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FAZ.NET-Fernsehkritik Wenn Bohlen auf ältere Mädels steht

21.10.2007 ·  Nun sucht RTL also das „Supertalent“. Nach dem Erfolg von DSDS legt der Sender eine weitere Casting-Show nach. Natürlich saß wieder Dieter Bohlen in der dreiköpfigen Jury. Die Zuschauer sollten also wissen, was auf sie zukommt. Und das war genau das Problem. Von Marco Dettweiler.

Von Marco Dettweiler
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Die Bild-Zeitung hatte - wie üblich - vor der Show gewarnt: „Schockierende Szenen!“ Sogar Dieter Bohlen selbst sei entsetzt über seine eigene Show. „Ich konnte da gar nicht hinsehen, es war schrecklich. Ich wollte aufstehen und die Sendung abbrechen lassen.“ Er hat es nicht getan, er hätte es gar nicht tun müssen und er hätte es auch nicht tun können. Schließlich musste er gegen Ende der Sendung seinen Schützling Mark Medlock noch auf dem Flügel begleiten, weil der Superstar-Gewinner Bohlens neuen Schmalz-Ballade „Unbelievable“ in einer Weltpremiere vorstellte. Als Zuschauer hat man sich einen Abbruch verschiedenster RTL-Shows zwar schon häufiger gewünscht. Doch die Show war in jeder Hinsicht äußerst harmlos. Und das war ihr Problem.

RTL versteht es mittlerweile gekonnt - wohl aufgrund der Erfahrung des Senders mit Casting-Shows und der unzertrennlichen Zusammenarbeit mit Haus-Jurymitglied Dieter Bohlen - solche Shows professionell zu inszenieren. Bei „Deutschland sucht der Superstar“ durfte man lange trainieren. Neben den neun Live-Shows sorgten die Best-of-Casting-Beilagen für garantierte Einschaltquoten. Schon dort tobten sich die Sendungsmacher filmisch aus. Ihr Konzept der Präsentation der Castingaufnahmen: Viel Emotion und Dramatik mit möglichst vielen Effekten.

Auch die 75 Minuten „Supertalent“ waren vollgepackt mit Kameraschwenks- und fahrten, Zeitlupe, Nahaufnahmen, Soundeffekten, Zwischenschnitten auf die Gesichter der Jurymitglieder und auf feuchte Augen ergriffener Zuschauer. Jubelszenen, den Gang zur Bühne oder die Enttäuschung über das Ausscheiden begleitete RTL bei den Kandidaten mit bekannten Songs von Coldplay, Robbie Williams oder Aretha Franklin.

Überraschungsfreie Masche

Um solch einen stramm geschnittenen, kompakten Samstagabend-Videoclip fertig stellen zu können, benötigt man viel langweiliges Rohmaterial. Daher wäre eine Live-Sendung - wie es etwa bei den Superstars noch der Fall war - mit Auftritten vermeintlicher Supertalente im Berliner Schillertheater ein dramaturgisches Risiko gewesen. Was sich die Macher von diesem Konzept versprechen, ist klar: Weil die Sendung erst im Schneideraum entsteht, haben die Verantwortlichen alles in der Hand. Was der Zuschauer sieht, ist bis ins Kleinste streng durchkomponiert. Bei Filmen ist das ein künstlerisches Verfahren ist, bei einer Samstagabend-Show wird es zu einer überraschungsfreien Masche. „Das Supertalent“ wirkt so glatt inszeniert, dass man als Zuschauer sogar daran zweifelt, ob die Auftritte selbst nicht auch inszeniert waren.

So etwa bei der Gesangseinlage des 67 Jahre alten Pizzabäckers Gino. Vor dem Auftritt erfahren die Zuschauer, dass „es seine letzte Chance ist“. Gino singt gerne Arien, hätte das auch gerne beruflich getan, doch seine Familie war zu groß und arm. Der Pizzabäcker legt los. Er singt hörbar miserabel. Die Jury kennt keine Gnade. Sie schickt ihn nach Hause. Eigentlich. Doch Bohlen hakt plötzlich nach. „Mensch, Junge, warum hast du nicht Caruso oder so was gesungen?“ Gino lässt sich nicht lange bitten und fängt an, eine Arie zu singen. Die Jury unterbricht ihn, gibt ihm die zweite Chance. Gino überzeugt daraufhin Jury und Zuschauer. Der Pizzabäcker ist eine Runde weiter.

