„Spinnen die Griechen?“ Mit diesem geflügelten Wort eines bekannten gallischen Helden eröffnete am Sonntag Abend Günther Jauch die Debatte über das neueste Kapitel in der Eurokrise. Der Anlass zur Sendung sollte in ihrem Verlauf allerdings selber zur Geschichte werden. So hatte der griechische Ministerpräsident Giorgos Papandreou zwar noch vor einer Woche mit der Ankündigung einer Volksabstimmung für europäischen Aufruhr gesorgt. Doch schon am Donnerstag wurde die Volksabstimmung zum politischen Leichnam erklärt. Papandreou folgte ihr am Sonntag Abend mit der Ankündigung seines Amtsverzichts ins politische Grab.
Während in Griechenland Politik gemacht wird und Geschichte geschrieben worden ist, genießen wir in Deutschland noch den Luxus, uns auf das Reden beschränken zu dürfen. Es brummt die Wirtschaft und es steigen die Steuereinnahmen. Ein Festausschuss aus den Koalitionsparteien konnte zeitgleich sogar den Deutschen Steuersenkungen versprechen. Es war als Politik-Show die Parallelaktion zu Günther Jauch.
Zwei Großväter
So fragte man sich unwillkürlich, ob solche Sendungen in Griechenland noch denkbar wären: als die Gemütlichkeit eines gepflegten Diskussionsabends in einem mehr oder minder stilvollen Ambiente. Der einzige in Athen noch aktive Ausschuss beschäftigt sich mit der Verwaltung eines politischen und ökonomischen Desasters. Von Steuersenkungen ist dort nicht die Rede. Günther Jauch hat dieses Auseinanderfallen zwischen deutscher Gemütlichkeit und griechischer Verzweiflung zum Ausdruck gebracht. Er musste dafür gar nicht weit gehen. Er zeigte einfach, wie es der Familie eines seiner Gäste seit dem Ausbruch der Krise Ende 2009 ergangen ist. Kurz gesagt: drastische Einkommensverluste fallen mit dramatisch gestiegenen Abgaben zusammen.
Michalis Pantelouris, ein Deutsch-Grieche aus Hamburg, machte mit seiner Familiengeschichte aber zugleich deutlich, was es heißt, ein Europäer zu sein: sein deutscher Großvater war ein Nazi, so Pantelouris, während sein griechischer Großvater ein von den Nazis gefolterter Widerstandskämpfer gewesen ist. Er konnte auch ansonsten so manches Bild über „die Griechen“ zurechtrücken. Etwa über die Bedeutung der so häufig in Griechenland zu sehenden Nazi-Symbolik. In Deutschland stehe das Hakenkreuz für den Holocaust, in Griechenland für die Zeit der deutschen Besatzung im Zweiten Weltkrieg, damit für die historische Urerfahrung Jahrhunderte langer Fremdherrschaft. Europa wird nie funktionieren, wenn man diese nationalen Narrative ignoriert.Menschen wie Michalis Pantelouris könnten so als Dolmetscher zwischen den europäischen Völkern fungieren. Man fragt sich, warum das so selten passiert.
Europäische Bankrotterklärung
Deshalb bleiben wahrscheinlich Szenarien so wirkungslos beim Publikum. Niemand kann sich griechische Verhältnisse für Deutschland vorstellen. Jauch zeigte, was ein mit dem griechischen Ausgabenkürzungen vergleichbares Sparprogramm für Deutschland bedeutete. Das Volumen von 80 Mrd. € entspräche einer Rentenkürzung um ein Drittel. Was passierte dann wohl in Deutschland, so fragte Jauch die Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen. „Es würden bei uns die Straßen brennen!“, lautete ihre Antwort. Nur hat das Konsequenzen für die Politik gegenüber Griechenland? In ihrer Sichtweise bleiben die brennenden Straßen halt ein griechisches Problem.
Frau von der Leyen, mittlerweile die ständige Vertreterin der Bundesregierung in öffentlich-rechtlichen Talk-Shows zum Thema Eurokrise, fühlt sich für die Griechen nicht verantwortlich, und damit auch nicht für die sozialen Folgen der Austeritätspolitik. Die Argumente sind bekannt: sie reichen vom betrügerischen Umgang mit Statistiken bis zur desolaten Steuerverwaltung. Das ist alles richtig. Nur welche Perspektive vermittelt diese Sparpolitik, außer dass sie die Griechen verdient haben? Die Auswanderung der Verwandten des Michalis Pantelouris nach Kanada oder Australien, so die Auskunft in der Sendung.
Wie tief muss dieser Kontinent gesunken sein, wenn ein Teil seiner Bewohner ihn möglichst schnell verlassen will? Diese europäische Bankrotterklärung ist übrigens niemandem aufgefallen. Und selbst wenn? Stört es eigentlich noch jemanden? Günther Jauch bemühte sich redlich, seinen Zuschauern Erkenntnisse zu vermitteln. Etwa warum so viele Südeuropäer ihr Geld in Berliner Immobilien anlegen. Nun mag die Steuerflucht ein Motiv sein. Aber es ist viel mehr als das: nämlich ein Indiz für das verschwundene Vertrauen in die Weiterexistenz des Euro. Ist es eigentlich jemandem zum Vorwurf zu machen, dass er nicht einfach mit ansehen will, wie seine Euros plötzlich wieder unversehens zu Drachmen oder Lira werden? Oder hat jemand 1990 seine DM zum Umtauschkurs von 1:1 in Ostmark gewechselt? Das wäre nämlich die Konsequenz für Griechen und Italiener, wenn sie aus dem Eurosystem ausscheiden sollten.
