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FAZ.NET-Frühkritik: Günther Jauch Narration statt Analyse

Günter Jauchs Talkshow spricht alle Aspekte des Pflegedilemmas an. Gerade darum erklärt die Sendung kaum etwas. Mehr Strukturdebatten als Personalisierung wären zielführend gewesen.

© dpa Vergrößern

Warum ist die Talkshow von Günther Jauch in der ARD in ihrem Wesen unpolitisch? Warum weckt sie das Gefühl der Ohnmacht gegenüber komplexen sozialen Herausforderungen? Warum bleibt der Zuschauer ratlos und irgendwie beängstigt zurück? Die Ausgabe von diesem Sonntag mit dem Titel „Kostenfaktor Oma – wird Pflege unbezahlbar?“ gab darüber beispielhaft Auskunft.

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Es hat nichts mit der Vorbereitung des Moderators zu tun. Jauch ist wie gewohnt mit vielen Zahlen, Fakten und politischen Zusammenhängen vertraut. Er weiß, wie er seine Gesprächspartner aus Politik und Pflegepraxis kontrovers in die Diskussion einbindet. Die meisten relevanten Themenfelder streift er. Doch sobald die Debatte einmal Fahrt aufnimmt und Raum wäre,  etwas über Strukturen und Reformpotentiale zu lernen, wird schnell ein neues Fass aufgemacht. Die Sendung will zu viel und verharrt deshalb an der Oberfläche. Sie versteckt sich hinter Fallbeispielen und traut sich an die politischen Knackpunkte nicht heran.

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Auftakt mit 96 Jahre alter Dame

Dabei geht die Sendung eigentlich spritzig los. Die 96 Jahre alte Helmi Uebach aus Mönchengladbach schildert, wie sie nach drei durchweinten Nächten schließlich ihren Frieden mit ihrem Altenheim geschlossen hat. Sie lernte, sich wohlzufühlen, obwohl sie nur das Notwendigste mitnehmen durfte. Ausflüge und die Schwätzchen mit dem Pflegepersonal ließen sie schnell heimisch werden. Inzwischen aber werde die Zeit der Betreuer immer knapper, es fehle an Personal.

Ein gelungener Auftakt zur Gesprächsrunde, der am Beispiel einer Betroffenen das Problem aufreißt: Die Menschen werden immer älter, Betreuungszeiten länger, die Einrichtungen stehen allerdings unter erheblichem Effizienzdruck, die Ökonomisierung der Prozesse führt zur Minutenpflege und lässt den Betreuern immer weniger Zeit.

Gerontologischer Kolonialismus?

Die kommenden Minuten der Diskussion bleiben persönlich gefärbt, was erst einmal den Einstieg erleichtert. Der CDU-Bundestagsabgeordnete Jens Spahn erzählt, dass seine Eltern darauf eingestellt sind, dass er seinen Job für ihre Pflege nicht aufgeben kann. Fernsehmoderatorin Carola Ferstl bekommt Gelegenheit, von ihrem Engagement für die eigene Großmutter und die Schwiegermutter zu berichten. Die ehemalige Gesundheitsministerin Ulla Schmidt verdeutlicht ihren Wunsch, dort alt zu werden, wo sie viele Menschen kennt.

Grundsatzeinigung im Pflegestreit © dpa Vergrößern Ulla Schmidt will im Alter dort sein, wo Freunde sind

Das erste spannende kontroverse Thema wird durch den Pflegeheim-Betreiber Martin Woodtli eröffnet: Er hat in Thailand eine Einrichtung für Demenzkranke errichtet, in der eine Rundum-Betreuung zu bezahlbaren Konditionen möglich wird. Handelt es sich dabei um einen gerontologischen Kolonialismus, will Jauch wissen.

