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FAZ.NET-Frühkritik: Anne Will So müde wie Obama

Anne Will diskutiert mit ihren Gästen über den amerikanischen Wahlkampf - das klang nach schon tausendfach Gesagtem. Die Sendung bot denn auch Geplauder ohne Esprit, das manchmal genauso erschöpft wirkte wie Obama nach einem langen Wahlkampf.

© dpa Vergrößern Yes, he can - wenn man das doch auch für deutsche Talk-Sendungen sagen könnte!

Das war Stammtisch ohne Alkohol. Bedenklich war das nicht wegen des Stammtischs (man sollte einmal eine eigene Talkshow dem Aussterben der Stammtische als einem Verlust von politischer Partizipation widmen), nein, bedenklich war in diesem Fall der fehlende Alkohol. Denn so fehlte der gänzlich trockengelegten Runde jener Esprit, der nötig gewesen wäre, um zum Thema amerikanischer Wahlkampf am Abend nach der Wahl noch irgendetwas Neues, Überraschendes hinzuzufügen.

Christian Geyer-Hindemith Folgen:  

Im Prinzip ist es ja gar keine schlechte Idee, zum Wahlkampfthema, wie bei Anne Will geschehen, einen Immobilienmakler (Thomas Kramer) und einen Politiker-Coach (Dominic Boeer) einzuladen.
Man hätte die Verwerfungen der amerikanischen Gesellschaft anhand der tausendfach leerstehenden Einfamilienhäuser beschreiben können; die Immobilienkrise als Symptom für die gekippten Existenzen des Landes hätte uns schlagartig aus dem „politischen Dschungelcamp“, wie der frühere ARD-Korrespondent Klaus Scherer in der Sendung den Wahlkampf nannte, herausgerissen. Auch der Verfall der politischen Rede, der Ausfall der Argumente zugunsten der Zig-Milliarden-Dollar-Show,  wäre ein naheliegendes Thema gewesen, wenn man sich schon einen Politiker-Coach ins Studio holt. Aber nein, Immobilienhändler und Politiker-Coach räsonierten über das Kräfteverhältnis zwischen Amerika, Russland und China, über die Frage, ob Obama nun müde geworden ist oder nicht, statt sich zu ihrem eigenen Metier zu äußern.

Hat man den Immobilienhändler am Ende nur deshalb eingeladen, weil er in Miami wohnt? Er plauderte mit dem Coach über die Müdigkeit Obamas um die Wette, am Ende siegte er nach Punkten mit der Bemerkung, man trete hier doch in einer „sympathisch gestylten Runde“ auf, schon deshalb, weil Sahra Wagenknecht („die Sahra find ich sympathisch“) Rot trage (die Kamera schwenkte auf die dunkelroten Socken des Immobilienhändlers, die er zu hellroter Krawatte trug). Der Politiker-Coach seinerseits, der auch schon in Vorabendserien des Fernsehens Rollen übernommen hatte, mimte den politischen Kommentator, der sich mit kreativ kombinierten Versatzstücken aus Leitartikeln über die eigene Ahnungslosigkeit rettete.

155765365 © AFP Vergrößern Wiedergewählt: Barack Obama am Wahlabend mit seiner Familie

Tatsächlich waren es Sahra Wagenknecht und Gesine Schwan, die in der Runde für Substanz sorgten, indem sie das Geschwafel ein ums andere Mal durchstachen. Wagenknecht überzeugte mit ihrem Detailwissen über die Haushaltskrise der Vereinigten Staaten, was aber mit Blick auf die kommende Präsidentschaft leider nur von dem ehemaligen Korrespondenten Scherer aufgegriffen wurde. Und als die Fotos eines abgekämpften Wahlkämpfers Obama die Müdigkeit des Präsidenten belegen sollten, reichte ein Hinweis Schwans, jeder werde im Laufe eines langen Tages schließlich auch mal müde, ohne deshalb schon amtsmüde zu sein, um Anne Will über die Foto-Plattitüde ihrer eigenen Redaktion zum Lachen zu bringen. Schwan selbst wehrte sich vorbeugend gegen die hilflose Suggestion der Talkshow-Regie, sie solle als zweimalige Kandidatin für das Amt des Bundespräsidenten den Zuschauern nun einmal aus der Küche eines Präsidentschaftswahlkampfs erzählen. Natürlich seien beide Wahlkämpfe überhaupt nicht miteinander vergleichbar.

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Wie gut verstand man nach dieser Fernsehrunde die coole Bemerkung des Journalisten Scherer, das Versagen der politischen Analyse im Angesicht des großen Spektakels sei nun einmal systemkonform. Solchen Fatalismus hat das Geplauder bei Anne Will nicht widerlegen können. Aber gut, dass man darüber gesprochen hat.

Quelle: FAZ.NET

 
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