15.09.2008 · Kleiner Bildungsgipfel bei Anne Will zu der Frage: Welche Schule braucht das Land? Eine für alle oder viele verschiedene? Gehört die Hauptschule abgeschafft? Fragen über Fragen, auf die weder Politiker noch Lehrer eine Antwort finden. Schüler und Eltern haben eine: Sie suchen sich die beste Schule aus, die sie kriegen können.
Von Michael HanfeldVon dem Berliner Bildungssenator Jürgen Zöllner kann man noch etwas lernen. Nämlich, dass es Schüler gibt, die „theorieorientiert“ und „abschlussbezogen“ lernen und solche, die das offenbar nicht tun. Wobei zu fragen wäre, was sie denn lernen und mit ihrer Schullaufbahn anfangen, ohne Theorie und ohne Abschluss. So wie der Bildungssenator Zöllner die bürokratendeutsche Vokabel „abschlussbezogen“ aussprach- mit dem Ausdruck eines kaum unterdrückten Ekels -, konnte man den Eindruck gewinnen, dass ein Schulabschluss wohl eher ein Makel sei; etwas, für das man sich schämen und das man für sich behalten muss: Abi, igitt, nein danke!
Fehlte eigentlich nur noch, dass jetzt jemand in die aufgeheizte bildungspolitische Debatte den artverwandten Begriff zum berüchtigten „Besserverdiener“ einführt - den „Bessergebildeten“. Und so wie man dem einen durch möglichst hohe Steuern das Besserverdienen austreibt, treibt man dann dem nächsten die Bildung aus, zum Beispiel dadurch, dass man das dreigliedrige Schulsystem abschafft und alle in eine einzige Schule zwingt, die Einheits- oder Gemeinschaftsschule bis zur zehnten Klasse, in Hamburg und Berlin gibt es das ja schon. Alle für eine, eine für alle - so lautet der Kampfspruch der sozialdemokratischen Bildungspolitik. Schüler und Eltern haben in einem solchen System, das die SPD in Reinkultur doch - noch - nicht vertritt, keine Wahl. Aber es ist ja nur zu ihrem Besten.
Der ewige Grabenkampf ist noch nicht zu Ende
Wobei man schon sagen muss, dass ja nicht das Abitur abgeschafft, sondern für jedermann erhältlich werden soll. Die Hauptschule soll weg, sie ist es in manchen Bundesländern so gut wie. Sie soll weg um der vermeintlichen „Chancengerechtigkeit“ willen, weil die angeblich „schwachen“ Schüler, die dort lernen, mit diesem Abschluss keine Chance auf einen Job haben. Was aber vielleicht nicht immer etwas mit der Schulausbildung, sondern eher etwas mit dem Ruf der Hauptschule zu tun hat, den sie im Laufe einer jahrzehntelangen ideologischen Debatte von ihren Gegner angeheftet bekommen hat.
Darauf verwies unter anderem Norbert Röttgen von der CDU, dessen Worten man entnehmen konnte, dass die Union aus dem ewigen Grabenkampf, den schon Generationen von Schülern und Eltern erlebt haben, den einzig richtigen Schluss gezogen hat. Sie will nämlich nicht vorschreiben, wer auf welche Schule zu gehen habe, sondern die Vielfalt bewahren, dass heißt: Hauptschule, Realschule, Gymnasium und integrierte Gesamtschule. Und sie will alle Schulen stärken.
Dieser Vorstellung hatte die Finanzbeamtin Karen Medrow-Struß von einer Hamburger Eltern-Initiative, die eine Schule für alle verpflichtend machen und das gegliederte Schulsystem abschaffen will, recht wenig entgegenzusetzen, außer vielleicht, dass an den gegliederten Schulen nicht „ganzheitlich gedacht“ werde und man doch permanent feststellen müsse, dass die falschen Schüler auf den falschen Schulen seien.
Ganz nett, aber eher am Rande des Debattenstreits, war der Beitrag des Schauspielers Walter Sittler. Als jüngstes von acht Kindern ging er in Schloss Salem zur Schule, schickte seine eigenen Kinder aber auf öffentliche Schulen, tritt für die Gemeinschaftsschule ein, will aber Privatschulen nicht abschaffen. Er monierte, dass zu wenig gelernt werde, was Gemeinschaft eigentlich bedeute und dass bei dem Stoffgepauke, dass sich durch die Einführung des G-8-Abiturs noch verschärfe, der Sport, die musischen und die geisteswissenschaftlichen Fächer zu kurz kämen. Wer wollte ihm da widersprechen.
Der Hauptschullehrer will die Hauptschule abschaffen
Aber wer will der Schulberaterin Barbara Glasmacher widersprechen, die deutsche Schüler an englische Privatschulen vermittelt und sich vor Nachfrage kaum retten kann, wenn sie feststellt, dass wir in unserem Land dabei sind, ein Markensiegel aufzugeben, das andere für vorbildlich halten, besagtes Abitur nämlich? Oder wer der Leiterin der „besten Hauptschule Deutschlands“ Birgit Berendes, die sich dagegen wehrt, dass ihre Eleven als „schwache“ Schüler bezeichnet werden und man ihre Schulform totredet? Wobei gleich neben ihr auf dem Betroffenheitssofa ein Hauptschullehrer saß, der die Abschaffung eben jener Hauptschule fordert, da sie ihre Aufgabe nicht mehr erfülle und ob ihres miesen Rufs inzwischen „Gift für das Selbstbewusstsein der Schüler“ sei.
