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FAZ.NET-Frühkritik: Anne Will „Die Deutschen sind sehr gesprächig“

29.11.2010 ·  Bei Anne Will ging es selbstverständlich um die Dokumente aus dem amerikanischen Außenministerium. Die Talkshow markiert den Auftakt einer aufgeregten Woche: Wer oder was ist vor Wikileaks noch sicher? Und wer wird noch mit den Amerikanern reden?

Von Michael Hanfeld
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Wenn Wikileaks ins Spiel kommt, ist Tempo angesagt. „243.270 diplomatischen Depeschen, die Amerikas Botschaften an die Zentrale sendeten, und 8017 Direktiven, welche das State Departement an seine Botschaften in aller Welt verschickte“, mit deren sortierter Herausgabe der „Spiegel“ an diesem Montag wuchert, wollen erst einmal verarbeitet sein. Erst um 22.30 Uhr wollte das Magazin damit am Sonntag an die Öffentlichkeit gehen, doch da durch das Versehen eines Lieferanten ein Exemplar des Blattes in Basel am Kiosk zu bekommen war, musste der „Spiegel“ vorziehen. Für die Talkshow von Anne Will war das Segen und Fluch zugleich. Ein Segen, weil das ein viel spannenderes Thema ist, als über Mobbing im Büro und miese Chefs zu sprechen, was eigentlich auf der Tagesordnung stand. Ein Fluch, weil kompetente Gesprächspartner dazu binnen Stunden aufzutreiben, nicht leicht ist. Doch es gelang - in Maßen, als überstürzter Auftakt einer aufgeregten Woche darf man die Sendung als gelungen bezeichnen.

Dass der Entwicklungsminister Dirk Niebel dabei war, darf man als mutig bezeichnen. Mutig, weil sich in den hastig aufgeworfenen Dokumenten auch ein Verdikt über ihn findet. Seine Berufung habe die amerikanische Botschaft in Berlin als „schräge Wahl“ bezeichnet, lernen wir. Niebel kann damit leben. Dass die Amerikaner über die Koalitionsverhandlungen gut unterrichtet waren, soll zudem einen Zuträger aus Reihen der Liberalen zu verdanken sein. Damit wird Niebel schon weniger gut leben können, auch wenn er flugs in Abrede stellte, dass ein FDP-Mann sich so verhalten haben könnte. Die Zuschreibung des Informanten, die auch im Fernsehen zitiert wird, ist - so sie denn stimmt - jedoch so hinreichend konkret, dass in der FDP die Suche nach dem leutseligen Gesprächspartner bald von Erfolg gekrönt sein dürfte. Informantenverbrennung nennt man so etwas, dank Wikileaks findet sie weltweit in großem Maßstab statt, die Folgen der Namensnennung - vor allem in den Irak- und Afghanistan-Dossiers - vermag wohl niemand abzuschätzen. Der Wikileaks-Gründer Julian Assange hat das Thema bislang in der ihm eigenen Machtherrlichkeit heruntergespielt.

Die Kapitulation des Sascha Lobo

Bei Anne Will spielte es dank Niebel, dank des ehemaligen amerikanischen Botschafters John Kornblum und dank des „Tagesspiegel“-Chefredakteurs Stephan-Andreas Cassdorf schon eine Rolle. Zeugenschutz, Datensicherheit, die Bedeutung des vertraulich gesprochenen Worts gerade in der Diplomatie, darüber gilt es zu diskutieren, genauso wie über die Bedeutung journalistischer Recherche, Verifizierung und Einordnung. Was der Blogger Sascha Lobo und der Kommunikationsberater und ehemalige VW-Kommunikationschef Klaus Kocks dazu sagten, hatte auch seinen Wert, zumindest diente es der Abschreckung. Lobos Verdikt nämlich, dass es irrelevant sei, was er oder jemand anderes in der Runde von der Wikileaks-Veröffentlichung halte, sie geschehe einfach und läute eine neue Ära, eine neue „digitale Gesellschaftsordnung“ ein, ist nichts anderes als eine Kapitulation. Denn was für eine Gesellschaftsordnung soll das sein? Jeder publiziert, ohne Rücksicht auf Verluste, Daten und Informationen, derer er habhaft wird - und dann? Was ist das für eine Gesellschaft, in der es Privatheit und geschützte Kommunikation nicht mehr gibt? Braucht man darüber gar nicht mehr zu reden, weil man die Veröffentlichung nicht mehr verhindern kann?

