Es ist schade, dass Waldemar Hartmann ein so prinzipienfester Mensch ist und seine sanft namensretuschierte Stammtisch-Audienz (inzwischen: „Waldis Club“) in der ARD partout nicht abhalten will, ohne dass vorher ein Fußballspiel stattfindet. Und das ist erst heute, am Donnerstag angesetzt. Bei Hartmann kann man sich jedenfalls sicher sein, was einen erwartet.
Weil aber dieses Land offenkundig derzeit nichts anderes bewegt als die bevorstehende Europameisterschaft in Polen und der Ukraine, konnte die frühere Sportmoderatorin Anne Will nicht umhin, ebenfalls Fußball zum Thema ihrer Sendung zu machen. Fußball – und die Geisteshaltung der Stunde: Unbarmherzigkeit.
Klar, kann man schon machen, Fußball, Ukraine, Unbarmherzigkeit. Aber das wäre doch arg politisch. Hat Löws Mannschaft nicht am Samstag gegen die Schweiz verloren und so schlecht gespielt, dass der eingeplante EM-Titel nun wieder in Gefahr ist? Wie unbarmherzig ist das denn? Und ist es nicht unfassbar unbarmherzig, dass der bayerische Holländer Robben vor acht Tagen von den eigenen Fans ausgepfiffen wurde? Aber hallo! Un – barm – herzig.
Anders ist jedenfalls der Titel der Sendung (Sabine Töpperwien würde an dieser Stelle sicher von Chronistenpflicht sprechen, aber dazu am Ende mehr) nicht zu erklären: Fußballgott oder Vollpfosten – Wie unbarmherzig ist Fußball-Deutschland?
Wills Aufstellung
Das schreit nach einer Gegenfrage: Wie unbarmherzig sind Talkshowredaktionen? Warum müssen sie eigentlich ihre Sendungen, die sich um den Fußball drehen, und von denen es zuletzt weiß Gott zu viele gab, mit den fürchterlichsten Überschriften versehen? Plasberg war hart („Gewaltige Leidenschaft – wer schützt den Fußball vor seinen Fans?“), bei Maischberger wütete das gefährliche Alliterationsmonster („Kicker, Kohle, Krawalle – Wer regiert König Fußball?“) – aber Wills Mannschaft könnte in dieser Form auf Jahre hinaus unschlagbar sein.
Und so durfte sie mit Marcel Reif, Corny Littmann, dem früheren Profi Jens Nowotny, Norbert Blüm, Carlo von Tiedemann und eben Sabine Töpperwien diskutieren, ob Fußballspieler zu viel verdienen, Fußballfans Politikern zu wenig zutrauen, aber von Fußballspielern zu viel verlangen und ob die rauen Sitten des Fußballs nicht inzwischen auf die Politik abfärben, Stichwort „Ich kann Deine Fresse nicht mehr sehen“-Pofalla.
Um es kurz zu machen: 1954 wurde weniger verdient, wusste Norbert Blüm. Carlo von Tiedemann hatte als HSV-Stadionsprecher keine Ahnung von den HSV-Spielern und findet drei Millionen netto für Fußballspieler „zum Kotzen“. Marcel Reif kennt sich gut genug aus, um zu wissen, dass eine Re-Amateurisierung eher nicht bevorsteht. Der frühere St. Pauli-Präsident Littmann findet, welch’ Wunder, zweite Plätze auch sehr gut. Und zu Sabine Töpperwien kommen wir gleich noch.
Ukraine musste doch noch sein
Wirklich interessant hätte es werden können, als Jens Nowotny, 2006 immerhin noch WM-Dritter mit Klinsmann und Löw, mit der Überschrift konfrontiert wurde, die in der „Welt“ einst über ihn zu lesen war: Der abgezockteste Profi unter der Sonne. Nowotny und Bayer Leverkusen gingen 2007 nicht eben geräuschlos auseinander und Nowotnys millionenwertes Verhandlungsgeschick kurz vor dem Karriereende wurde öffentlich. Also versuchte Nowotny dem „Drei Millionen sind zum Kotzen“-Tiedemann (68) und dem „1954 gab es Maggiwürfel für den WM-Titel“-Blüm (76) zu erklären, was passiert war.
So richtig verständlich wurde es leider nicht, vor allem, weil es offenbar im Alter weit weniger unbarmherzig zugeht als auf dem Fußballplatz. Nowotnys Erklärungsdrang jedenfalls wurde durch Blüms arg verständnisvolle Mitleidsbekundungen schnell eingebremst. Will verzichtete auf Nachfragen, am Ende hätte das womöglich auch unbarmherzig gewirkt.
Stattdessen ging es zum Ende der Sendung doch noch um die Ukraine, auch wenn das natürlich rein gar nichts mit der Frage der Sendung zu tun hatte. Aber wer Nonsens titelt, muss sich irgendwo noch ein niveauversprechendes Feigenblättchen erheischen. Praktischerweise hatte die WDR-Sendung „Sport inside“ vergangene Woche einen Rückblick auf die WM 1978 in der Militärdiktatur Argentinien gezeigt, der für den Einspieler ausgeschlachtet werden konnte. Ergebnis: Früher war alles reaktionärer, vor allem die Fußballfunktionäre. Also konnte Norbert Blüm loswerden, dass er von ihnen erwarte, dass sie ihren Mund aufmachen und von deutschen Politikern, dass sie Timoschenko in Haft besuchten.
Finale Einsichten
Und Sabine Töpperwien? Durfte sagen, dass sie es gut findet, dass der DFB am Freitag „Flagge zeigt“ in der KZ-Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau, was fürchterlich klingt, aber anders gemeint war und auch schon deshalb nicht mehr ganz so weh tat, weil sie bereits 75 Minuten zuvor, im zweiten Satz (!) ihres Eingangsstatements (!) zum verkorksten Länderspiel von Basel „die Kirche im Dorf lassen“ wollte.
Und wer bis dahin noch nicht gemerkt hatte, was die Stunde geschlagen hatte, musste eigentlich spätestens jetzt feststellen: Die Messe war gelesen. Oder, um Töpperwien zu zitieren: Fußball ist nicht programmierbar. Fußball ist ein Spiegelbild unserer Leistungsgesellschaft. Der Markt wird von Angebot und Nachfrage bestimmt, auch im Fußball. Und Robben hat die Kastanien gerade international aus dem Feuer geholt.
Das hat die Chefin des ARD-EM-Hörfunkteams alles so gesagt. Nicht am Stück, aber wörtlich. Und: „Ich würde das nicht überbewerten.“
Man sollte es aber auch nicht unterbewerten. So eine Sendung kostet schließlich Geld. Im Privatfernsehen gibt es für Auftritte dieser Art das Phrasenschwein. Sein Einsatz wäre ein Akt der Barmherzigkeit gegenüber dem Gebührenzahler gewesen. Töpperwien hätte die Sendung flugs refinanziert.
Und noch etwas, damit Sie sich darauf einstellen können: Heute ist Anne Will in Waldis Club zu Gast.
Eine Art Gruselkabinett
Jürgen Eschweiler (Fohlen_Eschi)
- 31.05.2012, 16:04 Uhr
Will und Hartmann
Hubert Zapf (hubizapf)
- 31.05.2012, 14:18 Uhr
Nachbesprechung von Talkshows
Guenther Bachteler (bachteler)
- 31.05.2012, 13:32 Uhr
Wo war Bosbach?
Thomas Kobler (ThomasKobler)
- 31.05.2012, 11:02 Uhr
Strenge Kritik
Jörg Beckmann (JLEBeckmann)
- 31.05.2012, 10:58 Uhr