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FAZ.NET-Frühkritik: Beckmann : Das Undenkbare denken

  • -Aktualisiert am

Nicht nur in Japan wächst die Angst vor einer nuklearen Katastrophe Bild: dpa

Am Vorabend einer drohenden Atomkatastrophe in Japan ließ auch Reinhold Beckmann über die atomare Gefahr diskutieren und brachte Wissenschaftler, Ärzte und deutsche Expats an einen Tisch. Deutlich wurde dabei vor allem eines: wie ratlos man im Angesicht einer solchen Katastrophe ist.

          Die Beckmann-Sendung zur Lage in Japan war der ernsthafte, wenn auch einigermaßen vergebliche Versuch, mit dem Satz zurechtzukommen, den die Wettermoderatorin Claudia Kleinert unmittelbar vor Beginn der Sendung gesagt hatte: „Eine möglicherweise radioaktive Wolke würde sich auf Tokio zubewegen.“ Der Konjunktiv ist in solchen Situationen die letzte Schutzhülle unserer Sprache vor einer Wirklichkeit, die wir höchstens in schlechten Science-Fiction-Filmen zu denken geprobt haben. Es war ein Satz wie aus einem Film der Godzillaklasse, bloß dass der Fernseher, aus dem er zu hören war, nicht zu Handlung gehörte, sondern im eigenen Wohnzimmer stand.
          Damit war schon von der Wettersendung ein derartig gigantisches Damoklesschwert angesagt worden, dass die Beckmann-Sendung etwas Verhaltenes, fast Friedliches bekam. Von energiepolitischer Polemik oder dem Pathos der Anti-AKW Bewegung waren alle weit entfernt. Die Dinge waren, bei aller Liebe zur Nuance und der Sorge ums Detail, klar.

          In einer ersten Hälfte waren Personen um den Tisch versammelt, die gerade aus Tokio zurückgekommen sind oder starke Bindungen dorthin haben. Auch hier war der Horror im Konjunktiv der unsichtbare Gast an der Tafel, es gab keine sogenannte Prominente und man hat keine vermisst. Lucinde Hutzenlaub, die Frau eines in Tokyo arbeitenden Deutschen, erzählte von ihrer Flucht mit zwei Kindern, die durch ihren zu langsamen Smart und ein nur japanisch sprechendes Navigationssystem verzögert wurde. Das Erdbeben selbst hatte sie zunächst nicht richtig ernstnehmen wollen, bald aber begann eine alptraumhaft klingende Konfusion mit der Kinderabholung. Eine kleine Bemerkung von ihr am Rande hatte das Zeug zu einem ganzen Roman von Haruki Murakami: Frau Hutzenlaub erzählte, dass eine Freundin ihrer Tochter, ein fünfzehnjähriges Mädchen, allein in Tokio sei, weil deren Eltern kurzfristig zu einem Krankenbesuch ins Ausland geflogen waren. Der sollte nur ein Wochenende dauern, doch es kam zur Katastrophe. Für den Kontakt der in Japan lebenden Ausländer untereinander, resümierte Frau Hutzenlaub, gebe es nur noch ein zuverlässig funktionierendes Mittel: „Facebook“.

          Helleres Bild der Lage in japanischen Medien

          Der Japanologe David Schumann erklärte hingegen, dass sich die Stimmung der Menschen in Tokio nach einem recht einfachen Kriterium richtet: ob sie Englisch können oder nicht. Denn wer nur zu japanischen Medien Zugang habe, bekomme ein wesentlich helleres Bild der Gesamtlage als derjenige, der auch englische oder deutsche Internetangebote verfolgen könne. Schumann: „Von meinen Englisch sprechenden Freunden ist keiner mehr in Tokio.“ Traditionell sei man in Japan allerdings darauf eingestellt, der Regierung zu glauben und wenig kritisch zu hinterfragen. Das sei selbst in der ihm gut bekannten Punkerszene so.

          Reinhold Beckmann versuchte kurz, die kulturhistorischen Wurzeln der japanischen Kritikschwäche zu ergründen, aber die Lage war zu dramatisch für Tiefenbohrungen. Denn selbst wenn in Japan nun plötzlich der Morgen der Kritik graute: 36 Millionen Einwohner können nicht fliehen, nirgendwohin - ob sie nun Englisch sprechen oder nicht.

          Seltsam war, wie manchmal in einer zweigeteilten Sendung, dass die Gäste der ersten Runde wie von Geisterhand durch ganz neue Personen ersetzt werden, kaum dass ein Einspielfilm vorbei ist. Vielleicht sind es die Szenen der mit Geiger-Zählern untersuchten Kinder und Greise, vielleicht die vorgerückte Stunde, aber es entspricht nicht eben dem Gebot der Höflichkeit, dass die Gäste, denen man gerade zugehört hat und deren Geschichten aus Japan so anrührend waren, ohne ein Wort plötzlich verschwunden sind. Dies galt insbesondere für die beeindruckende, in Tschernobyl engagierte Ärztin Dörte Siedentopf. Von ihrem Auftritt behielt man in Erinnerung, dass Nuklearkatastrophen auch die Mediengesetze sprengen, weil der Schaden mit den Jahren noch zunimmt, also dann am heftigsten in den Zellen tobt, wenn über den Unfall höchstens noch in Wikipedia etwas zu lesen steht. Ein starker Moment ergab sich aus der Interaktion zwischen der etwas ratlosen Frau Hutzenlaub, die laut darüber nachdachte, mit ihren drei Kindern nach Japan zurückzukehren, und der resoluten Ärztin, die ihr die Gefahren radioaktiver Strahlung gerade bei Kindern schilderte und entschieden davor warnte.

          „Das Undenkbare denken“

          Der zweite Teil der Sendung glich damit schon eher einer Talkshow - was manchem, der sich unter dem Eindruck der Nachrichten einer japanischen Katastrophe gern auf Routine verlässt, beruhigt haben mag. Andere dürften sich hingegen gelangweilt haben - doch eine solche Sendung zu machen ist auch schwer. Schließlich gehört das Für und Wider Kernkraft zu den Erörterungen, die erwachsene Deutsche noch im Schlaf vornehmen können. Etwas Schwung erhielt die Runde durch Mojib Latif, der wegen einer Augenoperation eine Sonnenbrille trug und die Debatte hier und da mit einem herzhaften „Quatsch!“ unter Spannung hielt. Von ihm gab es allerhand Sachinformationen und Detailfragen, aber nichts, was nicht schon in vielen Sendungen zuvor erörtert worden wäre. Das „Undenkbare zu denken“ das sei das Gebot der Stunde, rief Latif, und er hat Recht damit. Doch wie macht man das? Das Fernsehen, insbesondere eine späte Gesprächssendung, ist ein gemäßigtes und mäßigendes Medium; der Wahnsinn der Lage wirkt hinter dem Bildschirm immer schon eingefriedet. Nicht zu senden kommt indes auch nicht infrage. Und so bemühen sich alle, wie in dieser Beckmann-Sendung, und wirken dabei wie die Studiofassung zu Gottfried Benns Zeile: „Wer redet, ist nicht tot.“

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