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FAZ.NET- Frühkritik: Griechenland-Wahl in ARD und ZDF : Alexis Tsipras als Mittelstürmer?

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Ja, wo sitzen Sie denn? Zuschauer am Rande einer Wahlveranstaltung der Pasok-Partei in Athen Bild: dpa

Die öffentlich-rechtlichen Sender berichteten gestern Abend von einem Schicksalstag – für Deutschland. In Athen, Berlin (und Paris) saßen die Zuschauer jedoch in der zweiten Reihe. Der Platz auf dem Thron blieb König Fußball reserviert.

          Mit ARD und ZDF sitzen selbst die Märkte nur in der zweiten Reihe. Der Platz an der Spitze bleibt König Fußball reserviert. Wahrscheinlich könnte selbst eine Invasion vom Mars daran nichts ändern. Allerdings könnte man sich fragen, ob nicht doch der eigentlich im Jahr 1985 verstorbene Orson Welles am Sonntag das Drehbuch für die Berichterstattung von ARD und ZDF über die Wahl in Griechenland geschrieben hat. „Krieg der Welten“, live aus Athen. Denn von Bedrohung war gestern ab 18:00 Uhr viel die Rede. Der Euro und Deutschland wurden bedroht durch einen jungen Mann namens Alexis Tsipras, aussichtsreicher Kandidat der linken „Syriza“ in den griechischen Parlamentswahlen.

          Die beiden Flaggschiffe des deutschen Fernsehens stellten ihn uns als Eurogegner vor. Tsipras Ideen im Falle seines Wahlsiegs: Er will den strikten Sparkurs beenden, den griechischen Klüngel schleifen und mit der EU über die Zukunft seines Landes neu verhandeln. Das versetzt die deutsche Politik und die Öffentlichkeit in Alarmstimmung. Ist der Euro am Ende? Werden ab Montag die Banken gestürmt? Wie sicher ist der Spargroschen der Deutschen? Und das größte Problem: Wie reagieren die Märkte? So berichteten ARD und ZDF live aus Athen. Carmen Miosga im rosa T-Shirt für die Tagesthemen, übrigens mit einer Liveschaltung via Hamburg aus Athen nach Athen zum dortigen ARD-Korrespondenten. Theo Koll für das ZDF in einem Anzug, nicht rosa. Die sonntäglichen Politiksendungen „Bericht aus Berlin“ und „Berlin direkt“ standen ebenfalls ganz im Zeichen der Bedrohung aus Athen.

          Beunruhigende Beruhigungsversuche

          So mühten sich die beiden Sender redlich, die Dramatik dieses Tages einzufangen. Sie hatten sogar in Berlin identische Gesprächspartner. Der deutsche Außenminister Guido Westerwelle (FDP) und der Präsident der Europaparlaments Martin Schulz (SPD) vermittelten in ihren Statements die Erkenntnis, dass es an diesem Abend zwischen Regierung und Opposition noch nicht einmal graduelle Unterschiede gebe. Die Griechen müssten die Verträge einhalten. Es gehe um Sparsamkeit und Wachstum. Westerwelle äußerte zudem die Befürchtung, dass andere Europäer durch solche seltsamen Ideen aus Athen auf dumme Gedanken kommen könnten. Er sah Deutschland deshalb aber nicht nicht isoliert: Uns unterstützten auch Osteuropäer, etwa im Baltikum. Außerdem könnte Deutschland für seine Solidarität Dankbarkeit erwarten. Er meinte die Griechen, nicht die Märkte.

          Schulz dagegen beschwor den Pragmatismus, egal wer die Wahlen gewinne. Beide waren sich auch einig: Über die Modalitäten beim Sparprogramm könne man mit der neuen griechischen Regierung reden, wenn sie sich an die Verträge halte. Bettina Schausten musste dagegen für das ZDF in Berlin bleiben. Sie hätte ansonsten für Athen sicherlich auch noch das passende T-Shirt gehabt. So durfte sie leider nur Renate Künast (Bündnis 90/Die Grünen) interviewen. Ihre Frage: Wann stimmt die Opposition angesichts der Bedrohung durch Herrn Tsipras dem Fiskalpakt zu?

          Als aber im ZDF Hermann-Josef Tenhagen von „Finanztest“ auftauchte, wurde dem Zuschauer doch mulmig. Er versuchte beunruhigenderweise den Zuschauer zu beruhigen: Dessen Anlagen seien nicht in Gefahr. Der deutsche Anleger habe nichts zu befürchten. Im übrigen gehe es in dieser Krise eher um die Sicherheit von Arbeitsplätzen als um die des Spargroschens. Eine interessante Auskunft. Ansonsten konnte man bei ARD und ZDF einen Unterton heraushören. Eigentlich ist es egal, wen die Griechen wählen. Eine Zukunft werden sie bestimmt nicht haben: in der Eurozone.

          Das ZDF hält die Stellung

          So saßen wir mit ARD und ZDF in Athen und Berlin. Es war ein Schicksalstag für Deutschland. Wahrscheinlich kamen deshalb auch kaum Stimmen zu Wort, die Alexis Tsipras nicht in einem Remake von Orson Welles „Krieg der Welten“ vermuteten. Es ging in der Berichterstattung gar nicht um Griechenland. In ARD und ZDF ging es vor allem um Deutschland. Wie gehen wir mit der Bedrohung namens „Syriza“ um? Es gab allerdings eine lobenswerte Ausnahme: Der „Weltspiegel“ in den ARD kam zwar auch aus Athen, aber in seinen Beiträgen ging es tatsächlich um die Sorgen der Griechen - und nicht um die der Bundeskanzlerin, der Opposition (ob sie noch eine ist) oder die Nöte der deutschen Sparer.

          Makroökonomisch haben sich die Reisen von ARD und ZDF nach Athen sicherlich gelohnt: für die darbende griechische Volkswirtschaft. Diese Solidarität ist leider nur nichts, wofür ARD und ZDF auch noch Dankbarkeit erwarten dürfen. Gleichwohl konnte man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass die eigentliche Bedrohung für die Deutschen an diesem Abend eher in Dänemark zu finden gewesen ist. Das war unser Gegner im letzten Gruppenspiel bei der Fußball-Europameisterschaft. Rainald Becker schien im „Bericht aus Berlin“ den Spielbeginn um 20.45 Uhr kaum abwarten zu können. Wo doch die Griechen schon Russland aus dem Turnier geworfen hatten.

          Aber es ist ja noch einmal gut gegangen. Deutschland trifft jetzt am Freitag auf Griechenland. Vielleicht verzichten die Griechen jetzt aus lauter Sparsamkeit auf die Aufstellung eines Torwarts. Oder sind sie so undankbar und stellen Alexis Tsipras als Mittelstürmer auf? Angesichts dieser Bedrohung ist aber das ZDF gewappnet. Frau Schausten teilte uns mit, dass ihr Kollege Thomas Walde vor dem Kanzleramt die Stellung halte. So können wir guten Mutes dem Viertelfinale entgegensehen. Es wäre übrigens ein besonderer Witz, wenn ausgerechnet Mesut Özil die Griechen aus der Euro 2012 werfen würde.

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