Man habe ja fast den Eindruck, sagte Anne Will an diesem langen Politabend, „immer wenn Januar ist, ist Hessen-Wahl“. Das stimmt, zumindest für diesen und den vergangenen Januar. Aber hat das gestern Abend noch irgendjemanden so richtig interessiert? Roland Koch bleibt Ministerpräsident, die SPD bleibt so gerade eben noch zweistärkste Kraft, die FDP verwirklicht beinahe das „Projekt 18“ - Jahre nach dem Ableben von Jürgen Möllemann -, die Grünen kämpfen mit Erfolg für ihre „Inhalte“, sagen inzwischen aber nicht mehr, worin die bestehen, und die Linke ist auch dabei (und kann zur Not und bei Bedarf als Koalitionspartner einspringen). Soweit, so klar. Viel wichtiger und völlig ungelöst aber erscheint eine andere Frage dieses Abends: Was ist mit Tom Buhrows Haaren los?
Geföhnt oder getönt?
Als Anne Will kurz vor elf zu ihm hinüber schaltete, fielen wir fast vom Stuhl. Denn irgendwie sahen Buhrows Haare dunkler, um nicht zu sagen roter, aus als sonst. Und es könnten - unserem Augenschein nach - auch mehr geworden sein. Ist das echt? Oder ist das einst schüttere Scheitelhaare nur besser gekämmt, sorgsam onduliert, flaumweich geföhnt und dezent getönt worden - so naturecht hergerichtet eben, wie wir es von einem früheren Bundeskanzler gewohnt sind? Eine Dauerwelle? Fast schon ein bisschen wild und verwegen wirkt Buhrow jetzt, kein Vergleich zu seinem sonstigen Look. Mit ihm und seiner Kollegin Caren Miosga hinterm Mikro sehen die „Tagesthemen“ sonst ja durchaus wie die bulgarischen Nachrichten vor der Wende aus. Ob das die Vorbereitung auf Obamas Amtseinführung ist, die Buhrow am Dienstag im Ersten mit überträgt? Die ARD sollte dazu baldmöglichst eine Pressemitteilung herausgeben.
„Der Gulag und die Hölle“
Anne Will hingegen hat erkennbar keine neue Frisur, die braucht sie auch nicht. Sie braucht etwas anderes: Eine Runde, die zum Thema passt und eine Agenda, auf die sie ihre Gäste verpflichtet. Beides war am Sonntag Fehlanzeige. Um die Wahl in Hessen und den Auftakt zum Superwahljahr 2009 sollte es gehen. Sich dazu angerengt zu unterhalten, dafür sind die Ministerpräsidenten Jürgen Rüttgers und Klaus Wowereit schon die richtigen. Allerdings sollte man dann nicht Brigitte Seebacher und Michel Friedman dazusetzen und schon gar nicht Sahra Wagenknecht von der Linkspartei. Denn von denen bringt jeder sein Päckchen mit, um es vor den Zuschauern auszubreiten, ganz gleich, worum es in der Sendung eigentlich geht. Mit Sahra Wagenknecht sieht die Linke im Fernsehen nicht nur ob ihrer telegenen Erscheinung blendend und nicht nach der Chaospartei aus, die sie in Wahrheit ist. Frau Wagenknecht rattert ihren dialektischen Materialismus wie mit dem Maschinengewehr herunter, und das mit dem verklärten Blick der Gläubigen. Wobei sie immer wieder die richtigen Fragen stellt - nach den sozialen Verwerfungen des Turbo-, Manchester- und Raffzahnkapitalismus, mit denen die Volksparteien fälschlicherweise identifiziert werden -, aber leider keinen anderen Schluss daraus zieht, als uns alle in das real existierende Arbeiter- und Bauernparadies zurückzuwünschen, für dessen Aufbau Genosse Stalin Millionen Menschen in den Tod geschickt hat. „Der Gulag und die Hölle“, das falle ihm dazu ein, sagte Michel Friedman.
Da wollte man ihm trotz seines selbstgerecht dozierenden Tons ausnahmsweise einmal nicht widersprechen, aber mit dem Thema von Anne Will hat das leider schon lange nichts mehr zu tun und auch die mitunter vom gesunden Menschenverstand diktierten Einsichten Brigitte Seebachers mochte man unterschreiben (zur Wirtschaftskrise, zur SPD von heute und der SPD unter Kurt Schumacher und Willy Brandt), aber irgendwer hätte doch bitte irgendwann in dieser einen Talkshowstunde aufs Thema zurückkommen sollen. Kam aber nicht und Rüttgers ging nach Hause als der lachende Fünfte, der wenig gesagt, nichts falsch gemacht und die Sympathien entführt hatte.
