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FAZ.NET-Frühkritik Die Sehnsucht nach dem unausgesprochenen Wort

10.02.2012 ·  Bei Reinhold Beckmann ist die Diskussion um Christian Wulff im Stadium der Sitcom angekommen. Lacher gibt es höchstens vom Band. Ein Trauerspiel.

Von Harald Staun
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Wie nennt man das nun eigentlich am besten, was aus der chronisch noch aufzuklärenden Kreditaffäre des Bundespräsidenten mittlerweile geworden ist? Aus dem Skandal, der eben auch in der Tatsache besteht, dass Christian Wulff es nicht für notwendig erachtet, ihn aus der Welt zu schaffen? Soll man es eine Causa nennen, als ginge es um einen Fall, der sich noch klären ließe (und nicht um ein Stolpern, das mit anzusehen so unerträglich ist)? Eine Kampagne, wie all jene meinen, die so tun, als gäbe es ein heimliches Reservoir von Verfehlungen des Präsidenten, dessen Problem aber nicht seine Unerschöpflichkeit sei, sondern der wasserfolterartige Rhythmus, mit welchem sich Journalisten daraus bedienen?

Es ging, aus einem Anlass, den wieder einmal nicht Journalisten gegeben hatten sondern weitere Ungereimtheiten, schon wieder um den Bundespräsidenten in Reinhold Beckmanns Talkshow, was eben einerseits leider durchaus angebracht war. Und andererseits ein furchtbar sinnloser Versuch, der Sache noch eine Perspektive abzugewinnen, aus der sich die Figur Wulff und deren Verhalten irgendwie schärfer sehen ließe.

Die Rolle Angela Merkels, das war wohl die Idee, sollte den Blickwinkel auf den Bundespräsidenten öffnen, als könne man die undurchsichtigen Zusammenhänge einfach dadurch erkennen, wenn man sie sich einmal durch die Augen der Kanzlerin anschaut. Dass Merkel mit ihrer Unterstützung von Nicolas Sarkozy gerade noch einem anderen Freund in der Not zur Seite springt, reichte, um ihr Faible für angeschlagene Präsidenten zum pathologischen Fall zu machen: „Merkel und die Präsidenten“ hieß der Titel der Sendung. Dass das dürftig zusammengelötete Thema spätestens nach einer halben Stunde auseinanderfiel, war abzusehen; nur wusste man am Ende auch nicht so genau, ob das der Sendung eher nutze oder schadete.

Karikaturen und Witzfiguren

Den angemessenen Ton immerhin hatten die Gäste relativ schnell gefunden: Man hatte sich auf eine Art humorigen Nichtangriffspakt geeinigt, wobei Humor lediglich das Genre bezeichnet, an dem man sich erfolglos versuchte, und nicht die Stimmung, die beim Zuschauer ankam. Es war wie bei Wulff, der ja als Witzfigur auch eher Anlass zur Traurigkeit ist. Wie in einer amerikanischen Sitcom werde man künftig „immer das Lachband mithören“, wenn man ihn sähe, sagte die „Zeit“-Journalistin Mariam Lau, womit sie ein ganz gutes Bild fand, für die tragischen Effekte der Geschichte. Das Gelächter ist institutionalisiert, auch wenn die Show so traurig ist.

Sitcom: Das war gewissermaßen das Stichwort für die übrigen Gäste, die verschiedensten Humorwelten prallten aufeinander, lustig war keine. Der treue Wulff-Debattant Berhard Vogel probierte sämtliche Vorwürfe mit unumstößlichen Lächeln wegzuschmunzeln, darin hat er inzwischen Übung. Gegen soviel Freundlichkeit und Menschenliebe kamen auch Egon Bahrs feine Spitzen nicht durch, sie wurden einfach verschluckt. Und Bahr Freund Peter Ensikat, als sogenannter Kabarettist der einzige hauptberufliche Humorist, wollte lieber ernste Dinge sagen. Oder? Vielleicht waren seine Beiträge auch als Pointen gemeint, es war sehr schlecht zu erkennen. Ob unsere Politiker wirklich mit so wenig Geld zu bestechen seien, wollte er einmal wissen - entscheiden Sie selbst. Ach ja: Zwischendurch wurde noch die Frankreich-Korrespondentin Birgit Virnich zugeschaltet, die ein paar schlechte Karikaturen aus französischen Zeitungen in die Kamera hielt.

Bitte nichts auf die Goldwaage legen!

Fünfundsiebzig überraschungs- und erkenntnisfreie Minuten konnte man erleben, alles war wieder wie immer. Erstaunlich war höchstens, wie viele Themen die Runde doch streifen konnte, angesichts des gemütlichen Tempos der Diskussion und der gelegentlich sekundenlangen Stille. Bahrs und Brandts Reise nach Amerika. Vogels Wurstpakete, die er von Bürgermeistern seines Landes geschenkt bekam. Adenauer. Den Föderalismus. Die Bildungspolitik. Die Sozialdemokratisierung der CDU. Merkels Tatkraft (Vogel: „Bis in die frühen Morgenstunden in Cannes, wenige Stunden später in Berlin, dann wieder in China“). Ihr Geheimnis (Lau: „Sie schwebt als eine Art Weltgeist über den Wassern der Ideologie“). Die Macht der Märkte. Griechenland. Menschenrechte. Jakob Kaiser, der Mitbegründer der DDR-CDU.

Mit Vogel konnte man dabei noch einmal den Politiker der ganz alten Schule erleben, den Typus also, der noch auf die Kraft nichtssagender Floskeln setzt statt auf das Schweigen. Das ganze Paket hatte er mitgebracht, man kam gar nicht mehr raus, aus den Kirchen, die im Dorf zu lassen wären, oder dem Wasser, das dem einfachen Mann auf der Straße bis zum Halse steht, aus all den Wörtern vor allem, die man nicht auf die Goldwaage legen darf. Kann man mit 79 eigentlich noch Bundespräsident werden?

So wenig hatten sich die Gäste zu sagen, dass am Schluss sogar noch Ensikat ein wenig aus seinem Leben erzählten durfte. Vom Kabarett in der DDR und der Bedeutung des unausgesprochenen Worts. Und nicht nur bei ihm stellte sich für einen Moment so etwas wie Wehmut ein.

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Jahrgang 1970, Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

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