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FAZ.NET-Frühkritik: Anne Will Wählbar, aber erschreckend

23.02.2012 ·  In der Sendung „Anne Will“ wurde gestern über Joachim Gaucks Eignung zum Bundespräsidenten diskutiert. Die Diskutanten brauchten einander kaum. Sie widersprachen sich schon selbst.

Von Jürgen Kaube
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© dpa Anne Wills Talkshow diente der Bekräftigung. Wer sagte, sie diente der Information?

Als Konrad Adenauer einmal, auf ein Urteil angesprochen, das nicht zu seiner Politik passe, zurückfragte, was ihn sein dummes Geschwätz von gestern angehe, fanden das manche zynisch. Im Verlauf von Talkshows erlebt man jedoch viel kürzere Abschreibungsperioden für Argumente. Hier müsste es heißen: Was geht mich mein Daherreden von gerade eben an?

In der Gesprächsrunde von Anne Will über Joachim Gaucks Eignung zum Bundespräsidenten gab es viele Beispiele dafür. Ein junger Herr von den Berliner Jusos etwa hielt Gauck für wählbar, wenngleich er ihn nicht wählen würde, teilte aber fünf Minuten danach mit, er habe bei Gauck „viel Erschreckendes gelesen“. Wählbar, aber erschreckend.

Der Journalist Giovanni di Lorenzo und der Sachbuchautor Richard Precht wiederum beschrieben teils erfreut, teils empört, dass Gauck als Kandidat aus einem riesigen Hickhack von Parteien hervorgegangen sei, von denen eigentlich nur die bis zum Verschwinden kleinste ihn wirklich wolle. Di Lorenzo bekräftigte außerdem, dass es gut sei, wenn jemand – die „Internetgemeinde“, die Linke im Allgemeinen und ehemalige Parteisekretärinnen für Agitation und Propaganda an der TU Dresden im Besonderen – gegen Gauck sei. Um danach mit der Zeitdiagnose aufzuwarten, wir lebten leider in einer „Konsensgesellschaft“. Hickhack, also Konsens.

Freiheit vor Gerechtigkeit?

Di Lorenzo fand an Gauck auch prima, dass er in der Lage sei „die Menschen mitzunehmen“. Aber besonders gut, dass es Gauck nicht so kümmere, wie er ankomme. Konsens gut, Dissens auch gut. Oder auch: Konsens schlecht, Konsens, dass Dissens gut ist, hingegen gut.

Die ehemalige Parteisekretärin der SED wusste ihrerseits, im Einklang mit dem Jungsozialisten und dem Sachbuchautor, dass Freiheit – die Gauck ständig im Mund führe - ohne Gerechtigkeit gar nichts sei. Fand dann aber, dass man die Leuten von der DDR-Staatssicherheit nach 1989 viel zu sehr drangsaliert habe. Und als ihr Vera Lengsfeld (CDU) daraufhin entgegenhielt, dass auch den Opfern des SED-Regimes der Sinn nach Gerechtigkeit steht, versetzte sie, jeder verteidige die eigene Biografie. Also doch Freiheit vor Gerechtigkeit, jedenfalls so lange es nicht um Verteilungsfragen geht?

So könnte man weiter berichten und käme immer wieder auf dasselbe Dilemma. Die Diskutanten, von denen sich nur der Historiker Heinrich August Winkler durch Sachbeiträge – etwa zum Unfug direkter Präsidentenwahl - abhob, haben ihre eigenen Meinungen nicht im Griff. Sie finden entweder alle Werte golden (Freiheit und Gleichheit, Reden und Handeln, Vielfalt und Integration, Eigensinn und Repräsentation usw.), oder ziehen momentan einen vor, ohne sich zu fragen, ob sie diese Präferenz bei einem Themenwechsel auch nur fünf Minuten durchhalten.

Oder bei einem Epochenwechsel: die Parteisekretärin. Oder bei einem Ortswechsel: der Sachbuchautor, den ich schon bei einem FDP-Kongress als Matador des Liberalismus gehört habe, der hier aber aus der Freiheit in drei, vier Sätzen die Anarchie oder (!) Oligarchie hervorgehen ließ.

Dass man so nicht vom Fleck kommt, bedeutet natürlich für Talkshows dieser Machart nichts. An ihrem Ende steht sowieso nur fest, was auch schon vorher alle wussten. Sie dienen der Bekräftigung. Was geht sie die Behauptung an, sie dienten der Information?

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Jahrgang 1962, stellvertretender Leiter des Feuilleton.

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