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FAZ.NET-Frühkritik: Armstrong Beichten macht glücklich

Lance Armstrong kostet Nerven. Er gesteht, jahrelang gedopt zu haben. Aber die öffentliche Abrechnung mit seinen Fehlern, katalysiert durch die nette Frau auf dem Stuhl gegenüber, ist nur ein einziger, langer, lauter Monolog. Ein Fall für den Psychotherapeuten.

© AP Vergrößern Beichten, was sonst? Lance Armstrong während des Interviews mit Opah Winfrey

Wer sich am Donnerstag auf den großen Moment einstimmen wollte, wurde auf dem Kanal, auf dem Amerikas Talkshow-Queen Oprah Winfrey ihre Show abzieht, von einem monotonen optischen Hinweis empfangen. Während  klassische, sorgenvolle Geschichten aus dem Leben missratener  amerikanischer Familien abgespult wurden, zeigte eine rückwärts tickende  Uhr im Sekundentakt den Countdown an. Bei OWN – Oprah Winfrey’s Netowrk  – dachte man an Cape Canaveral. Und Lance Armstrong war wohl die Rakete.

Niemand rechnete damit, dass die mollige, distinguierte Lady mit der sanften Stimme ihren Gast auf den Mond schießen würde. Aber zumindest einige Zuschauer hätten sich so etwas vermutlich gewünscht. Wie jene  Handvoll Journalisten aus dem Outdoor-Fachzeitschriften-Bereich, die Lance Armstrong über ein Jahrzehnt lang mit vorsichtigen Fingern angefasst und den Radprofi unermüdlich als Helden der Sonderklasse auf die Titelseite bugsiert hatten. Und die nun – ohne Angst vor  Anzeigenboykotts aus der Fahrradindustrie und Abo-Abbestellungen der Leser – den sarkastischen Dampf abließen, der für eine ganze Zündstufe  gereicht hätte.

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„Doprah” – ein Twitter-Kunstwort – lautete das Motto, unter dem sie sich etwa in in Betrachtungen über Körpersprache ergingen („Wenn Lance spricht, bringt er dann sein Kinn nach oben? Das macht er gewöhnlich in Interviews und ist ein Zeichen, das signalisiert: „Ich bin dir überlegen.’”). Sie hatten ein altes Backrezept von Linda Armstrong Kelly („Mein Bananenbrot”) herausgekramt und erinnerten auf diese Weise an jene Frau aus der texanischen Unterschicht, die den kleinen Lance mit 17 auf die Welt gebracht hatte. Auch Linda hatte zwischendurch vom Ruhm  ihres Sohnes profitiert. Mit einem eigenen Buch und als bezahlte Vortragsrednerin. Ja, reden können die Armstrongs.

Aber im Reden reicht Oprah allen das Wasser. Und sie ist durchaus gut  vorbereitet. Sage und schreibe 112 Fragen hatte sie sich notiert, nachdem sie die ausführliche Urteilsbegründung der amerikanischen Antidopingagentur gelesen hatte, die vor Monaten veröffentlicht worden war. Sie wurde nicht alle los. Was nicht schlimm ist. Sie sind schließlich gute Freunde und landen schnell schon mal in den abgestandenen Pfützen der Fernsehfragenphraseologie: „Wie fühlst du dich?” „Hat das Gewinnen glücklich gemacht?” „Hattest du das Gefühl,  dass du betrügst?”

Ein Fall für einen Psychotherapeuten

Lance Armstrongs Präsenz kostet Nerven und Energie. Selbst in jenen  Augenblicken, in denen er nicht, so wie einst, zurückbellt wie der Alpha-Straßenköter der Tour de France, sondern dasitzt wie ein reuiger Mensch im Beichtstuhl. Zumal in diesem Augenblick in der Kette der Enthüllungen. Denn bereits so viele Details aus dem Dopingalltag des  Radsports und der systematischen Vorgehensweise in Armstrongs Team sind bekannt. Und wer mehr von den Details erfahren will, braucht sich nur Tyler Hamiltons Buch „Die Radsport-Mafia und ihre schmutzigen Geschäfte”  zu besorgen. Ausführlicher geht es gar nicht. Und lesenswerter auch nicht.

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