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FAZ.NET-Frühkritik: Anne Will Wir sind Kachelmann

02.08.2010 ·  Weil sowieso schon jeder eine Meinung zum Fall Kachelmann hat, wollte auch „Anne Will“ nicht abseits stehen - und diskutierte, ob Berühmtheit in Strafverfahren Fluch oder Segen ist. Geklärt wurde das nicht - ebensowenig wie die Frage, ob Kachelmann jemals wieder das Wetter in der ARD ansagen wird.

Von Nils Minkmar
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Seit dem 20. März gab es im Ersten keinen Kachelmann mehr zu sehen, es wurde auch nicht über ihn berichtet. Die Zuschauer erfuhren das Wetter von anderen, und wo er geblieben war, aus anderen Medien. Das war eine hilflose Art, mit dem Fall umzugehen. Bis zu seiner Verurteilung gilt Kachelmann als unschuldig. In den guten Tagen profitierte das Erste von Kachelmann, weil er, was nun wirklich nicht jeder kann, treffende Wettervorhersagen lieferte und gute Quoten garantierte, und als er in Schwierigkeiten steckte, die mit seinem Fernsehauftrag nichts zu tun hatten, da war es plötzlich, als habe es ihn nie gegeben. Diese Linie war auf Dauer nicht mehr durchzuhalten, denn unterdessen hat jeder und jede eine Meinung zum Fall Kachelmann; sein Schicksal ist Erörterungsgegenstand der Freibaddiskussionen.

Gleich in der ersten Sendung nach der Sommerpause fiel nun der Sendung Anne Will zu, das Schweigen im Ersten zu brechen. Dabei wurde, weil man ja schlecht im Fernsehen einen Strafprozess vorweg nehmen kann, die Frage behandelt, ob Kachelmann Nachteile wegen seiner Berühmtheit habe oder nicht doch auch Vorteile. Schon eingangs, gleichsam um die Luft zu klären, hätte man sich einen kleinen Film darüber gewünscht, wie und wo Jörg Kachelmann derart prominent geworden ist. Er hat ja keinen Gesangswettbewerb gewonnen. Das „Wetter im Ersten“ ist für viele eine Veranstaltung mit höheren Weihen wie die Ziehung der Lottozahlen oder das Wort zum Sonntag. Diesen Bezug hätte man herstellen müssen. Und hier wäre auch der Platz eines oder einer Vertreterin des Senderverbunds gewesen, sich zur Sache zur erklären, auch wenn die nur geheißen hätte, man warte noch ab.

So scheint das Erste erstmal auf Zeit zu spielen und die offenen Fragen der Sonntagsabendrunde zu überlassen. Hier ist Alice Schwarzer immer ein Segen. Seit Jahrzehnten besucht sie Sendungen dieser Art, ohne müde oder lustlos zu wirken. Nun kennt der Zuschauer sie schon ein wenig und ahnt beim Lesen der Gästeliste, dass die abwägende, politisch und habituell ganz anders geprägte „Spiegel“-Gerichtsreporterin Gisela Friedrichsen ihre Antagonistin werden würde. Schwarzer ging es darum, an das Ungleichgewicht der juristischen Kräfte zu erinnern und das gelang ihr, indem sie die Geschichte ihrer Vorbereitung zur Sendung erzählte: Während der Anwalt der Klägerin sie tagelang und bis zu Sendungsbeginn nicht zurückgerufen hatte, schrieb ihr Kachelmanns Anwalt eine freundliche Email mit seiner Mobiltelefonnummer und dem Hinweis, er sei für Fragen jederzeit erreichbar. Dennoch schien die Runde einig in der Frage, dass nach heutigem Eindruck die Untersuchungshaft Kachelmanns zu lange gedauert habe.

Mediale Durchleuchtung aller Beteiligten

Besonders wichtig war es Anne Will, den spektakulären Einzelfall vom alltäglichen Elend der juristischen Aufarbeitung von sexuellen Gewaltdelikten zu trennen. Ob sich denn nun, nach dieser medialen Durchleuchtung aller Beteiligten, weniger Frauen dazu durchringen würden, Anzeige gegen einen gewalttätigen Partner zu erstatten? Auf diese Frage verlagerte sich die Diskussion, nachdem die Frage des Prominentenbonus von Alice Schwarzer mit einem unnachahmlichen „Eindeutig ja und nein zugleich!“geklärt worden war.

