http://www.faz.net/-gqz-72b7m

FAZ.NET-Frühkritik : Braucht die Beschneidungs-Debatte ein Update?

  • -Aktualisiert am

Taugt Urtlus Geschichte einer Beschneidung, wie sie in Deutschland selbst gerade nicht typisch ist, wo sehr oft Ärzte den Eingriff unter klinischen Bedingungen durchführen, nun als Argument gegen Beschneidungen, in die Eltern einwilligen? Bild: dpa

Nun hat auch das ZDF mit seinem Talkformat „log in“ die Beschneidungsdebatte entdeckt. Neue Argumente gab es nicht, aber einen bitteren Betroffenenbericht und angestrengt lockere Einspielfilmchen.

          Ali Utlus Beschneidung war für ihn kein Fest. Er war sieben Jahre alt. Ihm wurde weder gesagt, was auf ihn zukommt, noch wurde er gefragt. Als er und sein Bruder sich wehren wollten wurden sie gewaltsam festgehalten, ein Onkel führte schließlich den blutigen Schnitt aus, Anästhesie gab es keine. Der muslimische FDP-Bundestagsabgeordnete Serkan Tören hat seine eigene Beschneidung mit sechs Jahren dagegen als positives Erlebnis in Erinnerung. Die Schmerzen verschwanden schnell und er gehörte nun dazu. Auch wenn die Beschneidung verboten werden würde, so Törens bemerkenswerte Erklärung, würde er seine Söhne beschneiden lassen. Taugt Utlus Geschichte einer Beschneidung, wie sie in Deutschland selbst gerade nicht typisch ist, wo sehr oft Ärzte den Eingriff unter klinischen Bedingungen durchführen, nun als Argument gegen Beschneidungen, in die Eltern einwilligen? Oder belegt Törens nicht weiter ausgeführte, aber positiv verlaufene Geschichte, dass Beschneidungen grundsätzlich unproblematisch sind?

          Am Abend vor der Debatte des Ethikrates zum Thema ging es auf ZDF.info in „login“ um „Beschneidung: Religionsfreiheit oder Kindeswohl?“. Für eine Talkshow, die für sich selbst als „coolste Talkshow im deutschen Fernsehen“ wirbt, war das Thema mäßig originell gewählt, dafür aber tendenziös formuliert – immerhin war es ja das erklärte Anliegen zweier Studiogäste, des etwas betulich wirkenden FDP-Politikers Tören als auch des gelassen und eloquent auftretenden Mainzer Rabbiners Julian-Chaim Soussan, zu erläutern, dass in der Frage der Beschneidung von Jungs Kindeswohl und Religionsfreiheit gerade nicht gegeneinander stehen. In ihren Augen haben nämlich auch Kinder ein Recht darauf, Teil einer religiösen Gemeinschaft zu sein.

          Dem hielt der Michael Schmidt-Salomon, Vorstandssprecher der Giordano-Bruno-Stiftung und von Moderator Wolf-Christian Ulrich als „Chefatheist Deutschlands“ anmoderiert entgegen, dass Kinder auch ein Recht auf Religionsfreiheit hätten, das auch die Freiheit beinhalte, einen anderen Weg zu gehen als die Eltern. An diesem Punkt wäre es hilfreich gewesen, zu klären, was unter Kindeswohl verstanden wird und warum es in der Debatte über die Beschneidung der Vorhaut von Jungs so schwierig ist, festzustellen, ob und unter welchen Bedingungen der in die Kritik geratene Eingriff das Kindswohl gefährdet.

          Aber gedanklich tiefer zu schürfen ist das Anliegen von “login“ nicht, das sich in seiner Selbstdarstellung im Internet auch mit dem Selbstverständnis für sich wirbt: „Deine Show für deine Meinung.“

          Am Abend vor der Debatte des Ethikrates zum Thema ging es auf ZDF.info in „login“ um „Beschneidung: Religionsfreiheit oder Kindeswohl?“

          In der Sendung unterbrach die Online-Moderatorin an mehr oder weniger passenden Stellen die Ausführungen der stehend an zwei Tresen plazierten Redner mit Versatzstücken aus Mails oder Kommentaren: „Wie ist denn die Meinung von Kevin dazu?“ Erhellend waren die so eingeführten Meinungsbrocken nicht, als Moderationsinstrument waren sie dagegen sehr geeignet, längere Ausführungen der Diskutanten zu beenden. Und für das Marketing der betont jugendlich daherkommenden Sendung ist es möglicherweise auch recht wirkungsvoll behaupten zu können: „Bei login stellt ihr die Fragen – und die Gäste antworten in der Sendung.“

          Weitere Themen

          Wird Guinness teurer? Video-Seite öffnen

          Irische Brauerei in Sorge : Wird Guinness teurer?

          Das Dunkelbier ist nicht nur in seiner Heimat Irland beliebt, sondern auch der Exportschlager der Insel. Abgefüllt wird das das Getränk allerdings in Nordirland, was zu Großbritannien gehört. Das könnte in Zukunft zum Problem werden.

          Trump besucht Waldbrandgebiete in Kalifornien Video-Seite öffnen

          71 Tote, Tausende Vermisste : Trump besucht Waldbrandgebiete in Kalifornien

          Der amerikanische Präsident Donald Trump hat in Kalifornien die von verheerenden Waldbränden betroffenen Gebiete besucht. Dort kamen mindestens 71 Menschen ums Leben, mehr als tausend weitere werden vermisst. Seine Meinung zum Klimawandel ändere sich dadurch aber nicht, so Trump auf eine Nachfrage eines Reporters.

          Topmeldungen

          Friedrich Merz, Annegret Kramp-Karrenbauer und Jens Spahn (v.l.n.r.), hier auf einer Veranstaltung in Idar-Oberstein, wollen Angela Merkel an der Parteispitze beerben.

          Zweite CDU-Regionalkonferenz : „Eine unbezahlbare Marketingshow“

          „Wir brauchen euch drei gemeinsam“, meint Julia Klöckner bei der zweiten Regionalkonferenz im Kampf um den CDU-Vorsitz. Doch die Kandidaten versuchen, sich von den Konkurrenten abzusetzen – zum Beispiel beim Migrationspakt. Mit Erfolg?

          Saudi-Arabien : Ein Kronprinz in der Defensive

          Meist geht die Welt nach der Tötung eines Regimekritikers schnell zur Tagesordnung über. Im Fall Khashoggi ist das anders – und das liegt vor allem an Muhammad Bin Salman. Ein Kommentar.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.