Die Redakteure von Günther Jauchs Talkshow dürften vor der Sendung gerade noch rechtzeitig gelesen haben, was Gerd Langguth im „Spiegel“ über Gertrud Höhler schreibt. Die ehemalige Literaturprofessorin vertritt dieser Tage nämlich ihr Buch „Die Patin. Wie Angela Merkel Deutschland umbaut“ in der Öffentlichkeit und zehrt dabei auch von dem Titel „Beraterin“ - Beraterin Helmut Kohls, des sechzehn Jahre lang regierenden Bundeskanzlers und prägenden CDU-Politikers des ausgehenden zwanzigsten Jahrhunderts
Mumpitz! Sagt Langguth, um ihn etwas überspitzt und verkürzt wiederzugeben: Weder Beraterin Kohls noch Ministerkandidatin sei Gertrud Höhler je gewesen. Der ehemalige RCDS-Vorsitzende, CDU-Bundestagsabgeordnete, Grundsatzprogrammkommissionist, Adenauer-Stiftungs-Vorstand und Professor, der zu Kohl, Schröder und Merkel publiziert hat, muss es vielleicht wissen.
Kohl hatte Werte, Merkel hat keine?
So erschien Gertrud Höhler bei Jauch nur als „Beraterin“. Wen oder was sie berät, blieb offen. Das ist insofern von Belang, als Gertrud Höhler bei ihrer Kritik an Angela Merkel auch auf Kohl rekurriert. Der – um es wiederum stark zu verkürzen – stand noch für Werte, Angela Merkel steht für deren Vernichtung. Wobei ein besonderer Wert christdemokratischer Politik in den Augen von Gertrud Höhler offenbar die Atomkraft ist. Sich von dieser abgewendet zu haben, erscheint somit als besonders gravierender Werte-Verrat.
Umgekehrt würde wohl eher ein Schuh daraus: Wie konnte die Union, die sich die Bewahrung der Schöpfung aufs Banner geschrieben hat, je zur Atompartei werden? War nicht das ein Werte-Verrat erster Ordnung, den gerade Konservative beklagen müssten und von dem die immer mehr verspießbürgernden Grünen seit dreißig Jahren zehren? Da ist es doch gar nicht so ungeschickt, auf dem Absatz kehrt zu machen. Und hat nicht Helmut Kohl zu seinen Zeiten die CDU dermaßen dominiert, bis sich nichts und niemand mehr rührte? War diese Partei unter Konrad Adenauer ein wilder Debattierclub? Diese berechtigte Frage gestattete sich zwischendurch Lothar de Mazière, was natürlich eine besondere Pointe ist. Wohingegen der ZDF-Moderator Wolfgang Herles es für problematisch hält, dass Angela Merkel die „Bonner Republik“ nicht kennt.
Der Kanon der Union - abgehakt
Doch es stimmt natürlich, dass Angela Merkel eine Politikerin ist, die umkehrt, wenn die Situation es günstig erscheinen lässt, und dass dabei viele und vieles aus der Kurve fliegen. Atomkraft, Wehrpflicht, dreigliedriges Schulsystem – alles mal im Kanon der Union, alles abgehakt. Wofür es aber bei genauerem Hinsehen auch Gründe gibt, über die wiederum die Union allerdings kaum je diskutiert. Dazu wird die Partei wohl erst kommen, wenn sie alle Wahlen verloren hat und SPD und Grüne sämtliche Ministerpräsidenten und die Koalition im Bund stellen.
Solange es noch Chancen gibt, Wahlen zu gewinnen, schlägt die CSU ein wenig aus, allerdings auch nur mit Blick auf die vermutete Seelenlage ihrer Wähler; ansonsten marschieren alle mit, etliche mit der Faust in der Tasche. Was bei den Sozialdemokraten sich ganz genauso verhielt. Die Genossen haben sich von der Agenda-2010-Politik Gerhard Schröders erst abgewendet, als der Kanzler Geschichte und Berater von Gazprom war.
„Die Fremde aus Anderland“
So atypisch und aus der politischen Art gefallen oder nachgerade pervers ist das Verhalten von Angela Merkel also nicht. Und es ist vor allem nicht leicht als quasi-dikatatorisch zu beschreiben, wie Gertrud Höhler es tut. „Die Patin“, die „Fremde aus Anderland“, die Täterin, die auf so natürliche Weise (qua Herkunft) für die „lautlose Sprengung“ der Pfeiler qualifiziert ist, auf denen Europa ruht, die gar nicht so genau weiß, was Demokratie ist und was Freiheit bedeutet.
Wenn dem so ist oder so wäre - warum weist Angela Merkel dann nicht jemand aus den gestandenen Unionsreihen endlich einmal darauf hin? Wenigstens einer, den sie gerade gemessert und der nichts mehr zu verlieren hat außer der Überzeugung, die CDU sei seine Partei? Wieso muss erst Gertrud Höhler anrücken, so mächtig übertreiben und Wind machen, dass man ihr mit ein paar leichten sachdienlichen Hinweisen die Luft aus den Segeln nehmen kann?
