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FAZ.NET-Frühkritik „Günther Jauch“ Klingt unmenschlich, hilft aber doch

Moralin zum ersten Advent: Bei „Günther Jauch“ kämpft die gute Gesellschaft gegen Billig-Preise und schlechte Arbeitsbedingungen in Bangladesch. Sollten ihre Ratschläge umgesetzt werden, würden die Aufsteigerländer Asiens wieder verarmen.

© dpa Vergrößern Moralinsaurer Talk: Bei Günther Jauch ging es eher besinnungslos, als besinnlich zu

Die Geschichte klingt wie ein Märchen: Als Claudia und Martin Klütsch, einfach Leute aus Wesseling am Rhein, ihr neu gekauftes Oberhemd auspacken, rutscht ihnen ein kleiner Zettel entgegen, darauf steht in schlechtem Englisch ein Hilferuf eines Mannes aus Dhaka in Bangladesch, der sich Gazi Shahariyar nennt. Die Deutschen gehen der Sache nach, reisen nach Bangladesch, finden Gazi und seine große Familie, bekommen Mitleid und unterstützen die Leute seither mit monatlichen Geldüberweisungen.

Rainer Hank Folgen:  

Das Ganze liegt schon sieben Jahre zurück. Gazis inzwischen geborener Sohn heißt zum Dank an seine Gönner Martin, wie Martin Klüsch. Das rührt an. Jeden Monat erhält Gazi von Familie Klütsch 70 Euro, das Doppelte des Durchschnittlohns, den eine Näherin in der Textilindustrie Bangladeschs bekommt. Gazi hat keine Arbeit. Hemden aus Bangladesch würde sie keine kaufen, sagt Claudia Klütsch.

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Besser keine Hemden aus Bangladesch kaufen?

Am Sonntagabend sitzt Frau Klütsch zusammen mit ihrem Mann auf dem Sofa bei Günther Jauch. „Schöne Bescherung! Wer muss für unsere Geschenke leiden?“ heißt das Thema. Der schreckliche Brand in einer Textilfabrik in Bangladesch vor einer Woche, bei dem mehr als hundert Menschen gestorben sind, ist der Anlass. Dort wurden Hemden und Jeans für Europa und Amerika gefertigt. Und Jauch fragt: Gibt es Billig-Hemden nur auf Kosten mieser Arbeitsbedingungen? Und: Müssen wir unser Kauf- und Konsumverhalten grundlegend ändern?

Mit Claudia und Martin Klütsch hätte Jauch darüber diskutieren können, warum Solidarität und individuelle Mitmenschlichkeit anrührt, warum indessen nur Industrialisierung, Export, Globalisierung und internationale Arbeitsteilung einem bitterarmen Land wie Bangladesch bescheidenen Wohlstand bringt, während das Land wieder arm würde, wenn alle reichen Menschen den Rat von Claudia Klütsch beherzigten und keine T-Shirts aus Asien kaufen würden.

Klingt unmenschlich, hilft aber doch

Nicht mit Transfers und Entwicklungshilfe, sondern mit unternehmerischer Eigeninitiative, wettbewerbsfähiger (also billiger) Arbeit und Investitionen internationaler Unternehmen kommen die Völker zu Wohlstand. Weil die Klamotten günstig sind, sind sie auch für arme Leute reicher Länder erschwinglich. Dass der Arme in Deutschland den Armen in Bangladesch also reicher macht, regelt der Preis.

Hinfahren muss man dafür nicht. So ist er, der Kapitalismus. Klingt irgendwie unmenschlich, hilft aber doch, wie die beeindruckenden Wachstumszahlen Bangladeschs zeigen: Fünf Prozent mehr jährlich. Ein wenig hilft übrigens auch China. Dort ist die Produktion von Jeans inzwischen zu teuer geworden. Gut für Bangladesch.