Ein Moment der Wahrheit ergab sich, als der ehemalige Generalstaatsanwalt Hansjürgen Karge zugab, er würde seiner Tochter, sollte sie Opfer einer Vergewaltigung in einer Beziehung werden, nicht raten, Anzeige zu erstatten, weil Vernehmungen und der Strafprozess eine weitere Traumatisierung bewirken, bei ungewissem Ausgang der Sache. So krass hat sich selten ein Justizvertreter über den Zustand der deutschen Gerichtsbarkeit im Fernsehen geäußert. Nun kann man aber den Einzelfall, bei aller medialen Resonanz, nicht zum Symbol erklären und befürworten dass Kachelmann auch dann bestraft wird, wenn die Anklage zusammenbricht, weil so viele andere Täter zu lasch bestraft wurden oder in Zukunft gar nicht mehr angezeigt werden. Hier hat ja auch die Klägerin eine besondere Verantwortung, über die aber, auch in der Runde, so gut wie gar nicht geredet wurde. Sie tut den Menschen leid, auch wenn sich, wie Gisela Friedrichsen eingangs sagte, Teile ihrer Aussage als Lügen erwiesen haben.

Schwarzers Gespür für Witz und Timing

In diesem Zusammenhang wurde immer mit möglichen Rachemotiven argumentiert, aber das scheint vielleicht etwas zu eng gefasst. Eine interessante Ausweitung der Perspektive ergibt sich beim Blick nach Israel. Dort wurden Männer wegen Vergewaltigung verurteilt, die ihre Partnerin über ihre wahre Identität belogen hatten: einer gab etwa vor, Chirurg zu sein, war aber arbeitslos. Die Frauen klagten, dass sie über die materiellen und emotionalen Grundlagen, die zum Beginn einer Partnerschaft führten, getäuscht wurden. Mit einem Hochstapler wären sie niemals ins Bett gegangen! Das Gericht erkannte solchen durch Betrug herbeigeführten Sex als Vergewaltigung. Juristisch wäre das hierzulande nicht möglich, aber moralisch würde es doch passen.

Einmal solch ein Gespür für Witz und Timing an den Tag legen wie Alice Schwarzer! Als die Sendung auf die letzten Sekunden zugeht, soll noch etwas zwischen ihr und Friedrichsen geklärt werden, die Moderatorin hat ein exaktes Zitat der Spiegel-Reporterin eingeblendet, das wieder unterschiedlich ausgelegt werden kann, nun also macht Schwarzer ihren Punkt mit „Sie sind schon ein dreister Vogel!“ Auch die edelsten Anliegen verlieren nicht, wenn man sie im Fernsehen auf unterhaltsame Art vertritt, da steht Schwarzer in der Tradition Marcel Reich-Ranickis. Doch weder sie noch die Runde von Anne Will haben am Sonntag Abend das Problem der ARD gelöst: Wird er je wieder das Wetter ansagen? Und wer sagt den Zuschauern, wovon das abhängt? Einstweilen ist er einfach wegretuschiert, wie die Kommunisten es mit unliebsam gewordenen Genossen taten, die von Gruppenbildern nachträglich eliminiert werden mussten.

Bernhard Möllmann, der Pressesprecher der ARD, wendet sich gegen die in unserem Text vertretene Ansicht, über Jörg Kachelmann sei im Ersten seit dessen Verhaftung nicht mehr berichtet worden. Richtig sei vielmehr, so Möllmann in einer E-Mail an die Redaktion, dass das Erste „bereits am 22. März, unmittelbar nach dem Bekanntwerden der Untersuchungshaft, erstmals berichtet hat“. Seither habe die ARD „den Fall mehrfach thematisiert“, etwa „in mehreren Ausgaben der Sendung ,Brisant'“. „Tagesschau“ und „Tagesthemen“ beschäftigten sich mit dem Fall, „seit Anklage erhoben worden ist“.

FAZ.NET

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