„Nennen Sie mir Namen!“
„Nennen Sie mir Namen“, rief Ursula von der Leyen, die Treueste unter Angela Merkels Prätorianern, in Jauchs Talkshow, als Gertrud Höhler meinte, sie spreche für viele derer, die Angel Merkel abgeräumt habe. Aber Namen nannte die „Beraterin“ natürlich nicht. Und warum unter Helmut Kohl alles so viel werthaltiger gewesen sei als heute, das kam auch nicht so richtig rüber und markiert das Dilemma der Konservativen in der Union: Sie jammern ewig und drei Tage über Werteverfall, sind aber nicht in der Lage, demselben einen auch nur näherungsweise zu konkretisierenden Katalog entgegenzuhalten.
Nötig wäre das durchaus, angefangen etwa bei einem Punkt, den Gertrud Höhler bei Jauch auch ansprach – dass heute gar nicht mehr hinterfragt wird, warum Kinder vom ersten Lebensjahr an dem Staat und dem Aufwachsen in der Gruppe zu übergeben sind. Da lugt der Sozialismus, den Gertrud Höhler beklagt, am deutlichsten hervor.
Bizarr und überzogen
Doch leider hat Gertrud Höhlers Kritik, die aufzugreifen Günther Jauch in der ersten Sendung nach der Sommerpause gut anstand, etwas derart Bizarres, Überzogenes, dass es nicht nur Ursula von der Leyen und Lothar de Maiziere leicht fällt, diese mit Empörung zurückzuweisen, obwohl Gertrud Höhler ihr Monitum im Fernsehen geradezu zahm formulierte. Die Kanzlerin selbst braucht sich darüber, ob des angeschlagenen Tons, kaum Gedanken zu machen.
„Jeder“, hatte sie passenderweise zuvor im Sommerinterview der ARD gesagt, „sollte die Worte sehr wägen“. Gemeint war damit freilich nicht Gertrud Höhler, sondern der CSU-Generalsekretär Alexander Dobrindt, der Griechenland „2013 außerhalb der Eurozone“ sieht.
Mit „Europa kaufen“ hat das nichts zu tun
Apropos Griechenland und Euro-Rettung: Auch das verfängt als Paradeargument gegen Angela Merkels Politik gerade nicht. Denn der Ausverkauf der Euro-Zone hat mit dem Eintritt Griechenlands zu rotgrünen Regierungszeiten begonnen. Und den Ausverkauf der Geldstabilität hätten wir schon längst, wenn nicht Angela Merkel, sondern – zum Beispiel - Sigmar Gabriel das Land regierte. Inmitten der Krise, deren Lösung niemand parat hat, bei der vielmehr permanent Lösungen vorgeschlagen werden, die erkennbar vor allem oder allein demjenigen nutzen, der sie vorträgt, halten sich die Wähler offenbar an Politiker, die im Zweifel gar nichts sagen und bis zuletzt über den nächsten kleinen Schritt nachdenken, um die Katastrophe abzuwenden.
Wobei der von Angela Merkel und der Bundesregierung angeregte Konvent, der dem europäischen Fiskalpakt eine politische Union hinzufügen soll, die diesen Namen auch verdient, worüber dann aber abzustimmen und das Verfassungsgericht zu befragen wäre, alles andere als ein kleiner Schritt ist. Wollen wir doch mal sehen, welche europäischen Länder diesen Weg überhaupt beschreiten werden. Und ob und wie sich die heute herrschende EU-Bürokratur in eine EU-Demokratie verwandeln lässt. Mit „Wir kaufen Europa“, wie es bei Gertrud Höhler heißt, hat das freilich nichts zu tun.
Und so konnte man in dieser einen Stunde bei Jauch am Sonntagabend alle großen Fragen dieser Tage vor dem geistigen Auge erscheinen lassen und auf Gertrud Höhler schauen und denken: War doch wieder nix. Aber immer noch besser als ein Abend mit Markus Lanz im ZDF.
Intelligent oder ehrlich? Bei Frau Merkel gibt es hier keine Koinzidenz!
Norbert Derksen (Kaeckaan)
- 29.08.2012, 19:42 Uhr
Frau Höhlers Leistungsausweis
Robert Hofer (hoferrob)
- 28.08.2012, 16:43 Uhr
Ungewollt hilfreich
Franz Josef Wissing (Alttann)
- 27.08.2012, 21:21 Uhr
Die geschickte SPD/CDU-Kanzlerin
Jörg Beckmann (JLEBeckmann)
- 27.08.2012, 20:59 Uhr
mal etwas verkürzt gesagt, müsste die CDU eine Debatte
führen, die das TV-Publikum überforderte
Jürgen M. Backhaus (dijmb)
- 27.08.2012, 16:45 Uhr