Das Versagen der Kapitalisten

Mit Claudia und Martin Klütsch, jenen redlichen Leuten mit dem Herz auf dem rechten Fleck, hat Jauch darüber nicht diskutieren wollen. Aber mit seinen Talkgästen  hat er es versucht. Doch einen Anwalt der Globalisierung hatte die Castingtruppe vergessen einzuladen. Wolf-Rüdiger Baumann, Funktionär der deutschen Textil- und Modeindustrie, machte als Vertreter der Branche (Manager von C&A, H&M oder KIK, feige wie sie sind, haben offenbar gekniffen) einen so jämmerlichen Eindruck, dass man beim Zusehen fast zum Globalisierungsgegner geworden wäre. Der Mann hatte keine Beispiele parat und schon bei der ersten Antwort verloren.

Die Verführung, zum Globalisierungsgegner zu werden, ließ freilich abrupt nach, wenn Attac-Vertreter Heiner Geißler das Wort ergriff: Sklaverei sei das, was in Bangladesch passiere, wusste der Mann, und dass wir wieder besser hierzulande Hemden produzieren sollten, forderte er. So nochchalant hat lange keiner mehr den Asiaten ihr Einkommen genommen.

Scheitern wird zur moralischen Heldentat

Unterstützung erhielt Geißler von einem schwäbischen Textilunternehmer, der in Bangladesch offenbar gescheitert ist (das kommt vor) und reumütig seinen Feinripp jetzt wieder auf der Zollernalb herstellt (so ähnlich wie der Herr Grupp von Trigema). Das ist in Ordnung und freut die Leute in Albstadt. Dass er sein Scheitern in der fernen Welt zur moralischen Heldentat stilisiert, nützt, würden ihm alle Unternehmer folgen, weder den Asiaten noch den Deutschen. Die verdienen nämlich mit Maschinen und Autos auf den Weltmärkten mehr Geld.

Ach ja, Christoph Lütgert vom NDR war auch noch da und hat seine Panorama-Sendung vom kommenden Donnerstag beworben. Da geht es auch wieder um „die miesen Methoden von KIK“, worüber der Reporter schon vor zwei Jahren einen Film gedreht hat. Lütgert, der Mann der Moral, will die Konzerne zwar in Asien produzieren lassen, würde ihen aber am liebsten vorschreiben, was sie für ihre Klamotten verlangen müssen und den Verbrauchern, was sie dafür bezahlen sollen, damit es künftig „fair“ in der Welt zugeht.

Wer es etwas differenzierter haben will, für den bewerbe ich hier den Kommentar meines Kollegen Winand von Petersdorff. Dort kann man nachlesen, dass auch bei Jeans aus Bangladesch die einfache Regel gilt: Je teurer die Artikel sind, desto weniger werden sie gekauft.

Zu kompliziert für den ersten Advent

Am sachlichsten in der Sendung kam Gisela Burckhardt rüber, eine Frau, die eine Kampagne für „saubere Kleider“ initiiert hat. So etwas wird den Druck auf die C&As dieser Welt noch verstärken, auf ein „sauberes“ Image zu achten. Allerdings wissen die Multis nicht erst seit heute, dass es (wenn nicht aus Moral), so aus Marktgründen sich empfiehlt, peinlich genau auf Arbeitsschutzbestimmungen zu achten, wie mein Kollege (noch eine Empfehlung), der langjährige FAZ-Asienkorrespondent Jochen Buchsteiner, berichtet. Sie hätten zu Recht große Angst vor schlechter Presse und würden sich, so gut es gehe, absichern. Woran die Verbesserung der Arbeitsbedingungen in Wahrheit immer wieder scheitere seien die lokalen korrupten Verhältnisse vor Ort. 

Aber, wie gesagt, so kompliziert wollte es sich Jauchs Abendtalk dann doch nicht machen. Ein bisschen Moral zum ersten Advent, ein bisschen schlechtes Gewissen, ein bisschen Kapitalismuskritik, das reicht doch schon.

Quelle: FAZ.NET

 
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