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FAZ.NET-Frühkritik: Günther Jauch : Das Glas ist halb toll

  • -Aktualisiert am

Zurückhaltender Moderator: Günther Jauch stellt kaum unbequeme Fragen an die Politiker Bild: dpa

Günther Jauch hatte keine Lust, über die Sehnsucht nach dem „gläsernen Abgeordneten“ zu diskutieren. Dabei hat die Transparenzdebatte ihren Sinn.

          Um es nicht falsch zu verstehen: die alarmistische Geste, mit der das Thema vorangetrieben wird, ist unangebracht, die Scheinheiligkeit schwer zu ertragen und der unterschwellig transportierte Vorwurf, ein Teil des deutschen Parlaments entwickle sich zum Club der Abgreifer, Opportunisten und Lobbyvertreter, für das angeschlagene Vertrauen in die Demokratie wenig hilfreich.

          Und trotzdem, da hatte der Kolumnist Jakob Augstein recht, als er vor einigen Tagen über die „scheiternde Kommunikation“ zwischen der Politik und ihren Wählern schrieb: Es besteht Erklärungsbedarf. Denn man fragt sich ja schon, die „veröffentlichungspflichtigen Angaben“ mancher Abgeordneten im Deutschen Bundestag vor Augen, wo bei all diesen Nebentätigkeiten noch Zeit für das Wesentliche bleiben soll: für das Zuhören, Durcharbeiten, Nachdenken, Werben und Debattieren. Wo die Grenzen des Selbstverständlichen und Akzeptablen verlaufen. Und was die Summen, von denen hier die Rede ist, in dem Moment mit den rauchenden Köpfen anstellen, in denen über Dinge entschieden werden muss, die das Leben der Normalsterblichen – und die Situation von denen, deren Schecks für die üppigen Nebeneinkünfte sorgen – maßgeblich beeinflussen.

          Die auf der Bundestags-Homepage einsehbare Liste der „veröffentlichungspflichtigen Angaben“ des SPD-Kanzlerkandidaten Peer Steinbrück jedenfalls ist für das Scrollrad eine echte Herausforderung, Zeile um Zeile ist von Vorträgen der „Stufe 3“ die Rede, von Einkünften oberhalb 7.000 Euro also, ein denkbar weites Feld. Und kaum besser sieht es bei den von Michael Glos gemachten Angaben aus, bei jenem ehemaligen CSU-Minister also, den „Abgeordnetenwatch“ hinter Steinbrück als Nummer zwei unter den „Spitzenverdienern im Parlament“ bezeichnete. Bloß dass bei Glos neben dem Vermerk „Stufe 3“ in einigen Fällen der Hinweis „jährlich“ oder gar „monatlich“ vermerkt ist.

          Da kann man zumindest stutzig werden und ein wolkiges Fragezeichen in den Herbsthimmel malen. Allein das rechtfertigt die Themenwahl von „Maybritt Illner“, wo man am Donnerstag „Was dürfen unsere Politiker?“ fragte, ebenso wie die von „Günter Jauch“, wo man gestern die Idee vom „gläsernen Politiker“ zur Diskussion stellte. Okay, der Moderator war müde und von der Relevanz des Themas nicht unbedingt überzeugt. „Wenn ich Sie frage, was Sie verdienen, würden Sie das der ganzen Welt mitteilen?“, begann Jauch die Sendung, als könne man das Thema nach dem absehbaren Schulterzucken wieder in der Kladde verschwinden lassen.