So einfach macht es sich Klaus Kocks nicht, der allerdings die Unart hat, genauso arrogant und selbstherrlich aufzutreten, wie er es am Sonntag bei Anne Will dem amerikanischen Botschafter Philip Murphy vorwarf, der sich für den Daten-Faux-pas der Amerikaner nicht hinreichend entschuldigt habe. Die Sendung wäre allein mit Casdorff, Kornblum und Niebel gut ausgekommen.

Wissen wir jetzt, was „Amerika“ von uns denkt?

Doch jenseits solcher Haltungsfragen war an diesem Abend schon zu sehen, welche Fragen Wikileaks wirklich aufwirft. Denn wie schreibt der „Spiegel“ und wie übernahm es Susanne Holst, die Moderatorin der „Tagesthemen“ dem Sinn nach? Die Dokumente - von denen gerade einmal sechs Prozent als „geheim“ eingestuft sind -„ enthüllen, wie die Supermacht die Welt wirklich sieht - und ihren globalen Einfluss wahren will.“ Tun sie das wirklich? Wissen wir jetzt, was „Amerika“ über uns denkt? Wissen wir, wer da was von sich gibt und was es bedeutet, wenn die Bundeskanzlerin als „Angela Teflon Merkel“ bezeichnet wird, an der alles abpralle, sie das Risiko meide und „selten kreativ“ sei? In Tageszeitungskommentaren haben wir das hundertfach gelesen, auch die Einschätzung, dass Guido Westerwelle als Außenminister mit Vorsicht zu genießen sei. Es hat natürlich einen gewissen Charme, wenn der amerikanische Botschafter Philip Murphy mit der Einschätzung zitiert wird, Westerwelles Gedanken hätten „wenig Substanz“ und er habe noch einiges zu lernen. Doch taugt das zu mehr als Gossip? Was lesen wir da überhaupt, wenn wir uns der Mühe unterziehen, all die gekabelten Nachrichten zu sichten?

Für eine Belastung der deutsch-amerikanischen Beziehungen taugt das zum Glück nicht. Anders verhält es sich bei den Urteilen über nicht ganz so demokratische Regierungen und diktatorische Regimes. Und genau hier versagt Wikileaks bislang auf ganzer Linie, worauf bei Anne Will Minister Niebel hinwies: Es mag besonders sexy sein, mit derlei Veröffentlichungen die Weltmacht Nummer eins in Verlegenheit zu bringen. Doch ist es relativ einfach, Papiere rauszuhauen, auf die zweieinhalb Millionen Menschen Zugriff haben. Eine solche Online-Offensive ist nur in einem freien Land möglich. Sie brächte erst echten Erkenntniswert, wenn sie uns hinter die Kulissen Russlands, Chinas, Kubas, Libyens und des Iran (um nur einige Beispiele zu nennen) schauen ließe. Doch darauf werden wir wohl lange warten.

Darauf hinzuweisen war bei Anne Will dem ehemaligen Botschafter John Kornblum vorbehalten. Er erzählte, dass ein diplomatischer Posten hierzulande eine angenehme Sache sei: „Ein Grund, warum ein Diplomat sehr gerne in Deutschland arbeitet ist, dass die Deutschen sehr gesprächig sind. Man kann wirklich alles erfahren, was man will. Man braucht nur ein bisschen freundlich sein.“ Den Amerikanern gegenüber werden die Deutschen künftig vielleicht nicht unfreundlicher , aber etwas zugeknöpfter sein. Dank Wikileaks.

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