Arnim kam zwar nicht vom Emir, dafür trotzdem wegen des Streiks einer gewerkschaftlichen Splittergruppe zu spät. Er wandte sich gegen den Ehrensold für den Neu-Privatier Wulff.
Der ehemalige FDP Innenminister Gerhart Baum hielt das zwar für keine so gute Idee, aber er konnte uns trotzdem mit der Erkenntnis vertraut machen, dass „man als Rechtsanwalt sogar Geld verdienen“ könnte. Wer hätte das gedacht? Es wäre vielleicht eine Lösung für den 52 Jahre alten Rechtsanwalt Wullf. Dass er diese brauchen kann, muss vermutet werden. Jauch stellte die charmante Frage, ob der Alt-Bundespräsident nicht Pleite sein muss. Zwei Frauen, drei Kinder, teure Rechtsanwälte in unbekannter Zahl, so Jauchs Argument. Die auch den Gastgeber dieser Sendung immer wieder bewegende Frage nach der Grenze zwischen dem öffentlichen Interesse an einer Person und deren schützenswerten Privatsphäre wurde so von Jauch neu gestellt.
Da wollte Rossmann nicht am Rande stehen. Er hatte das Gefühl, noch nicht genug gesagt zu haben. So machte er den Sittenverfall der Medien an einem investigativen Selbstversuch deutlich. Ihm wurde nämlich vom Redakteur eines nicht genannten Verlages eine Frage gestellt. Dieser habe aus der Staatskanzlei in Hannover die Information erhalten, dass Frau Wulff nur pro forma bei ihm angestellt gewesen sein könnte. Rossmann empfand das als einen Skandal. Wie könne man ihm nur so eine Frage stellen? Wer nicht fragt, bleibt dumm, ist bekanntlich das Credo von Journalisten. Ob man jede Frage veröffentlichen muss? Keineswegs. Aber mit dem Affären-Marathon des Alt-Bundespräsidenten haben sich bekanntlich die Maßstäbe verschoben. Jetzt veröffentlichen nämlich die Gefragten ihre Informationen gleich selbst. Außer Herr Rossmann wusste bisher niemand, was man in der Staatskanzlei in Hannover so über die Arbeitszeiten seiner ehemaligen Mitarbeiterin Bettina Wulff denkt.
O tempora, o mores. Wo kann man darüber besser räsonieren als in dem Amtsblatt für Deutschland aus Hamburg? Deren Chefredakteur Giovanni di Lorenzo war gestern nicht bei Jauch zu Gast. Er bekam dafür einen Kurzauftritt in den anschließenden Tagesthemen. Er sieht die Medien selbstkritisch, solange es nicht zu selbstbezüglich wird. „Das grenzt schon an Schnüffelei und Inquisition“, so lautet sein Verdikt.
Er machte das an einer Frage aus dem 240 Seiten Konvolut des Wulff Anwalts Gernot Lehr deutlich: „Wer hat bei Herrn Wulff privat übernachtet?“ Wir wissen das bis heute nicht. In der Medienforschung wird man das vielleicht einmal den „Wulff-Rossmann“ Effekt nennen. Bekanntlich sind diese Fragen - von Lehr selbst - nur veröffentlicht worden, weil das der damalige Bundespräsident in seinem legendären Fernsehinterview in ARD und ZDF angekündigt hatte. Es wäre auch ansonsten niemand auf eine solche Idee gekommen. Ein Interview-Buch mit Wulff wäre keine schlechte Idee. So erfahren wir sicherlich etwas über die Hintergründe dieser Causa.
So fehlt nur noch der dritte Akt des gestrigen Fernsehabends: die Frage nach dem nächsten Bundespräsidenten. Die wurde erwartungsgemäß bei Jauch zwar noch nicht beantwortet. Aber wie wäre es mit seinen beiden Gästen Claudia Roth und Günther Beckstein? Sie könnte man sich als Paar im Schloss Bellevue gut vorstellen. Die Vorsitzende der Grünen und der ehemalige CSU Ministerpräsident wären der gesuchte Konsens-Kandidat aller politischen Lager. Die Stimmung passte schon: „Ach, Günther“, so konnte man „Claudi“ zur Irritation von Jauch sagen hören. Auch die vom Amt zu erwartende argumentative Autorität von Frau Roth wäre gewährleistet.
Diese „ginge ihm auf die Nerven“, so Beckstein. War es das, was der unbekannte Twitterer namens „Rainer Zufall“ im Kühlschrank fand? Claudi und Günther ein Paar? Jobsharing im Bellevue? Wir werden es nie wissen. Das wäre Schnüffelei. Manchmal hat man das unbestimmte Gefühl, warum der gestrige Rücktritt eine Erleichterung ist. Und das hat ausnahmsweise nichts mit Christian Wulff zu tun. Wer hätte das vor einem langen Fernsehabend gedacht?
Manche Argumentation erinnert
Dennis Sieberman (Sieberman)
- 18.02.2012, 21:17 Uhr
Locker vom Hocker war schon.
Roman Gerhard Urbanek (romangerhard)
- 18.02.2012, 19:00 Uhr
Wieso hat man hier den spannendesten Akt vergessen, als es
Birgit Zendel (BAZen)
- 18.02.2012, 17:29 Uhr
Nun kommen auch noch die Humorlosen mit ihrer ledernen Lustigkeit.
Wolfgang Krug (Undiplomat)
- 18.02.2012, 17:06 Uhr
JoJauch, s'ist Karneval, die närrische Zeit.
Karl S. Walter (skeptiker01)
- 18.02.2012, 13:44 Uhr