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FAZ.NET-Frühkritik: „Absolute Mehrheit“ Der Vorführ-Effekt

Die Bären tanzen lassen: Raabs vieldiskutierter Polit-Talk „Absolute Mehrheit – Meinung muss sich wieder lohnen“ hat außer Witzchen und Rüpelei wenig zu bieten. So gab es denn auch nur Verlierer.

© dapd Vergrößern Beute für den Rüpel: Die Gäste in Stefan Raabs neuer Talkshow waren angetreten, um zerrissen zu werden. Und so kam es auch.

Munter ging es los, immer zäher wurde es, und am Ende standen fünf Verlierer da, genau genommen sechs, denn Sat1-Nachrichtenchef Peter Limbourg muss nach seinem ruinösen Auftritt als konturloser Gutfinder und lahmer Prozentbalkenableser unbedingt dazu gezählt werden. Stefan Raabs Versuch als Polit-Talkmaster war insgesamt leicht zu verwechseln mit allen anderen Raab-Produkten bis hin zur Poker-Show, in der es schließlich auch um 100.000 Euro und flotte Sprüche geht. Es war diesmal allerdings ein ganzes Stück schwergängiger. Inhaltlich und formattechnisch muss man „Absolute Mehrheit“ wohl einen Reinfall nennen. Aber der Angriff, das sei vorab gesagt, der ist gelungen.

Darin liegt wohl der Hauptwert dieses Formats: Offen tritt es als Realsatire an und ist damit eine echte Gefahr für den Talk-Wahn, der die Öffentlich-Rechtlichen befallen hat. Alle inhaltliche Kritik an ihren Talkshows sitzen ARD und ZDF längst routiniert aus, verkaufen die tägliche Kapitulation trotzig weiter als seriöses Informationsangebot. Vielleicht bemerkt man dort gar nicht mehr, dass man sich ohne Not auf den Status eines Megaphons reduziert hat, in das die vorlautesten „Meinungsführer“ der Gesellschaft unablässig hineinblöken, während kärtchenablesende „Moderatoren“ – alles andere als satisfaktionsfähige Gegner – nur noch Redezeitkonten verwalten: Anbiederungsfernsehen schlimmster Sorte.

Politik muss die Verballhornung verdammen

Stefan Raab hat diesem pseudoinformativen Universalformat mit einem einzigen Fausthieb die Maske heruntergeschlagen: Er setzt eine Belohnung aus für den erfolgreichsten Anbiederer. Er demonstrierte in zahlreichen Interviews, wie herzlich egal ihm der Inhalt des Gesagten oder die Auswahl der Gäste sein würde. Und er zeigte nun in seiner Sendung, dass dem tatsächlich so ist. Als er einmal erwähnte, er habe sich ja vorbereitet, malte er Gänsefüßchen in die Luft und lachte sich kaputt. Wichtig scheint Raab einzig, Tempo hineinzubringen, und zwar so viel, dass kein Kandidat ins Reden kommt oder gar ins Denken. Ständig wurde nach Sekunden das Wort abgeschnitten, weil wieder der unter den Anrufern verloste Wagen beworben werden musste. Oder weil Peter Limbourg sinnfreie Zwischenstände vorzulesen hatte. Gewählt werde ohnehin nach Sympathie, hatte Raab dazu zuvor erklärt.

So ist auch die Aufregung zu verstehen, die vor dieser Sendung innerhalb der politischen Kaste herrschte. Dort nämlich weiß man, dass ein guter Teil des politischen Alltagsgeschäfts exakt so funktioniert: Vordrängeln, Anbiedern, Belohnung kassieren, alles fernab von inhaltlicher Kompetenz (für die man dann ja seine Mitarbeiter hat). Und doch gilt es, genau das zu kaschieren, eben weil man so gut damit lebt. Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU), FDP-Generalsekretär Patrick Döring, Verkehrsminister Peter Ramsauer (CSU) und selbst Ober-Pirat Bernd Schlömer haben nachgerade vor „Absolute Mehrheit“ gewarnt; die nordrhein-westfälische Ministerpräsidentin Hannelore Kraft (SPD) hat es ebenso wie Andrea Nahles (SPD) vorgezogen, die Einladung auszuschlagen.

Ein Nicht-Ereignis hochgeschrieben

Es kann gut sein, dass es Stefan Raab auch in Zukunft schwer haben wird, große Namen in das doch etwas improvisierte Studio in Köln-Mühlheim zu locken, aber es werden sich im Polit-Betrieb immer genug Zukurzgekommene und notorische Querulanten finden, die denn doch erscheinen und unter diesem verhunzten Bundesadler den Affen machen, ob nun begierig auf das Geld oder die Aufmerksamkeit. Und tatsächlich ist es ja auch vollkommen egal, wer die vorgestanzten Phrasen herunterleiert.

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