Weltmeister im journalistischen Topfschlagen
Da hätte um einer spannenden Debatte willen schon jemand von der FDP und von den Grünen hingehört, die in Hessen so unerhört aber auf nicht unerklärliche Weise gewonnen haben. Warum aber hat die CDU nur so wenig gewonnen, mit ihren 37,2 Prozent? Das haben sie sich beim Hessischen Rundfunk gefragt und gefragt und es musste später Abend werden, bis man der Erklärung näher kam, die im ZDF der Politikwissenschaftler Karl-Rudolf Korte ganz flugs formulierte: Die FDP hat ihre phänomenalen 16 Prozent gewonnen, weil viele Wähler das bürgerliche Lager als Sieger sehen wollten, nicht unbedingt aber Roland Koch, und sind dabei auf Nummer sicher gegangen - plus Enttäuschung über die SPD. So einfach kann das sein, doch sich an einem Wahlabend auch nur für fünf Sekunden von dem allgemeinen Geplapper freizumachen und sich selbst zu fragen, was eigentlich geschehen ist, das ist für viele immer noch zu schwierig.
Beim HR-Fernsehen sind sie ja Weltmeister im journalistischen Topfschlagen und so war es - abgemildert zwar im Vergleich zu den Eiertänzen aus dem vergangenen Jahr - auch am Sonntag. Da stand die Reporterin Ute Wellstein zum Beispiel bei der CDU in Wiesbaden und sagte, gleich werde Roland Koch kommen und seinen, „na ja, ich sag's jetzt mal so, ,Sieg‘ verkünden“. Man kann das leicht verbesserte Ergebnis von Kochs Truppe finden wie man will, aber das als „Sieg“ in Anführungszeichen, als beinahe eingetretene oder vollständige Niederlage auszugeben, das sollte doch wohl der politische Gegner und nicht die Berichterstatterin übernehmen. Oder zumindest sollte sie ihre Einschätzung geschickter formulieren. Und was wäre eigentlich, würden wir der politischen Arithmetik von Andrea Ypsilanti folgen, für die der Rückstand von einem Zehntel Prozentpunkt weiland wie ein „Wahlsieg“ aussah? „Wahlsieg mit absoluter Mehrheit“ wahrscheinlich.
Verstehe einer die Hessen
An diesem Abend aber regte niemanden nichts mehr auf. Die SPD sackt auf 23 Prozent und ein paar Gequetschte - na und? Andrea Ypsilanti tritt von ihren Ämtern zurück - war klar. Die CDU gewinnt 95 Prozent aller Wahlkreise - wieso nicht? Die FDP geht durch die Decke - so isses. Die Grünen erringen ein Direktmandat - wenn nicht in Hessen, wo dann? Es ist schon eine ganze Menge passiert, doch hatte man nicht den Eindruck, dass an diesem Abend (die Elefantenrunde im ZDF half auch nicht weiter und mündete in eine Schreiorgie) jemand darüber wirklich sprechen wollte, nicht einmal die Politiker. Verstehe einer die Hessen, verstehe einer dieses Land.
Der ZDF-Reporter Gert Anhalt hat es noch am besten gemacht, mit seinem kurzen Feuilleton, das zur selben Zeit wie die „Tagesschau“ lief. „Der Hessenversteher“ hieß es und machte doch nichts anderes deutlich, als dass man mit den doch eher als träge verschrienen Hessen - bei denen Wahlkämpfe noch immer an den Kalten Krieg erinnern - schon klar kommen, aber sie nicht verstehen kann. „Wen würden die Schafe denn wählen, wenn sie wählen könnten?“, fragt der Reporter den Schäfer, den er auf dem Land besucht. „Mich natürlich“, antwortet ihm der. Was für eine Frage - schließlich hat er seine Schäfchen in diesem harten Winter ins Trockene und Warme gebracht. Dorthin also, wo die SPD erst noch ankommen muss mit ihrem neuen Spitzenmann Thorsten TSG Schäfer-Gümbel. Was für ein treffendes Bild.
Die Sache mit Buhrows Haaren aber bleibt irgendwie beunruhigend.
Mal wieder........
Klaus Rotzki (Rivaldo22)
- 19.01.2009, 09:49 Uhr
Sehr erheiternder Artikel...
Karl Heinz (Ehrenwerter_Geschaeftsmann)
- 19.01.2009, 10:23 Uhr
Schnell umgeschaltet, obwohl.......
wolf haupricht (emilgilels)
- 19.01.2009, 10:29 Uhr
Fernsehkritik
Gerhard Leipert (Trepiel)
- 19.01.2009, 10:31 Uhr
Toupet
Klaus D. Peter (Enigma51)
- 19.01.2009, 11:34 Uhr