Zwar hat die Börsenexpertin der ARD, Anja Kohl, das Thema Flucht in das Realkapital angesprochen. Aber leider mit dem falschen Argument: es fehle für Investitionen in Griechenland die Rechtssicherheit. Man konnte an dieser Bemerkung sehen, wie die Proportionen in den vergangenen Monaten ins Rutschen geraten sind. Griechenland hat viele Probleme, aber es sei wohl kaum mit einer Bananenrepublik klassischer Prägung vergleichbar, so Pantelouris in seiner Erwiderung. Um das zu wissen, muss man übrigens nicht in Griechenland gewesen sein. Frau Kohl hat ansonsten noch die europäische Demokratiedebatte bereichert. Die geplante Volksabstimmung wäre als „politische Erpressung“ der EU durch die Griechen zu bewerten. Beschlüsse müssten gelten. Bei solchen Formulierungen sollte man wirklich die Auswanderung nach Kanada erwägen.
Die Geschichte vom Pferd
So entwickelten sich bisweilen interessante Dialoge. Gregor Gysi, der Stellvertreter Sahra Wagenknechts in öffentlich-rechtlichen Talk-Shows zum Thema Eurokrise, wies die Bundesarbeitsministerin darauf hin, warum ein Sparprogramm ein bloßes Abbauprogramm sei. Dafür fragte ihn Frau Kohl mehrmals, wie er denn in Zukunft ohne private Investoren die europäischen Staaten finanzieren wolle? Irgendwie „öffentlich-rechtlich“, so Gysi, das böse Wort über die Finanzierung durch die EZB vermied er dagegen. Die Deutschen fürchten die Inflation, die der Wirtschaftswissenschaftler Max Otte prognostizierte. Und das böse Wort hören die meisten Deutschen halt nicht gerne. Es formuliert unser historisches Trauma, nur ist es halt ein anderes als etwas das der Griechen namens Fremdherrschaft. Dafür stimmte Otte wiederum Gysis Kritik an der Sparpolitik „weitgehend“ zu.
Frau von der Leyen sprach einmal in Richtung Gysis von einem „Werbeblock der Linken.“ Das war eine gute Beobachtung: in solchen Runden hat jeder seinen Werbeblock. Da bleiben die Gegenargumente halt auf der Strecke. Pantelouris nannte zu Beginn der Sendung Papandreous Entscheidung für eine Volksabstimmung dessen „erratisch-irrlichternden Moment“, erzwungen von den Bedingungen der griechischen Innenpolitik. Die Bundeskanzlerin kann mit ihren häufigen Positionswechseln in dieser Hinsicht durchaus mitreden. Nur kommt niemand auf die Idee, das bei ihr „erratisch“ zu nennen. Die Physikerin ändert halt andauernd die Versuchsanordnung. Oder findet sie sie nur vor? Jauch fragte daher die Vertreterin der Bundesregierung in seiner Sendung: „Blicken Sie nicht mehr durch oder wissen Sie in Wirklichkeit Bescheid, und erzählen uns einen vom Pferd?“
Die Humanmedizinerin von der Leyen wies auf den Unterschied zwischen Notfallbehandlungen und langfristiger Genesung hin. Allerdings hatte man nach der Sendung den Eindruck, dass dem griechischen Patienten kurzfristig nicht mehr zu helfen ist. Und ansonsten die Therapie zu seinem sicheren Tod führen wird. Das könnte an der Diagnose liegen. Die Eurozone wäre „eigentlich eine Zone der Stabilität.“ Deren Neuverschuldung sei in diesem Jahr noch nicht einmal halb so groß wie die der Vereinigten Staaten. So führte Max Otte zum Ende der Sendung aus. Offenkundig ist der Patient gar nicht krank. Er wird nur von den Kurpfuschern zu Tode kuriert.
Die spinnen, die Europäer. Günther Jauch ist dafür nicht verantwortlich zu machen. Er hat uns lediglich in den Spiegel sehen lassen. Manchmal ist dieser Blick sinnvoll.
„Chaos-Tage in Athen – wer will die Griechen jetzt noch retten?“
Horst Mergener (Mergener)
- 07.11.2011, 19:26 Uhr
Und wieder eine überflüssige Sendung zum Thema
B. Keim (bkeim)
- 07.11.2011, 13:30 Uhr
"Rama dama"! Davon hört und sieht man nichts in G.
Bernd Löhr (tholomaz)
- 07.11.2011, 12:33 Uhr
Der Spiegel, den ich von Herrn Jauch vermisst habe....
Walpurga Müller-Schmidt (MuellerSchmidt)
- 07.11.2011, 11:28 Uhr
Solche Sendungen bewirken nichts, noch sind sie lehrreich.
Guy Schmatzig (Schmatzig)
- 07.11.2011, 11:01 Uhr