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FAZ.NET-Fernsehkritik Wo waren wir? Genau!

12.06.2009 ·  Die Kanzlerkandidaten geben sich bei den Polit-Talkshows die Klinke in die Hand. Für Angela Merkel war gestern Platz bei „Maybrit Illner“. Und zwar reichlich: Wie also diese Frau die Welt verändert.

Von Matthias Hannemann
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Es ist etwas aus der Mode gekommen, den Fernseher laut und die Familie leise zu drehen, sobald Abendsendungen für den Kanzler oder Außenminister reserviert werden. Das wird die Gewöhnung sein, denkt man: Für beide, Bundeskanzlerin Angela Merkel wie Außenminister Frank-Walter Steinmeier, hat das große Klinkenputzen im Vorfeld der Bundestagswahl 2009 ja längst begonnen, und allein für Angela Merkel bedeutet dies, dass sie nacheinander bei Anne Will, beim „Town Hall Meeting“ von RTL und bei Sandra Maischberger zu Gast sein durfte, wollte oder musste - während Kandidat Steinmeier zuletzt bei Anne Will und Kerner aufzutreten hatte.

Tatsache aber ist, dass schon lange niemand mehr Neuigkeiten von diesem Kanzlerduell der zirkusreifen Art erwartet, so emsig die Agenturen auch nach verwertbaren Sätzen und die Sender nach Einschaltbelegen suchen. Was anfangen mit dieser unseligen, oft langweiligen und nicht ungefährlichen Traditionsbildung? Das ist die Frage, die unter Fernsehleuten und Politikern niemand ausspricht. Maybrit Illner und Angela Merkel machten gestern das Beste aus der Lage, in die sie sich gegenseitig gebracht hatten: Illner simulierte, mit einem Zitatblock bewaffnet, die kritische Journalistin, Merkel gab die problembewusste Krisenmanagerin, und beide kamen mit dieser Nummer zumindest streckenweise durch.

Es schien, als wolle Illner angreifen

In der ersten halben Stunde schien es sogar, als wolle Illner angreifen: „Die Kanzlerin kann aufatmen: Wir wollen kein Geld von ihr, bloß Antworten“, witzelte sie. Zeigte ein Chamäleon, das die politische Farbe zu wechseln verstehe. Hielt der Kanzlerin den Bestseller-Titel „Wer bin ich - und wenn ja wie viele?“ entgegen. Zitierte Friedrich Merz, der sich im Land der Opel-Retter „allergrößte Sorgen“ über eine Bundesregierung macht, die „zurzeit an allen Straßenecken Freibier“ ausruft. Überhaupt war die Moderatorin anfangs ständig mit Fragen nach dem Stand der Dinge in Sachen Opel und Arcandor und EU-Kommissariat am Start, als habe sie wochenlang für diesen Auftritt gebüffelt.

Angela Merkel allerdings ließ sich nicht aus der Ruhe bringen. Zeitdruck, Regie und Aufnahmevermögen spielten, wie das so ist, für sie. Zwar vergaß die Kanzlerin gelegentlich, beim Lächeln den zweiten Mundwinkel in die Höhe zu ziehen (was ihr den Rüffel irgendeines PR-Strategen und eine Packung Heftzwecken beim nächsten Fernsehbesuch einbringen dürfte). Ihre Antworten aber kamen so direkt, nüchtern und achselzuckend daher, dass sich selbst der Hinweis auf den chinesischen Interessenten für Opel, diesen „absoluten Sonderfall“, und ihre Sorgen, nach der Wirtschaftskrise „wieder in ein normales Wirtschaften hineinzukommen“, in Windeseile in Dampf auflösten, bevor Illner nachfassen konnte.

Als Fragen keine Rolle mehr spielten

Und schwupps, schon war man als Zuschauer mittendrin in einer umfassenden politischen Leistungsschau, als habe es Fragen nach den Risiken staatlicher Bürgschaften und liberalen Konkurrenten nie gegeben. Spätestens nach der pflichtgemäßg inszenierten Bürgerbegegnung hatte die Bundeskanzlerin endgültig Oberwasser.

„Wo waren wir?“, fragte da vom Bühnenrand zwar noch der Mittelschichtler, der in diese zwei Minuten sein ganzes fiskalisches Fachwissen zu packen suchte: „Wir waren bei der Rentenversicherung, genau!“ Fragen aber spielten für diese Sendung keine Rolle mehr, es sei denn als Steilvorlage für ein Ja zu mehr Gerechtigkeit und für ein Nein zu höheren Mehrwertsteuern und mehr Leistungsgerechtigkeit.

„Da ist schon fast die Wahlkämpferin zu hören“, beobachtete Maybrit Illner. „Nein“, antwortete Merkel, „da ist die Bundeskanzlerin zu hören.“

Und die verändert derzeit nach eigenen Angaben nichts Geringeres als: die Welt. Zugegeben, nicht ganz alleine zwar. Aber.

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