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FAZ.NET-Frühkritik: Günther Jauch Der bricht dir noch das Herz

Zum Auftakt der ARD-Themenwoche sprach Günther Jauch mit seinen Gästen über Krebs und das „Leben mit dem Tod.“ Das war sehr nah dran an „Stern TV“. Und wohl deshalb eine gelungene Sendung.

© dpa Ohne in dieses Menscheln und Pseudo-Kommunizieren á la Lanz: Günther Jauch im Studio

Und auf einmal gehört dieser Sonntag dem Tod. Das ist nicht ungewöhnlich, meint man. November eben, die dunklen Wochen zwischen Allerseelen und Ewigkeitssonntag, bevor dann im Advent das Licht symbolisch zurückkehrt: „Dies ist der Herbst, der bricht dir noch das Herz.“ Und mitten drin der Volkstrauertag, mit dem die Bundesrepublik an die Opfer von Krieg und Gewalt erinnert.

Aber so wie gestern, als sie auch abseits der Übertragung aus dem Bundestag unentwegt über den Tod und das Sterben sprachen, und zwar das ganz normale, das alltägliche Sterben? Bei einem gefälligen Medium wie dem Fernsehen ist das bemerkenswert – der Auftakt einer Themenwoche namens „Leben mit dem Tod“,  mit der die ARD, wie es im Phrasendresch der Programmplaner heißt, „starke emotionale Akzente“ setzen, „umfassend informieren“ und „beraten“ will.

In der „Sendung mit der Maus“ erklärte Armin Maiwald den „Abschied von der Hülle“, im Kinderkanal lief Grimms Märchen „Gevatter Tod“, „Tagesschau24“ erzählte von einem Dreizehnjährigen mit Hirntumor, im Dritten gab es Dokumentationen über deutsche und muslimische Bestatter, der „Ratgeber Haus und Garten“ suchte „Innovationen bei der Grabgestaltung“, und im Tatort war die Fahnderin krebskrank. Sogar die „Sportschau“ zog mit, indem sie an den Herzinfarkt eines Fußballers erinnerte.

Ein unbequemer Fernsehsonntag

Ein um Ernsthaftigkeit bemühter, unbequemer Fernsehsonntag. Allerdings auch eine Erinnerung an den steigenden Altersdurchschnitt des ARD-Publikums und an das, was auf Kopfdruck bei Sendeanstalten wie den Öffentlich-Rechtlichen möglich ist.

Für Günther Jauch, dem „Stern TV“-Macher von einst, war eine Sendung zum Thema „Unheilbar Krank – Leben mit dem Tod“ dabei kein schwerer Auftrag. Sowas beherrscht der Mann im Schlaf, ohne in dieses Menscheln und Pseudo-Kommunizieren á la Lanz zu verfallen. Etwas zu reibungslos mochte das Ergebnis sein, zu unpolitisch und demonstrativ rheinisch (nicht von ungefähr sagte Wolfgang Bosbach am Ende: „Mir klääve am Lääve“). Doch es mangelt in dieser Woche ja nicht an Diskussionsstoff, schon heute abend wird es in einer Doku und bei Plasberg ums Thema Sterbehilfe gehen, wahlweise in diversen dritten Programmen auch um Friedhofsgebühren und die Abzocker unter den Bestattungsunternehmen.

Da war es gut, die Dinge erst einmal grundsätzlich zu klären und mit deutlichem Sicherheitsabstand zu falschem Pathos von der Angst zu reden, die einen beim Gedanken an den Tod befällt – so dass man ihn verdrängt, bis der Arzt kommt. „Je mehr Tabuisierung, desto größer die Angst“, sagte die frühere EKD-Ratsvorsitzende Margot Käßmann, die Patin der Themenwoche ist und 2006 die Diagnose Brustkrebs verarbeiten musste. So sahen das auch der Bundestagsabgeordnete Wolfgang Bosbach, unheilbar krank und dennoch positiv gestimmt, sowie der Bestatter Fritz Roth, der mit Jugendlichen Tote besucht, um „den Tod“ besser „ins Leben zu integrieren“ und ebenfalls krebskrank ist: „Der Glaube gibt mir die Kraft, diese Herausforderung anzunehmen.“ Das hört man nicht mehr so oft.

Intesiv leben, sofort!

Der fünfundzwanzigjährige, von seiner Freundin begleitete Student Bastian Brauns aus dem Norden von Bonn war da etwas zurückhaltender, was die knifflige Frage mit Gott betrifft. Er ist einer der „jungen Menschen“, die der Südwestfunk in der Doku „Dies bisschen Leben“ vorstellt. „Das Blut ist frisch aufgetankt“, hieß es in seinem Blog, kurz bevor sie „zum Günther“ aufbrachen: „Wir werden durch unseren Auftritt auch hoffentlich viele andere Patienten, aber auch gesunde Menschen erreichen und ihnen zeigen, dass man auch trotz einer schweren Erkrankung viele schöne Momente im Leben genießen kann.“ Dahinter ein Smiley.

Das nahm die Stimmlage und die Botschaft des Abends vorweg. In der Sendung sagte Brauns, nachdem ein wichtiger, die schnelle Floskel vom „Auf und Ab“ beim Kampf gegen den Krebs bebildernde Filmausschnitt von seinem kahlen Körper, den Chemos, den Bestrahlungen, der Unterschenkelamputation, den Metastasen und einem Kurzurlaub am Strand von Holland erzählt hatte: „Ich habe das Gefühl, dass wir bewusster leben als Gesunde.“ Alle auf dem Podium nickten, als müsse man sich das gerade auch als gesunder Mensch hinter die Ohren schreiben: Intensiv leben, sofort!

Vielleicht muss man das mal aussprechen, dachten wir da. Mal schaun, was diese Themenwoche noch so bringt.

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Quelle: FAZ.NET

 
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