Über diese Frage und ihre verschiedenen Facetten hätten die fünf Gesprächspartner gut und gern den Rest der Sendung diskutieren können. Es hätte ihr gut getan. Denn angesichts der zunehmenden Kosten und des unattraktiven Berufsbildes der Pfleger ließe sich argumentieren, dass die Pflege hierzulande ohne Outsourcing kaum zu bewältigen wäre. Drei knappe Antworten zu Jauchs Frage aber lassen dieses Potential ungenutzt liegen.

Zäsur statt Tiefe

Im weiteren Verlauf lässt die Redaktion kaum etwas aus, das zum Pflegedilemma thematisch gehört: In einem Einspieler wird erklärt, welche Angehörigen für die Pflegekosten aufkommen, wenn sie höher als die Zuwendungen aus der staatlichen Pflegeversicherung sind. Die Belastung für Familien, die ihre alten Angehörigen zu Hause pflegen, wird angetippt. Kurz geht es um die geschätzt 100.000 schwarz arbeitenden Polinnen, die sich in deutschen Haushalten um Demente und körperlich Schwache kümmern.

Dann ist etwas Platz für Kritik an den erheblichen bürokratischen Auflagen für Heime. Als Ulla Schmidt nach einem neuen Begriff der Pflegebedürftigkeit verlangt, öffnet sich dem Moderator mit einem Mal die Möglichkeit, eine der zentralen Schwierigkeiten einer Pflegereform herauszuarbeiten, an der sich die Sozialpolitiker aller Fraktionen seit Beginn dieser Legislaturperiode die Zähne auszubeißen scheinen.

Charity-Veranstaltung "Tribute to Bambi" © dapd Vergrößern Engagement für Großmutter und Schwiegermutter: Die Moderatorin Carola Ferstl kümmert sich

Doch statt hier mit den beteiligten Politikern in die Tiefe zu gehen, setzt Jauch eine weitere Zäsur und lässt einen Einzelhändler davon erzählen, wie er seine Mutter zur Pflege in ein slowakisches Heim brachte. Personalisierung statt politischer Strukturprobleme. Narration statt Analyse. Statt auf die politische Lösungsebene zuzusteuern, bleibt die Sendung nun bei Emotionen, Gefühligem, Eindrücken. „Bekommen Sie es mit der Angst zu tun?“, fragt der Moderator denn auch als nächstes folgerichtig den Pflegeheim-Betreiber Günter Schröder angesichts der günstigeren Konkurrenz aus dem Ausland.

Jauch bleibt zu allgemein

Die Politiker Schmidt und Spahn sind von nun an auf verlorenem Posten. Denn was die Abgeordneten schon mit der zurückliegenden Pflegereform angepackt haben, können sie nur in Ausschnitten darstellen. Statt die Details von den Gesprächspartnern analysieren zu lassen, bleibt Jauch so allgemein, wie es nur eben geht, indem er Fernsehmoderatorin Ferstl fragt, ob die Politik alles richtig mache oder ob sie sauer sei.

Danach bleibt noch genug Zeit, Verwirrung bezüglich Nichtzahler in Altenheimen zu stiften und scheinbar visionär nach der Wählermacht der Alten zu fragen, die sich angeblich ihre Politiker nach dem Umfang ihrer Zuwendungen aussuchen. Als Jauch zum Abschluss der Sendung zu Heimbewohnerin Uebach zurückkehrt und sie danach fragt, wie es ihr gefalle, dass so viele Pflegebedürftige ins Ausland gingen, ist das Kind längst in den Brunnen gefallen und die Sendung nicht mehr zu retten.

Dass Talkshows unterhaltsam sein sollen und gesellschaftliche Herausforderungen an Personen entlang beschrieben werden, ist ein unterstützenswertes Anliegen von Programmmachern. Dass aber die Diskussion umschifft wird, sobald sie in die politische Tiefe gehen könnte, tut der Debattenkultur im Abendprogramm des Pflichtfernsehens nicht gut.

Quelle: FAZ.NET

 
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