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FAZ.NET Frühkritik: Anne Will Knapp daneben – aber trotzdem sehenswert

Gestern Abend sollten sich die fünf Talkgäste Anne Wills der Frage widmen, warum junge Muslime radikal werden. Überwiegend befasste sich die Runde allerdings mit Integrationsversäumnissen aller Art.

© dapd Vergrößern Zu Gast bei Anne Will: Neuköllns Bürgermeister Heinz Buschkowsky

Die Redaktion muss es geahnt haben. Sonst hätte sie nicht den Neuköllner Bürgermeister Heinz Buschkowsky (SPD) zum Talk bei Anne Will eingeladen, dazu eine Förderschullehrerin aus einem Gelsenkirchener Stadtteil mit hohem Migrantenanteil und einen türkischen Kabarettisten, der von Hass erfüllt zu sein scheint auf alle Deutschen, die politisch weiter rechts stehen als die Grünen. Man kann nicht 75 Minuten lang über die Frage diskutieren, warum aus jungen Muslimen radikale Islamisten werden, und dabei allgemeinverständlich, kontrovers und unterhaltsam bleiben. Wer das ernsthaft plante, hätte nämlich auch Gäste einladen müssen, deren Aussagen zum Thema viel differenzierter gewesen wären: Einen Islamwissenschaftler zum Beispiel, der zeigt, warum der Koran sich besonders eignet für den Missbrauch durch Extremisten, aber auch einen Verfassungsschützer, der die Stufen der Radikalisierung hätte erklären können, und einen Pädagogen, der beschreibt, wie die Herausforderungen des frühen Erwachsenenalters, die hohe Bedeutung der Peergroup und die Notwendigkeit der Identitätsfindung so anfällig machen für krause Ideologien.

Bis zu fünftausend Salafisten in Deutschland

Uta Rasche Folgen:    

So waren es die Bundestagsabgeordneten Wolfgang Bosbach (CDU) und Volker Beck (Grüne) - Mitglied des Innenausschusses der eine, stellvertretendes Mitglied dort der andere - die anfangs am nächsten am Thema blieben. Unter den 4,2 Millionen Muslimen in Deutschland gibt es etwa 38.000 bis 40.000 Islamisten, davon viereinhalb- bis fünftausend im salafistischen Milieu. Das scheinen zwar nur wenige zu sein; doch haben sie, wie Wolfgang Bosbach anmerkte, das stärkste radikalisierende Potential. Und sie sind auch am gefährlichsten. Denn überall dort, wo in den letzten Jahren in Deutschland Anschläge von muslimischen Fundamentalisten geplant waren oder ausgeführt wurden, waren es salafistische Kreise, in denen der Täter sich zuletzt bewegt hatte. Sieben Anschläge mit islamistisch-terroristischem Hintergrund konnte der Verfassungsschutz in den letzten Jahren verhindern, darunter den der Sauerland-Gruppe, der in einer Katastrophe hätte enden können.

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Der Attentäter Arid U., der im März 2011 am Frankfurter Flughafen zwei amerikanische Soldaten erschoss und dafür zu lebenslanger Freiheitsstrafe verurteilt wurde, hatte eine extrem kurze Zeit der Radikalisierung hinter sich, offenbar mit Hilfe des Internets und salafistischer Schriften. Seine Tat war der erste islamistische Anschlag in Deutschland, bei dem Menschen starben. Einen ähnlichen Radikalisierungsweg ging Murat K., der bei einer Demonstration gegen Mohammed-Karikaturen in Bonn zwei Polizisten so gezielt mit einem Messer in den Oberschenkel stach, dass sie viel Blut verloren. Er wurde vergangene Woche zu sechs Jahren Haft verurteilt. In der Verhandlung sagte er, ein deutscher Richter habe ihm gar nichts zu sagen, weil er nur auf Allah höre. Im übrigen sei der deutsche Staat schuld an der Eskalation der Gewalt, weil er das Zeigen der Karikaturen erlaube.

Auch der Papst muss sich Witze gefallen lassen

Nun waren alle Talkgäste der Ansicht, dass die Meinungsfreiheit auch das Zeigen von Karikaturen erlaube, die einen religiösen Führer verunglimpfen – wenngleich auch Pro NRW mit dem Zeigen der Karikaturen die maximale Provokation gesucht habe. Volker Beck merkte an, dass schließlich auch der Papst nicht verhindern könne, auf einem „Titanic“-Titelblatt in unvorteilhafter Weise gedruckt zu werden. Wenn nun Muslime in Deutschland dem Christentum gleichgestellt sein wollten, müssten sie Ähnliches eben auch ertragen.

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