Die neue Atomdebatte, die die Moderatorin offensichtlich auszulösen versuchte, drohte zwischenzeitlich zu einer schändlichen Parodie der Wirklichkeit zu werden. Denn während die Korrespondenten tagsüber bis in den Abend hinein in Brennpunkten wie in den Nachrichtensendungen immer neue schreckliche Bilder von den Zerstörungen durch das Jahrhundertbeben und den Tsunami boten, während immer neue Hiobsbotschaften über einen drohenden nuklearen Notstand eintrafen, wurde das in Wills Sendung eine Stunde lang mit nicht selten feixenden Bemerkungen der Moderatorin oder ihrer Gäste ins Absurde geführt.
Trauriger Höhepunkt: Das Internet-Telefonat mit der fröhlichen Tochter eines japanisch-deutschen Künstlerpaares aus Osnabrück, die das Beben in Tokio erlebt hatte - oder soll man besser sagen: an der in Tokio die Katastrophe offenbar mehr oder weniger spurlos vorbeigegangen ist? Sie spickte das Interview mit der verwirrenden Bemerkung, in Tokio sehe man heute nicht mal einen Blumentopf, der beim Beben heruntergefallen sein könnte, und hielt am Ende, begleitet vom verlegenen Grinsen der Moderatorin, einen Fahrradhelm in die Webcam - gewissermaßen als improvisierter Ausweis dafür, dass sie sich in ihrem alten Holzhaus durchaus bedroht fühlen durfte, als der Boden unter ihren Füßen zu zittern begann.
Das war aber nur einer von vielen misslungenen Versuchen, die Wirklichkeit dieser unbestreitbar gewaltigen humanitären Katastrophe und ihre Folgen aufzuarbeiten. Eine der wichtigsten Fragen, die am Sonntagabend mehr oder weniger unangetastet im Raume stehen blieb, lautete: Gab es schon eine Kernschmelze in den havarierten japanischen Reaktoren oder steht der GAU noch bevor? Der japanische Botschafter Takahiro Shinyo hätte die Frage vielleicht von offizieller Seite beantworten können. Er wollte es nicht. Oder sollte es nicht.
Die Konfusion wird immer größer
Nein, die Kernschmelze habe es nicht gegeben, behauptete er felsenfest, aber das sei auch nicht das Entscheidende. Millionen Japaner hätten nach Tsunami und Beben andere Sorgen. Sicher. Aber dass Bundesumweltminister Norbert Röttgen („In die Debatte will ich mich jetzt nicht hineinbegeben“) ebenso wie der Wissenschaftsjournalist Ranga Yogeshwar und viele Experten jenseits der Runde schon genügend Indizien in dem Verhalten der Atombetreiber und Regierung zu erkennen meinten, die auf Kernschmelze hindeuten, blieb dem Zuschauer durchaus keineswegs verborgen. Allein es half nichts: Die Konfusion war damit nur noch größer.
Munter driftete anschließend die von Altbischof Huber anfangs mit Respekt vor den Opfern und der Furcht der Überlebenden begonnene Diskussion in die - wie Yogeshwar völlig zu Recht monierte - jedenfalls zu diesem Zeitpunkt „schändliche, alte, ausgegorene Debatte“ ab.
„Kühlköpfe im Kopf versagt“
Großen Anteil daran hatte der Kulturfernsehjournalist Wolfgang Herles. Er hat im Streitgespräch mit der Atomkraftgegnerin und Dokumentarfilmerin Sigrid Klausmann-Sittler die banale Feststellung gewagt, nach der Katastrophe seien die deutschen Atomkraftwerke schließlich immer noch genauso sicher wie vorher, und diese Bemerkung an den polemischen Vorwurf gegen die Anti-Atombewegung geknüpft: „Bei einigen versagen jetzt offensichtlich wieder die Kühlsysteme im Kopf.“ Schon war man mittendrin im parteipolitischen Zündeln. Eine Versuchung, der Umweltminister Röttgen angesichts fehlender oppositioneller Stimmen natürlich am allerwenigsten widerstehen mochte.
Er, der sich zwei Tage vorher noch mit Beschwichtigungen angesichts der nuklearen Entwicklungen in Japan parteiintern zu profilieren verstand, nutzte die nun eskalierende Nachrichtenlage, seine in der Laufzeitverlängerungsdebatte begonnene atompolitische Wende mit großem Pathos nun doch noch herbeizureden.
Hemmungslose Ausbeutung der Not
„Das ist nicht irgendein Unfall“, setzte Röttgen an, „dies ist eine Weltveränderung.“ Nichts sei mehr wie es war. Das berühmte Restrisiko habe sich nun realisiert oder sei dabei, sich zu realisieren, und das sei eine grundlegend neue Erfahrung. „Die parteipolitische Kapitalisierung der Not“, die Röttgen da bereits erkannt haben will bei seinen Gegnern in Berlin, sei aufs Schärfste zu verurteilen. Vielmehr sei eine verantwortliche Debatte zu führen, „die durchaus zu einer Neubewertung“ der Atompolitik hierzulande führen könne. Was anderes als Wahlkampf und Parteiengezänk sollte das sein?
Anne Will hatte sich da schon längst der hemmungslosen Ausbeutung der Not durch das deutsche Sektierertum ausgeliefert. Ihr war es nur noch vergönnt, den Hinweis auf einen neuen Brennpunkt und eine Sondersendung am Montagabend zu lancieren, in dem es um den „Atom-Gau in Japan gehen soll und darum, was das für uns bedeutet“. Erst in diesem Moment hatte man plötzlich wieder das Gefühl, dass da etwas wirklich Schlimmes geschehen war.
Eine permanente Zumutung
Thomas Lehmann (Humansaekularer)
- 14.03.2011, 08:17 Uhr
Offensichtlich habe ich eine ganz andere Sendung gesehen!
Hans-Jörg Rechtsteiner (hhrr)
- 14.03.2011, 08:34 Uhr
... dies ist eine Weltveränderung
Peter Müller (teufelstein)
- 14.03.2011, 08:50 Uhr
Öffentlich-Unabhängig
Jörg Tiffert (Tiffy)
- 14.03.2011, 08:54 Uhr
ich schaue diesen Unsinn schon lange nicht mehr an
Paul Banaschak (paul.banaschak)
- 14.03.2011, 08:54 Uhr