          Kaum unbequeme Fragen

          Schon vor zwei Wochen, als Jauch den roten Fernsehteppich für den Kandidaten ausrollte, hatte er Steinbrück kaum mit unbequemen Frage belästigt. Er brachte ihn jetzt gänzlich in Sicherheit, sobald der Name fiel. Doch die Sendung lief trotzdem. Und das lag vor allem daran, dass der Journalist Jakob Augstein und Bernd Schlömer, der Pirat mit dem Hol-Mich-aus-dem-Tierheim-Blick, wach genug waren, um die „Nebelkerzen“ Jauchs beim Namen zu nennen und daran zu erinnern, dass es hier nicht um die Privatsphäre gewöhnlicher Bürger, sondern um Menschen geht, die gewählt wurden, Gesetze machen, Ämter besetzen und Kanzler werden möchten, um etwaige „Interessenkonflikte“ also: „Ich glaube“, sagte Augstein, vorbildhafte Regeln wie die des britischen Parlaments vor Augen, „dass wir einen Kulturwandel haben, und das finde ich gut.“

          Der Brandenburger CDU-Landtagsabgeordnete Henryk Wichmann, das ist der Mann, über den Dresen zwei abendfüllende Filme und Stuckrad-Barre eine ziemlich lustige Sendung gemacht hat, schien der beste Beweis für diesen Kulturwandel zu sein. Während in der zentralen Sitzgruppe der bayrische Unternehmer Hans Rudolf Wöhrl noch über eine Abgeordnetentätigkeit sinnierte, die in der Regel schlecht bezahlt und mit der Bedeutung eines wirklichen Berufes nicht zu vergleichen sei (er empfindet die Politiker-Debatten der jüngsten Zeit als hysterisch und nicht mehr nachvollziehbar), sagte der harmlose Herr Wichmann vom Publikum aus, ihm bleibe für Tätigkeiten neben der Politik gar keine Zeit. Ganz abgesehen davon, dass es ihm (Brutto hat er 4.600 Euro, hinzu kommen einige hundert Euro als Verwaltungsrat der Sparkasse und Kreistagsmitglied) und den „vielen anderen Wichmännern“ im Land nicht ums Geld, sondern um die Sache gehe: „Und wenn ich nicht wiedergewählt werde, mache ich eben was anderes.“

          Transparenz-Verlangen der Bürger

          Wichmann kann dem Transparenz-Verlangen der Bürger, einem stärker ausdifferenzierten Stufen-Modell bei der Angabe von Nebeneinkünften etwa, durchaus etwas abgewinnen, ohne dass man seine Worte für jenes therapeutische Wahlkampf-Gerede hält, das nach den plumpen ersten Aufregern über Steinbrück in allen Partei-Zentralen losbrach. Ja, vielleicht, wenn man ihn noch etwas schiebt und drängt, könnte das sogar Michael Glos, der den Bundestag demnächst verlässt. Nur gab der gelernte, in den Familienbetrieb der Eltern hineingewachsene Müllermeister zu bedenken, dass die Fortführung des Berufes neben der Arbeit als Abgeordneter weiterhin möglich sein müsse – sonst gäbe es noch mehr Politiker, die „nach zwanzig Semestern Soziologie“ allein von einem Job in der Politik abhängig seien. Er bleibt da sehr skeptisch.

          Transparenter „Spitzenverdiener“: SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück Bilderstrecke
          Transparenter „Spitzenverdiener“: SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück :

          Womit wir, tausche Soziologie für Politik, Philosophie und Germanistik, auch schon bei Anrea Nahles wären, die Rotgrün so gern zum alleinigen Vorkämpfer in Sachen Transparenz und Unabhängigkeit stilisiert hätte. Allein, den populistischen Spaß verdarb ihr Jauch. Denn zwar stimmt es: Schon die geltende Nebeneinkünfte-Regelung wurde 2005 von Rotgrün angestoßen, und die Forderung nach einer Offenlegung auf „Euro und Cent“ kommt hübsch daher. Genüsslich aber präsentierte Jauch einen Film, der all die rotgrünen Persönlichkeiten der Ära Schröder aufzählte, die nach ihrer Amtszeit munter bis brachial unbekümmert von der Politik ins Wirtschaftsleben wechselten. Mit einem neujustierten Gesetz zur Transparenz von Nebeneinkünften, dämmerte es einem da, ist es nicht getan.

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