So ging das hin und her, mit gemäßigtem Tempo und Temperament - die Lehrer brauchten ein wenig, bis sie ausgeredet hatten, sie dozieren halt von Berufs wegen schon gerne -, was gar nicht so schlecht war, bedenkt man, wie sich in dieser Talkshow sonst die üblichen parteipolitisch Verdächtigen in die Haare geraten. Aber leider führte es auch zu nichts, außer der Erkenntnis, dass alle das gleiche wollen, aber nicht dasselbe meinen. Alle wollen die Schüler, die Kinder fördern. Wie man das aber am besten anstellt, darüber gehen die Meinungen seit Jahr und Tag weit auseinander.
In Berlin bekommt man ein „Vermeidungszeugnis“
Wie weit die hehren Ansprüche und die Realität auseinander liegen, das aber schien bei Anne Will nicht auf. Ihre Sendung ist einfach miserabel vorbereitet. Von Berlins Bildungssenator Zöllner wollte sie eigentlich nur wissen, warum er die Gemeinschaftsschule bis zur sechsten Klasse propagiere, es dann aber zulasse, dass Schüler die Grundschule auch schon nach der vierten Klasse Richtung Gymnasium verlassen können. Von „Schlupflöchern“ sprach Anne Will in diesem Zusammenhang. Worauf der Senator ganz generös erklärte, dass er halt kein Ideologe sei und nicht alle über einen Kamm scheren wolle. Was er nicht sagte und wonach Anne Will nicht fragte, das ist das grassierende Phänomen der sogenannten „Vermeidungszeugnisse“, die es an Berliner Grundschulen in den dritten Klassen gibt. Da nämlich soll manch guter Schüler schlechtere Noten bekommen, damit er oder sie auch ja schön bis zur sechsten Klasse auf der Gemeinschaftsgrundschule bleibt und es nicht für eine Empfehlung an ein Gymnasium nach der vierten Klasse reicht. Unter Berliner Eltern ist das „Vermeidungszeugnis“ ein stehender Begriff.
Und warum hat Anne Will nicht einmal einen Blick auf die Spur der Verwüstung geworfen, die der so nah bei ihr sitzende Senator in Berlin und zuvor als Bildungsminister in Rheinland-Pfalz angelegt hat? Dort - in Kurt Becks own Country - schafft Zöllners Amtsnachfolgerin bis 2011 die Hauptschule endgültig ab und ersetzt sie durch die „Realschule Plus“ und sorgt nebenbei dafür, dass es in Grundschulen keine einheitliche Notengebung mehr gibt, sondern eine relative, nach dem Motto: Was bei dem einen „befriedigend“ erscheint, das bekommt der nächste als „sehr gut“ ins Zeugnis geschrieben. Das ist die ganz besondere, die Mainzer Form von „Bildungsgerechtigkeit“.
Das gelobte Land der Bildungsflüchtlinge
Aber schließlich das Wichtigste: All das endlose Gelaber, um es einmal deutlich zu sagen, die dauerhaft chaotische Debatte über unsere Bildungsstruktur, in die jeder bar jeder Kenntnis bahnbrechend eingreifen kann, sobald er nur das Wörtchen „Pisa“ zu buchstabieren in der Lage ist (das sind immerhin vier Buchstaben und einen schiefen Turm gibt es dort auch) oder als UN-Kommissar sich ausweisen kann - diese Debatte bricht sich brutal an den Realitäten des Schulbetriebs. An den viel zu großen Klassen; an den guten, aber geschlauchten Lehrern, die nicht nur Wissen vermitteln, sondern jedem Schüler eine individuelle Lernbiographie schreiben sollen; an den schlechten Lehrern, die verbeamtet sind und die man nicht mehr los wird, ganz gleich wie viele Generationen von Schülern sie in den Wahnsinn treiben; an der mangelhaften Ausstattung, an der ausufernden Bürokratie. Die Liste ließe sich fortsetzen. Sie erklärt, warum sich viele Eltern solche Debatten gar nicht mehr antun. Sie denken nicht ideologisch, sondern handeln pragmatisch und stimmen stattdessen mit den Füßen ab, will heißen, sie schicken ihre Kinder auf die Schulen, die ihnen am besten erscheinen, und das sind leider häufig private Schulen und dann sogar noch welche im Ausland - wo die Frage der Bildung wirklich eine Frage des Geldes und nicht der Begabung ist. So wie in Großbritannien, dem vermeintlich gelobten Land der deutschen Bildungsflüchtlinge.
Zu dem Thema könnte Anne Will noch einige Sendungen bestreiten, nach ihrer Show vom Sonntag hat man allerdings nicht den Eindruck, dass sie das besonders spannend fände.
Mich wundert nichts mehr, ich bin berliner
joachim burkart (fazburri)
- 15.09.2008, 11:00 Uhr
Gibt es irgendwo
Horst Dettweiler (dettw)
- 15.09.2008, 12:08 Uhr
"Abschlussbezogen"
Kilian Haus (khhaus)
- 15.09.2008, 12:18 Uhr
Anne will, aber sie kann's nicht
Michael Thum (stefanvolker)
- 15.09.2008, 12:26 Uhr
Theorie und Praxis
Wick Schaumberger (W_Schaumberger)
- 15.09.2008, 12:33 Uhr