Zwangsverlierer dürfen nicht fehlen

So etwas ist gelungen dramatisiert. Ernst nehmen kann man es nicht. Wer von den Supertalenten ins Finale kommt, steht vermutlich schon vorher fest. Ein sinnsuchender Pizzabäcker, dessen Talent von RTL entdeckt wird, passt prima ins Konzept; ebenso die beiden alten Damen, die im attraktiven Outfit sinnlose Turnübungen vorführen, aber natürlich Deutschland zeigen, wie fit man noch im Alter sein kann. Bohlen bekennt, dass er auch auf „ältere Mädels“ stünde. Scheinbar Grund genug, damit sich Renate und Rosi für die nächste Runde qualifizieren. Die bedauernswerten Zwangsverlierer durften auch nicht fehlen. Menschen, wie den ostfriesischen Bauchredner, der gar nicht kann, was er verspricht, wird es bei jeder Casting-Show geben. Schon bei der Zusammenstellung der absurdesten, unglaublichsten und peinlichsten Casting-Nummern aus DSDS hatte man das Gefühl: Tun die das wirklich freiwillig oder sind die bezahlt?

RTL hat auf jeden Fall an die ganze Familie gedacht. Es war nämlich für jedes und aus jedem Alter etwas dabei. Kinder dürfen also nicht fehlen. Damit niemand den Sender wegen Kinderarbeit anklagt, hat man für „schockierende Szenen“ gesorgt, die ja laut Bild sogar Bohlen entsetzt haben. Die Mutter, die ihr Kleinkind auf der Hand balanciert hat, wurde mit bösen Blicken und mahnenden Worten nach Hause geschickt. Auch die mit Schwertern und Feuer spielenden Jungen durften schnell ihre Vorführung beenden. Als hätte man die Kandidaten auf die Bühne geschickt, ohne zu wissen, was diese aufführen. Denn es wurden aus 5.000 Bewerbern 150 ausgewählt, die ihr Talent beweisen durften. Der Zuschauer hatte häufig den Eindruck, als würde jetzt erst vorausgewählt.

Böse Eltern und nette Kinder

Mehr Zeit sollte bleiben für die netten Kinder, deren liebe Väter oder Mütter nach der Showeinlage auch die Bühne betreten durften. Die Zuschauer sahen einen sechs Jahre alten Trompeter und einen zehnjährigen Turner, die weiterkamen. Wie diese beiden erreichte auch die „Kreuzung aus Harry Potter und Heintje“ die nächste Runde, sowie zwei kleine Mädchen, die einen Bollywood-Tanz aufführten. Wie Jurymitglied André Sarrasani zurecht sagte, waren die beiden „süß, aber ohne Supertalent“. In die nächste Runde kamen sie dennoch.

Die RTL-Sendung „Das Supertalent“ wirkt wie ein lustiges Torwand-Schießen, bei dem die Regeln nicht so ganz ernst genommen werden. Jeder darf mal an den Ball treten: Talente und Nichtsportler, Alte und Kinder, Selbstbewusste und Angsthasen, Konzentrierte und Zerfahrene. Wenn mal einer nicht trifft, der nach Meinung der Jury treffen soll, bekommt er eben einen Punkt geschenkt. Sportfans wissen, wie öde Wettkämpfe sind, die ohne echte Regeln ausgeführt werden. „Jetzt lass doch den auch mal treffen“ war früher auf dem Bolzplatz nett gemeint, wenn es darum ging, ein Kind mitspielen zu lassen und sein Selbstbewusstsein aufzubauen, das ansonsten den Ball nicht trifft. Doch jeder hat sich gefreut, wenn es wieder weg war.

Der Gewinner von „Das Supertalent“ wird in der dritten Sendung ermittelt. Die wird dann live ausgestrahlt. Es wird um 100.000 Euro gehen. Die Zuschauer stimmen per Telefon ab. Spätestens dann wird die Jury - und auch RTL - einsehen müssen, dass es kein Freundschaftsspiel mehr ist. Die Zuschauer würden sich sicherlich über einen echten Wettkampf freuen. Ohne künstliche Dramaturgie, mit einem grätschenden Dieter Bohlen, ohne talentfreie Mitspieler, mit kämpfenden Supertalenten. Auch wenn es richtig weh tun wird für die Supertalente. Schön anzusehende Freundschaftspiele sind einfach langweilig.

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Jahrgang 1971, Redakteur in der Wirtschaft.

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